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Esra · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Latenter Antisemitismus
Date
1919-01-01
Page
99 (sequence 3)
Language
German
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ob die Meldungen über die Pogrome nicht maßlos aufgebauscht wurden* Die ganze Welt sei drunter und drüber, — wozu denn gerade der Juden wegen so viel Geschrei machen? Gar nicht zu reden von den Hinweisen auf die bekannten schlechten Eigenschaften: Wucher, Zwischenhändlergeist, Bestechlichkeit, Vor» witzigkeit, Unproduktivität der Rasse usw.., Kurz es sei jetzt nicht der richtige Augenblick und der Anlaß wegen einiger hundert Toter, wenn es hoch komme, nicht so welterschütternd* Von den vielen Zeitungen, an die der Protest eingesandt wurde, brachten den „ Appell an das menschliche Gewissen*, wie wir es überschrieben, vier oder fünf. Von einem Abdruck in einem französisch geschriebenen Blatte bekam ich nichts zu sehen. Allerdings erhielt ich in keinem Falle eine offen antisemitische Absage. Die bekannten Dinge: Man habe zwar gegen den einzelnen Juden nichts, aber im Ganzen und Allgemeinen---literarisch hätten sie auch die Führung an sich gerissen, Presse und Verlagswesen seien ganz in ihren Händen, es gebe natürlich Ausnahmen, ja, bei uns in der Schweiz finde sich im Grunde gar kein Antisemitismus. Als ob nicht in den noch äußerst harmlosen und vorsichtigen Antworten im Grunde das nämliche Prinzip enthalten wäre, das, weit weg von uns allerdings, zu den schändlichen Untaten geführt hat, die uns durch unsere Presse zum großen Teil noch gar vorenthalten werden. Wir sind natürlich nicht in der Lage, die einzelnen privaten und öffentlichen Meldungen, die uns über die Geschehnisse zugetragen werden, auf ihre absolute Wahrheit und Genauigkeit zu untersuchen. Ich glaube großenteils daran, trotz Dementis der polnischen Presseagentur. Es ist immerhin bemerkenswert, daß die Kommission für die Rechte der religiösen und ethnischen Minderheiten in Versailles einen Vertrag ausarbeiten mußte, der den Polen die Toleranz der Juden zur Pflicht macht Ich bin überzeugt, daß ich mich nicht gegen die Ethik der Genauigkeit, die von Sidney Whitmann*) als Hauptfehler der Antisemiten aufgestellt wurde, versündige wenn ich den mir vorgewiesenen Dokumenten Glauben schenke. Es kommt mir auch letzten Endes gar nicht auf die Prüfung dieser Dokumente an. Niemand von uns bezweifelt, daß Greueltaten gegen die Juden geschahen und stets fort noch zu gewärtigen sind. Ich möchte jedoch vom Boden ausgehen, den ich kenne und über den nach eigenen Urteil nodV genug zu sagen ist, mich fragend, warum ich es auch für unsere direkte Umgebung als eine Schmach und Schande empfinde, daß es einen Antisemitismus gibt und daß er in unserer nächsten Umwelt offen und im Geheimen, latent in hohem Masse vorhanden ist Wenn die Lehre Christi, Dostojewskis, vieler Dichter und Denker unser heutigen Generation wirklich Geltung besitzt, daß wir,am Kriege, an den *) Hermann Bahr: Der Antisemitismus, S. Fischer 1894. 99

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