Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Pflicht unserer Wissenschaft
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 90 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die neben dem gesetzlichen Schrifttum stehen: die Haggaaa in der alten Zeit und die „synagogale" Poesie des Mittelalters. Den Plan, eine jüdische Geschichte zu schreiben, den sein Mitschülei Jost nur mit unzulänglichen Mitteln verwirklichen konnte, gab Zunz bald wieder auf. Beinahe typisch als Nicht-Halakh;st hat er einen größern Nachfolger in Moritz Steinschneider gefunden, der von weit ausgreifenden kulturhistorischen Plänen durch die Gewalt der Tatsachen immer mehr zur Literaturgeschichte und in den noch engeren Kreis der Bibliographie gedrängt wurde und neben anderen Leistungen der Begründer der hebräischen Bücher- und Handschriftenkunde geworden ist. In die Entwicklung, deren hervorragendste und beinahe einzige Vertreter hier genannt wurden, fällt 1853, strahlend wie ein Meteor und krachend wie eine Bombe, das Buch: Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Aus den Quellen bearbeitet von Dr. PL Graetz, IV. Band. (Dieser, mit dem Untergang des jüdischen Staates beginnend, erschien zuerst; die Darstellung der früheren-Zeit folgte später) Hier waren alle Bedenken verflogen vor dem impetuosen Ansturm eines unglaubliche^ Temperaments. Die Weite und andererseits die Unzulänglichkeit des Stoffes, der Mangel an kritischen Vorarbeiten mit Ausnahme weniger Gebiete, die Unmöglichkeit, das innere Leben der Epochen und die Zusammenhänge mit der allgemeinen Geschichte wirklich zu erfassen, die daraus folgende Gefahr der Subjektivität und Tendenz —, dies alles war vergessen. Die Deutschen hatten ihre Geschichte — Graetz steht, wie neuerdings von verschiedenen Seiten festgestellt wurde, unter dem Einflüsse Ranke.s — also sollten auch die Juden die ihrige erhalten. Daß es sich dort um Jahrhunderte organischer wissenschaftlicher Entwicklung und um ein beschränktes Gebiet, hier aber um eine 35 Jahre alte Forschung und um die halbe Erde handelte, wurde ganz und gar vernachlässigt. „Eine neue Darstellung, der wegen ihrer Verknüpfung des grauen Altertums mit der neuesten Zeit so effektvollen Geschichte des jüdischen Stammes bedarf'kaum .... einer Entschuldigung." So beginnt das Vorwort. Die jüdische Geschichte „hat mit dem fortschreitenden Gang der Geschichtsforschung überhaupt ziemlich g'eichen Schritt gehalten4*. Die Vorarbeiten haben „den Wunsch rege gemacht, daß die bleibenden Resultate dieser Foischungen endlich zu einer Gesamtdarstellung zusammengetragen würden". Diese Begeisterung hält bis zur letzten Zeile des Werkes an und man muß wohl sagen, daß Graetz unter die großen Enthusiasten* unseres Volkes zu zahlen ist.' Aber das ist bloß ein literarischer Wert, hinter dem sachlich Gefahr und Unheil steht. Jeder Fachmann weiß, daß das Buch von der späteren Forschung überholt ist und ihr durch keinerlei Verbesserungen wirklich angepaßt werden kann. Dies wäre wahrhaftig kein Vorwurf^ Schwerer wiegt schon die Einsicht, die sich gleichfalls jedem ruhigen Beurteiler aufzwingt: daß es schon zur 90