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Esra · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Latenter Antisemitismus
Date
1919-01-01
Page
98 (sequence 2)
Language
German
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äßt, sondern sind nur denkbar, wenn wechselwirkend der Führer auf bereitliegende Tendenzen greifen kann, wenn die Einzelnen in der Masse die jedes Verantwortlichkeitsgefühl verschiebende Macht der Vielheit von vornherein für sich gesichert wissen und der Losung des Führers zu folgen bereit sind. Wir können uns die Vorgänge bei Entstehung der polnischen Pogrome von hier aus, trotz der zahlreichen Schilderungen über ähnliche Metzeleien, die in den letzten Jahren zu uns gelangt sind, nur schwer vorstellen, sicher am besten noch dann, wenn wir von dem ausgehen, was uns an Grundlagen zu ähnlichen Massenbewegungen selbst innewohnt Vom nämlichen Wissen und Fühlen, das in uns Abscheu und Protest erweckt, dieweil wir vernehmen, daß die Menschheitsschmach der Judenverfolgungen noch immer kein Ende hat und das uns zwingen sollte, bei uns selber Einkehr zu halten und den Spuren nachzugehen, die der Antisemitismus auch bei uns hinterläßt, die zunächst einmal ja wohl zu keinen blutigen Erscheinungen ausarteten, aber schon in dem benachbarten Deutschland zum Beispiel während der Revolutionskämpfe zu bedenklichen Symptomen führten. Es muß ein sehr Bekanntes, Gewohntes und stets Bereites sein, das bei jedem allgemeinen Volksunglück auftaucht und Verleumdungen aussät, um den Gegner und Bekämpfer ebenso abgedroschener wie altbewährter Vorurteile sogleich in Harnisch zu bringen und zum Proteste zu bewegen, ein Etwas, das als uralter Instinkt und Gegeninstinkt, als uraltes Problem uns er* schüttert und das darum allein schon ein wichtiges Gefühl sein muß, weil es einen geradezu internationalen Charakter besitzt und nicht der Parteinahme für die eine oder andere Seite der europäischen Gegner, die sich schließlich aus beliebigen Rassen vermengen, entspringt, sondern über und durch alle Menschen hindurch ein Ringen aller Völker mit einem vereinzelten, in den Völkern zerstreuten darzustellen scheint. Ein wichtiges Gefühl, da es uns keine Neutralitäten auferlegt und sich als Protest von anderen Protesten, die sich uns um unterdrückter und mißhandelter Nationen willen so massenhaft aufdrängten, gesondert, einheitlich, national unbeschränkt heraushebt. Als ich vor einigen Monaten an einige Freunde und Bekannte schrieb, um sie zu bitten, gegen die Greuel in Lemberg und Galizien mit mir ihre Stimme zu erheben, — Ferruccio Busoni, August Forel, Herrmann Hesse, Paul llg, Ludwig Köhler, Andreas Latzki, Felix Möschlin, Max Pulver, L. Ragaz und Wilhelm Schmidbonn folgten meiner Aufforderung — erhielt ich von verschiedenen anderen namhaften Intellektuellen den Einwand zum Bescheid, man müßte ebensowohl gegen die Schändlichkeiten, die an den Armeniern, den Griechen, den Serben, den Belgiern, den Negern usw, verübt worden seien, seinen Abscheu bekunden- Außerdem hätten die Juden es immer ver* standen, für sich Reklame zu machen. Es sei doch zweifelhaft, 98

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