Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Latenter Antisemitismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2828641-2828642-2828646-2828877--178-2828899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Irrtümern unserer Gesellschaftsverhältnisse, an den Einzel« und Massenverbrechen unserer Zeit alle mitschuldig sind, weil wir nicht als Einzelne alle dagegen ankämpfen und selbst die Ver* antwortung für die Not und das Leiden der anderen auf uns nehmen, dann sind wir auch mitschuldig daran, daß es heute noch, wie das Proletariat als Klasse, ein ganzes Volk der „Erniedrigten und Beleidigten" gibt, ein Volk, das sich vielleicht darum notgedrungen als das „auserwählte" bezeichnet. Es gibt eine Stelle in Gottfried Kellers „Mißbrauchten Liebesbriefen*, die ich mir nicht versagen kann, hier anzuführen. Er läßt hochstaplerisch dilettierende Literaturseidwyler, die, um sich selber dabei erhöht zu dünken, alle »Konkurrenzfähigen" durchhecheln und verlästern, ein Vorurteil herausgreifen, das unbedingt nahe, gleichsam in der Luft liegen muß und in der Art und Weise, wie es vorgebracht wird, außerordentlich typisch wirkt Wie tief ist in der knapp geschilderten Szene der Einblick des über den Rassen und Nationen stehenden Dichters in die, in jedem Spießer bereitliegende Neigung zum Judenhasse. Kiggi Störteler, der ein einträgliches Speditions* und Warengeschäft betreibt, schriftstellert unter dem Pseudonym Kurt von Walde. Er trifft mit anderen seiner Gattung, die sich Guido von Strahlheim, Oskar Nordstern, Kunibert vom Meere nennen, auf der Geschäftsreise zusammen. „Sie sind Kurt von Walde? hieß es dröhnend, ha! Willkommen! Und nun wurden mehrere Flaschen eines unechten wohlfeilen und sauren Weines bestellt, der billigste unter Siegel, der im Hause war, und es hub erst ein energisches Leben an. Nun galt es zu zeigen, daß man Haare auf den Zähnen habe! Alle Männer, die es zu irgend einem Erfolge gebracht und in diesem Augenblicke hunderte von Meilen entfernt vielleicht schon den Schlaf der Gerechten schliefen, wurden auf das gründlichste demoliert) jeder wollte die neuesten Nachrichten von ihrem Tun und Lassen haben, keine Schandtat gab es, die ihnen nicht zugeschrieben wurde, und der Refrain bei jedem war schließlich ein trocken sein sollendes: Er ist übrigens Jude! Worauf es im Chor ebenso trocken hieß: Ja, er soll ein Jude seinL Sagen wir es offen: „Jude" ist eines der geläufigsten Schimpfworte auch heute noch, Jude ist identisch im Sprachgebrauch mit Schieber,Wucherer,Betrüger, Kapitalist, Bolschewist, Revolutionär— ich mag es nicht weiter ausspinnen5 wir könnten die seltsamsten Widersprüche finden in dem, was man den Juden an Bösem und Häßlichem zuschreibt und daraus vielleicht schon den Beweis er* bringen, wie grenzenlos unhaltbar und ungerecht, das Ressentiment sein muß, das zu solchem Sprachgebrauch geführt hat Wir ver* danken ihn unter anderem den Fahrlässigkeiten und Ungeschick* lichkeiten unserer frühesten Schulerziehung und dürfen uns wohl alle daran erinnern, den jüdischen Schulgenossen als etwas nicht Vollwertiges, Komisches, womöglich Durchzuprügelndes betrachtet 100