Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ansprache
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 39 (sequence 7)
- Language
- German
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auf der Basis der eigenen Kultur steht, zugleich so intime Be= Ziehungen hat zu den Kulturen anderer Völker. Der großen Aufgabe, die aus dieser Situation uns erwächst, sollen wir uns nicht begeben. Dazu ist es freilich notwendig, daß wir den Begriff des Jüdischnationalen so groß und kulturschöpferisch fassen, als nur möglich. Es reicht nicht hin, daß wir uns in unseren Zirkel einschließen und ein neues gewolltes Ghetto schaffen, wie es in manchen Orten geschehen ist Es geht nicht an, daß wir uns von großen Kulturströmungen abzirkeln, sondern wir müssen alle Fenster aufreissen, die hinausgehen, wir müssen den Gegensatz, der in unserer Seele ist, den Gegensatz des Volkstums um uns und unserem Judentum durchkämpfen. Dann erst können wir hoffen, daß das jüdische Volk der Menschheit wirklich einen großen Dienst erweisen kann. In dem Augenblick, wo unser jüdisches Kulturbewußtsein groß und schöpferisch sein wird, wird die lnternationalität des Judentums der Menschheit und uns selbst zum großen Segen werden. Heute ist unsere Situation gegenüber den Schlagworten des Internationalismus und des Kosmopolitismus eine andere, als sie es vor zwanzig oder dreißig Jahren war. Damals, als der Kosmopolitismus eine Ausrede war, um nicht Jude zu werden, mußten wir ihn verhöhnen und bekämpfen. Heute, da die Mensch* heit aus tausend Wunden blutet, heute ist Kosmopolitismus Welt* bürgertum, Internationale wieder Ehrentitel, wohin auch die Jüdischnationalen den Weg finden müssen. Wir dürfen daher nicht zugeben, daß man unseren Natio* nalismus auf eine Stufe stellt mit dem abgetanen Nationalismus der anderen Völker. Unser Nationalismus muß ganz anderer Art sein, er muß wirklich durchpulst sein vom Menschheitsgedanken, er muß den Anschluß finden, nicht nur an die Vergangen* heit unserer Väter, Sondern auch an die schöpferischen Gedanken der Zukunft Heute, da sich die Menschheit diesem Gedanken zuwendet, können wir uns nicht mit der Erlangung einer nationalen Heimstätte in Palästina begnügen und wir könnten nicht mehr Juden sein, wäre unser Zionismus nicht durchtränkt vom sozialistischen Ideal. Ich spreche vom sozialistischen Ideal, ich spreche nicht von dieser oder von jener sozialistischen Partei. Wir Juden werden wenig Verständnis für den Sozialismus haben, der heute der überwiegende ist, der ganz an der kapitalistischen Produktions* 39