Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Klatzkins Kritik des Zionismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 127 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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moment bilden; nur die Form vermag es,* — „Konfession und Moral bilden diejenigen Geschichtsfaktoren, die die nationalen Schranken durchbrechen. Sie sind die antinationalen Tendenzen in der Geschichte*. Der nationale Begriff des Judentums ist also keinesfalls mit dem geistigen Begriff Judentum identisch. Es kann ihn einbeziehen, so etwa wie das deutsche Volk einen bestimmten germanisch-christlichen Geist, der bei einem Teile dieses Volkes stark vertreten ist, einbezieht, selbst aber etwas Weltliches, Säkularisiertes darstellt. Diese Theorie kann der Schreiber dieses, da er sie selbst seit Jahren vertritt, nur für richtig halten. Nicht aber die Konsequenzen, die Klatzkin daraus zieht. Wenn nicht der Geist, so können nur „die Formen" Kriterium der Nation seinl Zugegeben. Aber ein bedenklicher Gedankensprung läßt' Klatzkin jetzt diese Formen nur dort erblicken, wo es die Ausdrucksformen—gerade des spiritualistischen Judentums sind: in der religiösen Sitte. Diese, so meint er, waren das einzige, was den Juden in der Galuth national von der Umwelt schied. Da aber die Religion und mit ihr die Sitte im Schwinden ist, kann sich das Judentum in der Galuth nicht mehr behaupten, es muß untergehen. Klatzkin ist also letzten Endes selbst noch so wenig sekularisiert, selbst noch so sehr spiritualistisch, daß er nicht auf den Gedanken kommt, daß auch das rein weltliche, unreligiöse Leben national trennende Formen schaffen kann; z. B. ökonomische Massensiedlung, Literatur, Schule. Erfand diesen Gedanken umsoweniger, a^s er auf einer längst überholten Definition der Nation basiert. Ihm scheinen noch immer Land und Sprache die unerläßlichen und einzig giltigen Kriterien eines Volkes. Er ignoriert die Entwicklung des Nationalitätenproblems und der Nationalitätentheorie. Diese Entwicklung aber hat gezeigt, daß das eigentliche Problem unserer Zeit das Problem der von Land und Sprache bereits losgelösten Nation darstellt. Der unternommene Versuch, den Untergang der Galuth auf logischem Wege zu beweisen, mußte demnach mißlingen. Ein Versuch, rein praktisch, an Hand der Entwicklung der letzten zwanzig Jahre jene Anschauung zu widerlegen, die an eine Existenzfähigkeit und selbst an eine Aufwärts-Tendenz des nationalen Galuthjudentums glaubt wurde leider nicht unternommen. Falsch scheint'mir auch Klatzkins Einstellung Achad Haam .gegenüben Er teilt mit ihm die Erkentnis, daß das Galuthjudentum sich einer fürchterlichen Gefahr gegenüber befindet, da das ♦einzige Band, das es bisher zusammenhielt und widerstandsfähig machte, die Religion, im Auflösen begriffen ist. Aber schon diese Grundeinsicht wird von Achad Haam wesentlich anders begriffen als von Klatzkin. Während dieser nur die Auflösung der „Formen* fürchtet, fürchtete Achad Haam, daß den Juden mit der Religion das Bewußtsein eines Zieles verloren gehen würde und da- 127