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Esra · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 126

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Klatzkins Kritik des Zionismus
Date
1919-01-01
Page
126 (sequence 2)
Language
German
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^Bewußtseins. So dünkt sich der Geist, die Idee, autonome Selbst- •herrscherin und Selbstschöpferin. Dann verliert sie stückweise das ■Revolutionäre, sie setzt sich durch, sie ist nicht mehr gegen die Entwicklung, sie wird selbst zur Evolution. Nun geht sie parallel mit den Dingen, bekämpft sie nicht mehr, sondern baut auf ihnen auf, gliedert sie ein und ist auf sie angewiesen. In diesem Stadium greift sie nach wissenschaftlicher Fundierung, da sie ohne eine solche sich nicht verwirklichen kann. Es entsteht die wissenschaftliche Theorie und Kritik, die sich nunmehr auch der vieldeutigen Wurzeln der Idee besinnt und auf ihrer Erkenntnis das Denksystem der Bewegung aufzubauen versucht* Längst ist der Sozialismus aus einer Idee zu einer Wissenschaft geworden. Der Zionismus befindet sich noch im Übergangsstadium zwischen beiden. Fern von Skeptizismus und Kritizismus bejaht er gläubig sich selbst, gläubig und leichtgläubig, bejaht sich auf Grund von fast schon traditionell gewordenen Worten und schönen Gefühlen — aber daß er noch jeglicher kritischtheoretischen Fundierung entbehrt, das spürt er erst dumpf; spürt -es daran, daß die Geister in heilloser Verwirrung einander um der Worte willen bekämpfen, denen jeder einen anderen Sinn beilegen will; spürt es an der Unsicherheit in den Diskussionen, ■an Streit und Zank derjenigen, die im Vordergrund stehen. Spannungen entstehen, und wehe, wenn keine Ventile sich öffnen. Wir haben kein Forum für gründliche Aussprache, kein Organ für kritisch-wissenschaftlichen Zionismus. Darum vergehen Jahre, bis theoretische Werke bei uns wirksam werden. Jahre hindurch hat man Achad-Haam, dessen Schriften bis vor kuizem den •einzigen bedeutsamere Versuch einer Kritik des Zionismus darstellten, ignoriert und auch heute kennt man ihn immer noch erst ganz ungeheuerlich verzerrt und entstellt Man konnte sich über ihn nicht aussprechen. Das gleiche Schicksal wird diesem Buche beschieden sein, von dem hier die Rede sein soll*), und das, "wenngleich ,es zweifellos den Zionismus nicht entfernt so stark beeinflussen .wird, wie Achad Haam, doch als ein ' ernster * und "bedeutsamer Versuch kritischer Auseinandersetzung die intensivste Diskussion herausfordert. * * * Klatzkin beginnt mit einem vortrefflichen Anlauf: in seinem ersten Kapitel formuliert er unzweideutig klar, wenn auch vielleicht nicht ^umfassend genug, die Forderung nach Säkularisierung des Judentums. Das Erwachen des jüdischen Nationalismus bedeutet die .kompromißlose Abkehr von jeder Lehre, die das jüdische Volk in irgend einem Sinne als geistiges, wie es als konfessionelKreligiöses,, ethisches, philosophisches oder sonstwie weltanschaimngsmäßiges Phänomen betrachtet. „Der Inhalt einer Lehre, ein religiöses Bekenntnis, eine Weltanschauung, ein bestimmter IdeenkompIeXj kann nie ein nationales Differenzierungs- *) Klatzkin: Probleme des Judentums, Jüdischer Verlag, Berlin 1919. 126

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