Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Latenter Antisemitismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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zu haben. Mit beispielloser Roheit dienten dabei äußere Merkmale, Nasen, Haare, Ohren usw. als Objekte des Spottes, Es ist schwer, die Ursachen und Tendenzen dieses RessentU ments, besonders wenn man weiß, wieviel Geist schon auf die Lösung dieser Frage verwendet wurde, in kurzen Worten zu* sammenzufassen. Die Unduldsamkeit der Altangesessenen gegen einen seine Eigenart nidit aufgebenden Fremdling führte, man möchte fast sagen, seit aschgrauer Vorzeit zur brutalen Tradition, das jüdische Volk abzusondern und zur historischen Gewohnheit, es zu entwerten und zu erniedrigen. Mittel dazu boten konfessionelle, nationale, ökonomische, politsche Dogmen, die sich durch die jeweilig geltenden wissenschaftlichen Theorien stützen ließen. Als ganz gefährlicher Vo* wand, um einen der modernsten heraus* zugreifen, entstand aus der materialistischen Weltanschauung, aus dem Determinismus der Naturwissenschaftler, die Rassentheorie. Wenn ein nächster Einwand dagegen auch auf der Zunge liegt: „Wo gibt es den heute eine Rasse in Europa, die unzweifelhaft arisch wäre?" Aber die Vererbungslehre, der naturwissenschaftliche Monismus, hat unsere gesamte PsycholQgie dermaßen " durchsetzt, daß es uns nicht wundernehmen darf, wenn der Aberglaube allgemeine Gültigkeit besitzt, daß sich* Funktionen, Eigenschaften, Charaktereigentümlichkeiten genau so wie morphologische und somatische Merkmale vererben, ja, daß das Gerede vom Rassen» blute, das zwar noch Keiner konkret zu unterscheiden in der Lage gewesen sein dürfte, ein geläufiges Bild auch wissen* schaftlich ernst zu nehmender Autoren blieb. Für die tausend* fältigen Wechselbeziehungen vom- Körper zur Seele und von ihr aum Körper, aus denen das fließende Leben, die Eigenschaften und Gewohnheiten, die geistigen Funktionen des Einzelnen er* worben werden, fehlt unentwegt die richtige Erkenntnis. Und genau, wie der Einzelne zum fatalistischen Gedanken einer ange* borenen Anlage immer dann greifen wird, wenn ihm dieser Glaube dazu beiträgt, unbequeme Verantwortlichkeiten von sich abzuschieben, oder sie dem mißliebigen, weil oft überlegenen Gegner, den man darum zu entwerten trachtet, aufzuhalsen, lag es bequem und einfach, deh Schwierigkeiten und Kompliziert» heiten des jüdischen Charakters damit beizukommen, daß man alles auf den angeborenen Charakter, auf die Rasse hinschob. Damit gewann man ein Rassenbild, in das man der Tendenz entsprechend sämtliche negativen Werte einzeichnete, ein Klischee, das den gewinnsüchtigen Kapitalisten, den listigen und spekulativen Intellektuellen z. B. mit „Jud" identifizierte. Rechefort durfte, von Hermann Bahr interviewt, ausrufen: „Die Juden haben im Blute ein Prinzip, das _ sie treibt und drängt, alles an sich zu reißen. In der Not kriechen sie. In der Macht sind sie unerbittlich." Mit dem Begriff der Rasse gewann man auch den konkreten Fremdkörper wieder, den verstehen zu sollen es dann 101