Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der Judenhaß und die Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 123 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kreisen der zünftigen Philosophie und Psychologie, welche die Lehre von der Relativität alles empirischen Erkennens, das sich selbst aufhebt, wenn es als absolutes gedacht wird, totschweigt, um nicht an alten Wunden rühren zu müssen. Doch jenseits dieses Zunftkreises wurde eine ganze Generation Geistiger von dem merkwürdigen Werke stark beeinflußt, Nun hat Brunner abermals ein merkwürdiges Werk geschaffen*). Merkwürdig deshalb, weil es — ebenso wie sein philosophisches Hauptwerk — ort eigenartiger Wucht, die sprachlich und terminologisch besonders stark ist, . . * offene Türen einrennt, um dann (ich bleibe im Bilde) den Raum dahinter weniger mit einer klaren Erkenntnis, als mit einem starken Ethos zu füllen. Im Hauptwerke hat er Kants transzendentalen Idealismus nur terminologisch zu erschüttern vermocht, die monistische Naturphilosophie aber durch ethische Kritik vernichtet (nachdem sie philosophischkritisch schon lange vorher vernichtet worden war). In seinem neuen Buche, welches die Wechselbeziehung zwischen dem Judenhaß und den Juden unteisucht, trifft er den Judenhaß, Rassenhaß, Menschenhaß (identische Begriffe bei Brunner) durch die Stärke seines Ethos zu Tode, — was, weiß Gott, schon oft geschehen ist; an die jüdische Wesenheit selbst ist jedoch von Brunner nur terminologisch gerührt worden, was nicht genügt, daher nicht notwendig war. Dennoch ist das Buch anziehend, verführerisch anziehend. Merkwürdiger Fall! Nach einer fesselnden Einleitung, welche interessante Belege für die Gleichartigkeit des Judenhasses und des im Kriege so mächtig erblühten Deutschenhasses in den Äußerungen beider gibt, untersucht Brunner da^ Wesen des Judenhasses und seiner „wissenschaftlichen* Begründungen und setzt sich scharfsinnig mit den Rassenthcorien auseinander, um zu dem 'bereits seit langem feststehenden Ergebnis zu kommen, daß es keine Rassen im Sinne der verkrachten Rassentheorien gebe. Der Judenhaß ist demnach, allem mehr oder weniger schmückenden Beiwerk entkleidet, Aberglaube, das gedankenlose Vorurteil, welches stets die Menschen gegen andere und andersartige Menschen aufstachelte Judenhaß Menschenhaß. AltesQualitätsmanko der Menschennatur, „Was an der Eiche etwa die Gei bsäure (oder ich weiß nicht, was sonst) für die in der Luft enthaltenen Elektrizität ist, das ist die äußerlich auffällige ^Eigentümlichkeit des Juden für den in der Menschheit vorhandenen Haß." „Das Märtyrertum der Juden ist das . , . der unter den Menschenrassen verstreut lebenden Menschen der zentralen Rasse oder der Rassenlosigkeit.u Das sind nach Brunner die Juden. „Die jüdische Nation ist untergegangen, die Juden blieben bestehen." Diese nationslosen Juden, im besonderen Falle, den Brunner behandelt, die „Deutschen jüdischer Abstammung" scheinen — trotz des Vorurteiles, das nach Brunner bestehenwird, so lange es Völker gibt — unüberwindlich. Sie haben ihr *) Der Judenhaß und die Juden. Oesterheld & Cie Verlag, Berlin. 123-