Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Weitertreiben des Nationalismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 137 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sich und wissen nicht, wie unerträglich sie sind; sie leben auch seelisch in Schmutz und verdorbener Luft, in einem Qualm häßlicher Worte und widerwärtiger Vergnügungen.«*) Meilenfern bleibt ihnen alles, was Schönes und Gutes, was Wahres und Heiliges die Menschheit gezeugt. Nichts wird ihnen vermittelt von jenem wunderbaren Drang nach der Sittlichkeit und der Wahrheit, nach der Erkenntnis und nach dem Göttlichen. Während ihnen diese reinsten Regungen, die das Leben erst lebenswert gestalten, verschlossen sind, vernichtet die Konkurrenz, das Merkmal des Kapitalismus und der Kampf um ihr klägliches Existenzminimum alle ihre Kräfte, zwingt sie zur Gewalttat und zum Bösen und ihre jungen Weiber zum Verkauf ihrer Leiber. So sieht die heutige Gesellschaftsordnung aus und kein Denkender kann wünschen, daß auf der Grundlage des Kapitalismus das neue Gemeinwesen in Palästina gebaut werden soll, niemand behaupten, daß aus diesem Ungeiste die neue jüdische Kultur ersprießen kann. Nein, anders, ganz anders soll das aussehen, was wir in Palästina errichten wollen, errichten müssen, errichten werden. Ich will es mir versagen, hier eine Utopie zu zeichnen. Utopien haftet ein Hauch von Unwissenschaftlichkeit und Leichtfertigkeit an. Nur einige der hauptsächlichsten Prinzipien will ich hier andeuten, in deren Rahmen die natürliche Entwicklung die Einzelheiten nachtragen wird. In seinem Buche >Der Staat« zeigt Oppenheimer, daß es zwei grundsätzlich zu scheidende Mittel gibt, den »Trieb der Lebensfürsorge« zu befriedigen. Er nennt sie das »politische« und das »ökonomische« Mittel- Das ökonomische Mittel ist »eigene Arbeit uad der äquivalente Tausch eigener gegen fremde Arbeit«, das politische Mittel »die unentgeltliche Aneignung fremder Arbeit«**). Er zeigt, wie der Staat eine Einrichtung war und ist, durch die Menschen durch Anwendung des politischen Mittels auf andere Menschen ihre materiellen Bedürfnisse befriedigten. Wie die Form des politschen Mittels wechselte: Raub, Sklaverei, Feudalismus usw. und wie der Kapitalismus nur das letzte Glied dieser Kette bildet. Können wir auch die Ansicht nicht teilen,' daß zugunsten des ökonomischen die Wirtschaftsentwicklung die »Tendenz habe« das politische Mittel immer mehr auszuschließen und glauben wir *) Gustav Landauer: Aufruf zum Sozialismus. **) Prof. Franz Oppenheimer: Der Staat, S. 14. 10 137