Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Latenter Antisemitismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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notgedrungen, um sich zu erhalten, geistige Fähigkeiten an« eignen, die ihn trotz allem zur Geltung brachten* Je mehr Sünden ihm aufgebürdet wurden, desto höher entwickelte er seine Aktivität, desto zweifelloser muß uns die Solidität und Tüchtigkeit seines Charakters imponieren. Daß er vielfach zum einzigen Mittel seine Zuflucht nehmen mußte, das ihm gelassen wurde, zum kapita* listischen, ist allein Folge seiner früheren Entrechtung und Aus* Scheidung. Der sich minderwertig Fühlende kommt nur zu leicht dazu, sich im Machtideale seine Kompensation, seine Wertfiktion, nach der er sich orientiert, zu schaffen. Wem als einziges Macht* mittel beim allgemeinen Glauben an das goldene Kalb nur der Gelderwerb offen steht, und zwar ein Erwerb mit ungezählten Einschränkungen und Klauseln, dem ist es nicht zu verdenken, wenn er sich auf diesen Erwerb konzentriert, wenn er kaum etwas anderes schätzen lernt, als diesen und wenn ihm dazu alle Schliche und Kunstgriffe, die jetzt auf der Messerschneide zwischen Gut und Böse dahinbalanzieren, geläufig werden* Wir sind schuld, unsere Vorfahren und wir, daß wir ungleiches Recht und ungleiche Menschenbewertung schufen und offen und latent noch dulden. Wobei zu wiederholen ist, daß die üblen Mittel allen Schlechten und nicht nur den Juden wohlbekannt sind. Höchstens, daß ein Teil der Juden schließlich zu sehr in die Verteidigungs* Stellung für den Kapitalismus geriet und Maximilian Harden ausrufen konnte; „Man schlägt auf das Kapital und — der Jude fühlt sich betroffen". Aber das jüdische Volk griff denn doch noch zu anderen Mitteln, um sich zur Geltung zu bringen, so sehr, daß sie ihm, wie positiv sie derjenige, der an der Entwicklung des Intellekts sich freut, auch einschätzt, wiederum zum Vorwurf gemacht wurden. Ja es geriet, — an seinen Extremen läßt sich der aus Schwäche Emporringende vielfach erkennen — ins andere Extrem. Wie ihm der materielle Erwerb zu seiner Erhaltung notwendig werden mußte, sollte ihm der geistige Besitz als die andere Waffe, deren es sich bedienen konnte, höchste Wertfiktion werden. Es sucht auch geistig den Messias noch un* entwegt, wird ihn immer suchen, aus der heiligsten Mystik bis zu den klarsten Deduktionen der Logik, aus dem gläubigsten Idealismus bis zum kritischen Nihilismus und dem fast überauf» richtigen, selbstentwertenden Witz. Die andere Hälfte des RessentU ments, diejenige, die sich .nicht gegen die materielle Machtsucht des Juden richtet, sondern seine Betriebsamkeit, seine Tüchtigkeit, seine Solidität, seinen Fleiß, sein Vordrängen zur geistigen Führung rügt, enthält immerhin die Niedrigkeit des Antisemitismus in sich selbst, ist höchstens ein Abwehrgefühl der quantitativ überlegenen Partei, die ihre qualitative Minderwertigkeit zu entdecken beginnt, gegen den um der äußeren Erniedrigung willen sich fast über seine Kraft Emporhebenden. Der Judenhaß, der die geistige Vitalität des Juden mißbilligt, sollte sich selbst auf seine Schwäche untersuchen. 103