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Esra · 1919-01-01 · Heft 2 · p. 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 2
Article
Ansprache
Date
1919-01-01
Page
38 (sequence 6)
Language
German
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beginnt Es geht doch nicht an, daß ein Volk, welches die Bibel geschaffen hat, heute mit Perez, Mendele oder mit Anderen eine neue Kultur zu schaffen beginnt, ohne das, was seine eigentliche Daseinsberechtigung vor den Augen der Menschheit bildet, or* ganisd\ in sich aufzunehmen Und nun überlegen Sie sich Ihre eigene geistige Situation, überlegen Sie sich, was aus unserer Generation wird, wenn nicht ein radikaler Wandel eintritt Gesetzt selbst den Fall, wir würden aus der politischen Richtung, die bisher allein bei uns herrschend war, kulturschöpferisch werden, dann wäre es eine neue jüdische Kultur, diemit der alten gar nichts zu tun hätte, denn wir selbst haben den Zusammenhang weniger als die extremsten Jiddischisten. Wie kann die Kultur, die wir im besten Falle zusammenbrächten, irgendwie den Anschluß finden an die unbewußte, aber doch sehr große jüdische Literatur, welche im letzten Ostjuden noch lebt? Also Hebräisch, das alte Programm! Ohne Hebräisch gibt es keinen Weg ins Judentum, Die Entschuldigung welche für die erste zionistische Generation gegolten hat, gilt für uns nicht mehr. Gewiß, die Probleme unserer nationalen Kultur sind viel verwickelter, als daß das Erlernen des Hebräischen sie allein lösen könnte* Aber das wichtigste ist, einzutreten in den Saal des Judentums, nicht draußen zu stehen und zu schreien: wir stehen drinnen. Dazu aber kommt noch eins: Heute strebt die Menschheit nach Vereinigung, und sie kann den Weg zur Einheit nicht finden. Es gibt keine Brücke über die Abgründe, welche der Haß geschlagen hat, und es scheint fast, als müßten die Abgründe täglich noch größer werden. Ist es nicht in diesem Augenblick, als wäre das jüdische Volk wieder dazu berufen, eine menschliche Mission auf sich zu nehmen, daß wir, nachdem wir heimgefunden haben, uns wieder erinnern sollen, an die großen Gedanken, welche unsere Urväter Jesaias und die Andern uns mitgegeben haben: völkerverbindend zu wirken und so zugleich uns und der Mensch* heit zu dienen? Ich spreche hier von einer Kulturaufgabe, welche gerade dem jüdischen Studenten obliegt Wir leben Jeder in einer anderen kulturellen Atmosphäre: im Kulturkreis der Deutschen, Polen, Ruthenen usw. Da zeigt es sich, daß die Rolle unseres Volkes einzigartig ist: daß ein Volk, das anerkannt heute schon 38

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