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Esra · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 105

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Latenter Antisemitismus
Date
1919-01-01
Page
105 (sequence 9)
Language
German
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Journalistin, Madame Severine sagte: „Wer sich ärgert, wird Antisemit' — daß die Juden sich untereinander helfen, ist doch schließlich nur darauf zurückzuführen, daß die traditionell Erniedrigten und Beleidigten sich gegenseitig stützen müssen. Aber übersehen wir doch nicht, daß dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, dieser echte Beginn zu jeder sozialen Gemeinschaft, zu einer der herrlichsten Erscheinungen des jüdischen Lebens geführt hat, wie sie mir vorbildlich erscheint, zum jüdischen Familien* begriff. Es ist meine persönliche Ansicht, daß die unbedingt notwendige erste Vorstufe zur Sozialisierung der Welt bei der Sozialisierung der Familie beginnt Ich verallgemeinere, glaube aber doch richtig beobachtet zu haben, wenn ich behaupte, daß die Menschheit vom jüdischen Familienleben immer wieder zu lernen hat. Was jüdische Eltern für ihre Kinder, was Geschwister untereinander, Kinder für ihre Eltern zu tun im Stande sind, was an schöner Zärtlichkeit und Hingabe in einer solchen Familie gedeiht, das könnte sich mancher gute Christ im tiefsten Herzen merken. Gewiß bedeutet es unter Umständen einen Abschluß der Juden unter sich selbst, eine selbstgewählte Isolierung der Auserwählten, die auch wieder zu Fehlern führt, besonders, wenn die Zusammengehörigkeit auf das materialistische sich beschränkt, aber müssen wir die Fehler nicht verstehen, müssen wir nicht das Gute, das zum Fehler führen kann, erkennen und müssen wir es nicht sogar selbst nachahmen und von uns aus dafür sorgen, daß dieses Gute nicht zum Schaden wird, dadurch, daß wir keinen Anlaß zur Isolierung bieten? Ein Volk, das unter sich sozial zu sein vermag, man denke an die echte Wohltätigkeit der Juden, vermag es auch über seine Nationalität hinaus, wenn es dieselbe nicht um seines Selbstschutzes willen übermäßig zu betonen gezwungen ist. Und nun doch noch ein Wort über die Ostjuden, Beim Auflackern des Antisemitismus in früheren Perioden, z. B. in den 90iger Jahren in Deutschland und Frankreich, wurde vielfach betont, daß ja die Westjuden noch angingen, daß dieselben sich immerhin zu assimilieren verstanden hätten und mindestens ebenso gute Deutsche, Franzosen, Spanier und Engländer geworden seien, wie die Urgermanen, Urfranzosen usw«, daß aber die üblen Elemente aus dem Osten herwanderten und ihre schlimmen Handels- und anderen Sitten, — gemeint war wohl vornehmlich die Armut — mitgebracht und sich als die 'eigentlichen Landesfremden und Gesellschaftsfeinde erwiesen hätten* Marx, wie die bösen Bolschewisten sollen ja auch heute „übrigens" Juden sein! Es genügt, sich an dem einen Wort. Ghetto die Verhältnisse des alten Rußland zu vergegenwärtigen. Es duldet keinen Widerspruch, daß dort das jüdische Volk in unbeschreiblicher Notdurft und Unterdrückung niedergehalten wurde und daß für die unüberwindlichsten Schwierigkeiten gesorgt war, um es nicht hochkommen zu lassen- Es stellte buchstäblich den Sündenbock dar, auf den 105

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