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Esra · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Latenter Antisemitismus
Date
1919-01-01
Page
106 (sequence 10)
Language
German
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die korrumpiert regieren Voksmengen bc. n.oc.iicncn Gelegen* heiten, wenn die Unzufriedenheit sich gegen u gcndwelchc Junker^ oder reaktionäre Gemeinheit zu wenden drohte, abgelenkt werden sollten. Die dunkelsten Instinkte kamen m Mord* und Totschlag, in Raub und Plünderung gleichsam zur Auslosung und Abrcaktion. Zwei Erscheinungen wurden dadurch bei diesen Erniedrigten und Beleidigten vor allem gezeitigt. Die einen suchten sich die Methoden der Zivilisation des Westens zu Nutze zu machen. Sie klammerten sich an die Materie, wanderten zum Teil aus und brachten sich dadurch aus der drückendsten Armut und Notdurft empor. Die anderen zogen sich in sich selbst zurück, in ihre religiösen Übungen, in die Mystik ihrer alten Bücher, der Kabbala, des Talmud) sie studierten in ihren Kellern ihre heiligen Schriften, wurden zu asketischen Privatgelehrten und Einsiedlern, die so lebensunfähig waren, daß in ihnen gewiß keine kämpferischen und gewaltätigen Instinkte hochkamen. Es entstand in ihnen eine Heiligkeit und gleichzeitige Weltentfremdung, die an Märtyrerfiguren der Geschichte des Christentums erinnert, denen auch der Konfessionslose seine Pietät nicht versagen kann. Und gerade diese Leute sind die Opfer der heutigen blutigen Metzeleien. Ist dies das Judentum, das als bolschewistisch und antinationalistisch den polnischen Legionären entgegentritt? Ist es möglich, daß diese Leute den neu zugründenden Staat gefährden? Sind das die verschwörerischen Elemente; von denen die offiziellen Presseagenturen berichten? Und ist es nicht, wenn wir dagegen unsere Stimme erheben, ein Bedürfnis, jene Bestialität und Gemeinheit in der menschlichen Gesellschaft zu brandmarken, die bedenklicher, abscheulicher ist, als Scheußlichkeiten, die entstehen, wenn aus vaterländischen Fiktionen, aus nationalem Glauben etwa Ange* hörige von Staaten mehr oder weniger aus freien Stücken, sofern ihr Mitbestimmungsrecht einigermaßen Geltung hat, gegeneinander die Waffen erheben? Wenn wir es nicht tun, geben wir nicht davon Kunde, wie tief wir alle selbst noch im latenten Antisemitismus drin stecken? Den Pogromen, den Plünderungen und* Mißhandlungen der Juden, wie wir sie dort explosionsartig vor uns sehen, liegt eben auch der latente, kleine, heimliche Antisemitismus wie bei uns zu Grunde, wie er eigentlich, um das Beuler'sche Wort zu gebrauchen, in täglichen, „unbewußten Gemeinheiten" zum Aus* druck kommt, ein Antisemitismus, an dem wir, Nichtjuden und Juden, alle teil haben, an dem wir Schuld tragen, wie an allen Verbrechen, die aus der zerstörten Gemeinschaft her^usfließen* Wir vermögenihn nur dadurch zn entkräften und zu bekämpfen, daß wir uns dafür einsetzen, im Menschen immer und unter allen Umständen den wirklichen und wahrhaft und nicht nur durch die Gesetzformel gleichberechtigten Mitmenschen zu erblicken, an dessen Fehlern und Leiden wir durch unser Verhalten und unsere Weltanschauung mitschuldig sind. Und aus 106

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