Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Latenter Antisemitismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist mit dem Vorwurfe an die Juden, sie hätten wohl Geist, seien wohl intellektuell, nicht aber schöpferisch, wie mit den Ritualmorden. Es fehlt den Antisemiten an der Ethik der Genauigkeit. Das Judentum leidet nicht Mangel an Helden, die wir unter die fruchtbarsten des Geistes einreihen dürfen. Und die nationalen Elemente, die Rassentheoretiker, die da behaupten, der jüdische Geist sei eben kein das Vaterland und Staatswesen fördernder, werden über die Relativität ihrer Postulate nach ei .er germanischen, lateinischen, anglo*amerikanischen Produktion ebensosehr nachdenklich sein dürfen, wie über die alle Grenzen überfliegenden, die Allmenschheit in Fluß bringenden Ideen, die wir dem internationalen, jüdischen Schöpfergeiste verdanken* Es stehen hier höchstens Bürger und Weltbürger einander gegenüber. Es sind die nämlichen Antisemiten, die den Juden um seiner kapitalistischen Fähigkeiten willen angreifen, welche gerade die sozialen Prinzipien in ihr auch heute noch mit allen konservativen, imperialistischen und die Menschheit einschränkenden Machtmitteln national bekämpfen und als seine Feinde in ihrer Gesamtheit, Juden und Nichtjuden miteingeschlossen, ohne Rücksicht auf Rasse und Herkommen, in diesem Sinne gesellschaftsschädlich sind, wie jeder Einzelne, der nicht Mensch in der Menschheit ist» Gerade aber die nationalen Antisemiten, die sich als Wirt des Juden betrachten, die ihn am liebsten durdi Ausnahmsgesetze ausmerzen möchten, machen ihn vaterlandslos, wodurch ihm viel* leicht Verantwortlichkeiten verloren gehen, die ihn wenigstens für das nun einmal in nationale Grenzen eingehegte Allgemein* wohl* verpflichtet hätten. Wenn der Jude heute noch ein Nomade, auch bei uns ein Heimatloser ist, so doch nur darum, weil der latente Antisemitismus, trotz scheinbarer Gleichberechtigung vor dem Gesetze, ihn von vielem ausschließt, was zum restlosen Eintreten für die bestehende Staatsordnung verpflichtet. Wenn es wirklich wahr ist, daß viele Kriegsschieber und Kriegsgewinner sich aus der Judenheit rekrutieren, — die Statistik ist schwierig, da die großen christlichen Schieber und Wucherer um der latenten Privilegien willen oft viel weniger sichtbar sind, — so zum Teil dodi sicher deswegen, weil ihre von Kindheit eingesogene Tradition diejenige der Verstoßenheit und Heimatlosigkeit war, weil sie schon in der Schule nicht als vollwertige Staatsbürger angesehen wurden und weil ihnen bei der Ausschaltung für gewisse Berufs* arten und Ämter das Interesse am gemeinsamen Staatsleben nicht wie uns eingeimpft, sondern vielmehr vergällt wurde. Ich ent* schuldige damit den Einzelnen, der sich der sozialen Verant* wortlichkeit trotzdem bewußt sein sollte, keineswegs, — ich klage aber den latenten Antisemitismus an, der dem Wesen des jüdischen Charakters ynd Volkes die Rolle des Sündenbockes zuspricht. Es gibt noch ein weiteres Moment im ^Ressentiment des latenten Antisemitismus: Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden unter steh. Die Wut darüber, — eine französische 104