Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zum jüdischen Kulturproblem
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Grenzen zwischen diesen beiden Wegen festgelegt werden — eines assimilationsfeindlichen bewußten umwertenden Judentums und der bewußten Assimilation der antinationalen Juden— was schließlich zu einer scharfen Trennung der Begriffe Kultur und Zivilisation führt — ja noch weiter, es müßte die Frage, die dritte Möglichkeit aufgeworfen werden, ob es nicht auch in bestimmtem Sinne eine bewußte Assimilation gibt, eine Emanzipation auf dem Boden der nationalen Bejahung, eine Emanzipation zwecks menschlicher Höherführung und Veredlung des Judentums, ein Abstreifen nur vermeintlichen Judentums, irri Grunde aber nur ein Bruch mit Degenerationsformen, eine Reinigung von Zersetzungsprodukten, kurz, ob es nicht eine wohlverstandene bewußte Assimilation gibt, eine Assimilation der Wahl, in der sich der bewußte nationale Wille die Souveränität wahrt. Kann es denn wirklich als eine zur Auflösung des nationalen Volkskörpers führende Tendenz betrachtet werden, bei Ueberwindung eines anormalen Judentums und der in seinem Schoß entstandenen Mißbildungen auf dem Wege zu neuem harmonischen Menschentum Bildungsideale und Charakterqualitäten fremder Völker zum Vorbild zu nehmen, wie es ein jedes große Volk auf dem Wege zu einer harmonischen Kultur im Zeitalter des Ueberganges, jede große Renaissancebewegung der Geschichte getan hat? Nennen wir es nicht Assimilation oder Emanzipation, nein, nennen wir es lieber mit dem wahren, weniger anstößigen Namen — Eklektizismus. So lange wir nicht auf eigenem Boden das Ideal einer eigenen organischen Kulturschöpfung erleben — mit dieser harten Wahrheit heißt es sich ohne Sentimentalität abfinden — sind wir zu einem provisorischen Uebergangseklektizismus gezwungen, als einen Ausweg aus* tiefen Widersprüchen, als einen Modus vivendi für den modernen national gewillten, aber zu vorläufiger Nationslosigkeit, das' ist Kulturlosigkeit, verdammten Westjuden. Um jedoch Mißverständnissen vorzubeugen, ist unbedingt noch einmal nachdrücklich darauf hinzuweisen: nicht zum Zwecke assimilatorischer Angleichung und Verschmelzung, nicht um das ohnehin zentrifugale Streben ins, Universalistische, Kosmopolitische der gegenwärtigen Juden noch zu fördern, sondern einzig und allein als Mittel des neuen notwendigen jüdischen Kulturkampfes, zum Zwecke der Ueberwindung des morschen Judentums ziehen wir' den modernen jüdischen Uebergangseklektizismus, in dem hier hervorgehobenen Sinn in dem Bereich des Programms persönlicher Kultur und 164