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Esra · 1919-01-01 · Heft 3 · p. 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 3
Article
Die Pflicht unserer Wissenschaft
Date
1919-01-01
Page
89 (sequence 3)
Language
German
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jüdische Forschung des 19. Jahrhunderts, daß sie an einem entscheidendem Punkte ihres Weges das Opfer einer edlen Täuschung geworden ist Denn jede Analogie setzt Ähnlichkeit der Gegenstände voraus: die Herübernahme einer fremden Forschungsart verlangt, daß die Entwicklung des Wissensgebietes, für das sie erfolgt, annähernd die gleiche Hohe erlangt habe wie das Vorbild. Die Yerkennung dieser Tatsache ist der tragische Irrtum in dem Werk und in der Wirkung von Heinrich Graetz. In den letzten Jahrzehnten des 18. und in den ersten des 19. Jahrhunderts beginnt für (las Judentum der Prozeß, dessen Vollendung die Jüngeren unter uns vielleicht noch ei leben werden. Wir hoffen, daß die Zukunft diesen Zeitraum als die Liquidierung der Galuth bezeichnen wird. Dann wird man auch mehr Zusammenhänge zwischen allen diesen Generationen sehen, angefangen von jener, für die Jerusalem der Titel einer Schrift war, bis zu der, für die es eine Wiiklichkeit des Lebens geworden ist. Aber heute stehen die Richtungen und ihre Piotagom^ten für uns noch einigermaßen unvermittelt nebeneinander, Mendelssohn besitzt, dies ist eine alte Feststellung, keineilei Verständnis für die Bedeutung der jüdischen Geschichte. Das gleiche wird von seinen Nachfolgern zu sagen sein, mit Ausnahme der letzten Ausläufer, in dem Berliner Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden. Nicht die französebe Revolution, sondern erst die in den Napoleonischen Kriegen sinnfällig gewordene Weithistorie weckt das Interesse lur die Vergangenheit. So treten die drei Gründer der sogenannten „Wissenschaft des Judentums4* aus dem Dunkel, die Kulturen verkörpernd, denen sie e >tstammen, ziemlich getrennt nach Arbeitskreisen, ungleich an Ingenium, verschieden in den Wirkungen, aber einig in der Schätzung der wissenschaftlichen Realität und in der Abneigung ^egen jede Phantastik. Der Italiener Samuel David Luzzatto, ein kritischer Abkömmling der Meassphim, i>t der-Bibel und ihrer Sprache, dann auch den mittelalte?liehen Dichtern zugewendet. Salomo Jehuda Löb Rapoport, als, Pole der schärfste Kopf unter den dreien, wurzelt im Talmud. Dem Talmud und (mit zwei Ausnahmen, die eigentlich keine sind, den Abhandlungen über Qalir und den Verfasser des Aiukh) dem nachtalmudischen halakischen Kreis gehören seine Forschuhgen ■an; seine Stärke ist die mit einer kritischen Intuition ohnegleichen erfaßte sprachliche und sachliche Einzelheit Ein Sohn des deutschen Nordens ist Leopold Zunz, daher an jüdischem Wissen jedenfalls 'hinter Rapoport zurückbleibend, aber beiden Genossen überlegen durch regelmäßigen Bildungsgang, Ausdauer und Leistung. Als Schüler von Fr. A. Wolf und Boeckh steht er auf dem Boden der klassischen Philologie und Altertumswissenschaft. Das historische Interesse ist für ihn zunächst literar-, in weiterer Folge aber kulturhistorisch; philologische, mitunter antiquarische 'und bibliographische Forschungen sind bloß Mittel zum Zweck. Er hat die Literaturgeschichte der beiden Gebiete geschaffen, 89

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