Mannheim
Compact Memory

Esra · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 124

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Der Judenhaß und die Juden
Date
1919-01-01
Page
124 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2828641-2828642-2828646-2828881--210-2828923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rassenbewußtsein, ihre Rassenerinnerung bewahrt. (Dieses überraschende Einbiegen in den alten Weg der Rassentheorie motiviert Brunner geschickt, doch wenig konsequent damit, daß Rasse zu jenen Lebenskreisen gehöit, die als Gesellschaft vom Staate, welcher bei ihm mit der Nation identisch ist, unabhängig hält.) Also doch gewissermaßen ein Ausnahmezustand m Permanenz in den. innersten Empfindungen dieser für den Nationsstaat als Teil seiner selbst so wichtigen Deutschen jüdischer Abstammung, Aus dieser Wiedel Standskraft der Juden muß geschlossen werden, daß die Juden noch eine Aufgabe zu erfüllen haben. Zion ist sie nicht; denn es ist der „Hereinfall der Juden auf den rassentheoretischen Judenhaß", ein Feind der Emanzipation der Juden und der Menschheit. Diese Aufgabe der Juden, welche, erfüllt, das Vorurteil mildem wird, das dem Staate schädlich, der Menschheit verderblich ist, heißt: Juden sein, indem sie (jedoch ohne Israelitentaufe) als Juden Cristus, den wahren Christus, den Erfüller des Judentums sich zurücknehmen und damit vor der Menschheit aus sich selbst als die Träger und Vollender der genialsten jüdischen Konzeption des Geistes dastehen und ihre Ideen in der Welt zu erfüllen trachten. Dies in Kürze der Inhalt des umfangreichen Werkes. Getragen von stärkstem ethischen Empfinden klingt Brunners Wort oft hinreißend, betörend. Und ist doch nur Woit, Klang- Die Erkenntnis ist anders. Brunners Formulierung des Nationsbegriffes: „Eine Nation bilden die durch eigenartiges Gemeinschaftsbewußtsein und Verantwortungsgefühl untereinander verbundenen und füreinander einstehenden Bürger eines Staates" identifiziert Staat und Nation, Diese Gleichsetzung, welche hisionsch und sachlich unrichtig ist, kommt zustande durch Außerachtlassung eines grundlegenden Momentes, des Wollens (das Brunner doch selbst in seiner Lehre von den Geistigen und vom Volke zusammen mit dem Wissen und Fühlen als die große Einheit unseres lebendigen Denkens formuliert hat). Um die Gleichung Nation Staat aufrecht erhalten zu können, als sie sich im Verlaufe der Untersuchungen über die Besonderheit der Juden nicht mehr halten ließ, mußte Brunner zur Klassenennnerung Zuflucht nehmen, die ein gesellschaftliches, außei staatliches Moment sei. Nation ist aber nicht Staat. Nation ist willensmäßig verdichtete Besonderheit einer Menschengruppe. Dann bedarf es keiner Rückfälle in abgehauste Rassentheorien. Dann ist aber auch der Zionismus kein chauvinistischer RassenreinfaU, sondern nationale Bildung und Bindung durch das ■ Wollen, Wobei die Staatlichkeit nicht die entgültige Gesamtlösung, sondern eine Möglichkeit der- Losung ist. Hier ist also in Brunners Analyse der Judenfrage (die er nur für Rußland so, für Deutschland aber Antisemitenfrage nennt) lediglich eine terminologische Umstellung erfolgt, wobei das Wesen der Sache nicht getroffen ist und unberührt bleibt Unethisch trotz des starke Ethos. 124

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.