Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte der Juden Rumäniens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 82 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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werde, wurde die Behandlungsweise der Juden wieder infam. Es wurde ihnen Feigheit und Egoismus vorgeworfen, sie wurden mißhandelt und denjenigen, die während des Feldzuges avanciert waren, wurden die Abzeichen unter den Klängen einer Militär* kapeile herabgerissen, wobei man sich zur Bemerkung aufschwang; „Gestern haben wir euch gebraucht, heute brauchen wir euch nicht mehr/ Der eigentliche Grund der bisherigen unmenschlichen Be* handlung der Juden in Rumänien ist die allgewaltige Herrschaft einer Oberschicht, der Bojaren, und all derjenigen, die in ihren Diensten stehen. Von den sechs Millionen Rumänen ist vielleicht nur der sechste Teil am staatlichen Leben beteiligt. Fünf Millionen dagegen, die Hauptmasse der Bevölkerung lebt in geistiger Um* nachtung, hat nur den Staatsschatz zu füllen und die Herren zu erhalten. Jeder der Herrscherklasse hat gewissermaßen angeboren tausend Erwerbsmöjjlichkeiten, er muß sich nur die Mühe nehmen, auch bei geringer Bildung, einer politischen Partei beizutreten, die Ämter kommen dann von selbst. All diese Beamten, Advokaten, Lehrer und Gesetzgeber fürchten die Konkurrenz der Juden, die im Durchschnitt intelligenter als sie sind und so schaffen sie als Abwehr eine Reihe von judenfeindlichen Gesetzen. Fünf Millionen Bauern werden geknechtet und die dreimal* hunderttausend aller Menschenrechte beraubten Juden müssen als Blitzableiter gegen die Wut der Massen dienen. Fragte aber das Ausland, warum denn die Juden keine Rechte besitzen, war die Antwort: Zuerst muß die Bauernfrage gelöst werden, erst dann könne die jüdische behandelt werden. Stellte man aber die Frage umgekehrt, so lautete die Antwort umgekehrt Begannen aber die Bauern, deä Wartens müde, zu revoltieren, überließ man ihnen die Juden, damit sie an diesen ihre Erbitterung ausließen^ Ging es besonders schlimm zu, hatte man ja genug Kanonen für den Bauern, noch mehr Gesetze für den Juden. Es ist also selbstverständlich, daß an demin Bukarest im November 1913 stattgehabten Kongreß der einheimisdien Juden die jüdische Öffentlichkeit überaus interessiert war. Die Begeisterung für die Sache, für die Erkämpfung der Bürgerrechte, stieg so hoch, daß man bereit war, auch vor Blutopfern nicht zurückzuschrecken, um das zu erringen, was anderswo Selbstverständlichkeit ist. Zu gleicher Zeit berief die antisemitische Kulturliga in allen Städten Versammlungen ein, um gegen die Gleichberechtigung der 82