Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Latenter Antisemitismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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keine Veranlassung mehr gab, sondern gegen den nur operative, gewaltsame Maßnahmen übrig blieben, wie die Forderung: Assimilation oder Austreibung, Es hat mit den Rassentheorien die nämliche Bewandtnis, wie etwa mit den allzu materialistischen Trieb oder Affektlehren der Psychologie. Gewiß gibt es ein Zusammenspiel des Denkens mit den körperlichen Instrumenten; aber die Funktion des selbstbestimmenden Denkens ist individuell so unendlich reich und vielfältig, daß körperlich gedachte, hypo« thetische Anlagen, wie etwa die Rasse, doch höchstens einen Nährboden bieten würden, der nach den Idealen und WerN fiktionen der geistigen Persönlichkeit in jeder Hinsicht gewandelt werden konnte, sei es nun nach sozialer oder asorialer, nach isolierter oder altruistischer, nach materialistischer oder idealistischer Weltanschauung. Nicht die Rasse macht den Menschen, sondern der Mensch erweist sich trotz seiner Rasse, trotz seiner Ab« stammung, trotz seines Körpers, ob er ein solcher zu sein vermag oder nicht. Wer den Andern um eines derartig hypothetischen Begriffes willen, wie den der Rasse, entwertet, zeigt höchstens, daß er .im Menschen den Mitmenschen verkennen will. In früheren Perioden der Hochflut des Antisemitismus, um es nur kurz zu erwähnen, bediente man sich weniger der Rassen« theorie,als des konfessionellen Fanatismus. DieJuden kreuzigten Christus. Heute spielt der konfessionelle Kampfruf wohl nicht mehr die Rolle, wie vor fünfzig Jahren. Dagegen wird auch heute noch der ökr nomische Einwand gegen sie, der hauptsächlich auf die angeblich minderwertige Handelsethik ausspielt, skrupellos verwertet Als ob Börse und Wucher mit Religion und Rasse zu schaffen hätten. Abgesehen davon, daß dem nach aufwärts ringenden Juden für lange Zeiten kein anderer Ausweg blieb, als sich duren das Kapital zur Geltung zu bringen, versteht es sich von selbst, daß di 1 Auswüchse des Kapitalismus nicht mit dem Judentum zusammenhängen,, sondern überall dort auftauchen müssen, wo Ausbeutung und asoziales Denken getroffen werden, — weiß Gott ich gelange zu den gewöhnlichsten Gemeinplätzen, so banal selbstverständlich ist in dieser Hinsicht die Abwehr des Antisemitismus, wenn ich ein« wende, daß asoziale Menschen unter allen Rassen und Nationen zu finden sind! Aus der jüdischen Religion stammt der Begriff des Sündenbockes. Die Psychologie des Sündenbockes aber ist AIU gemeingut, ist so ungeheuer menschlich, wie das Gleichnis, das besagt, daß wer einmal dazu erklärt worden ist, die Leiden und Sünden aller, aber auch aller anderen auf sich zu nehmen hat. Der historisch in seiner ganzen Lebenshaltung eingeengte, von den sogenannten ehrlichen Berufsarten in früherer Zeit abgeschnittene Jude, der immer wieder infolge seiner Konkurrenzfähigkeit fremdenfeindlich als lästiger Eindringling ausgeschrien wurde, mußte sich 102