Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ansprache
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 35 (sequence 3)
- Language
- German
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Wissenschaft des Judentums herabsehen^ wir sagen, daß sie nicht das geleistet hat, was sie leisten wollte und sahen nur ein Stück Geschichte, ein Stück theoretischer Wissenschaft, die keinen Einfluß auf den Prozeß hatte, der sich unterdessen innerhalb des Judentums vollzog. Aber dennoch: es war damals noch ein großes Stück jüdischer Kultur, welches im Westen lebte. Damals war es noch möglich, daß, als Zacharias Frankl in hebräischer Sprache ein Buch über die Mischna schrieb, welches ketzerische Ansichten enthält, dieses Buch einen Sturm der Entrüstung her* vorrief und daß Kampfschrift auf Kampfschrift von westlichen und östlichen Juden folgte* So jüdisch war noch immer die Generation der vierziger und fünfziger Jahre. Die vollständige programmatische Assimilation durch den Liberalismus, die dann folgte, rief als Reaktion die Wiederkehr zum Judentum in der jüdischnationalen Bewegung und im Zionismus hervor. Diese programmatische Bewegung aber wurde nicht zur Tat, weil die jüdischen Intellektuellen so sehr mit dringenden Arbeiten des Tages überlastet waren, daß sie nicht den Weg zu sich selbst finden konnten, den sie als die einzige Rettung des jüdischen Volkes dennoch ansahen. Diesem Zustande aber — dazu ist es höchste Zeit — muß ein Ende gemacht werden. Die jüdischen Intellektuellen, die jüdische Jugend muß* endlich ernst machen mit dem, was wir als unser Programm hingestellt haben. Trotz aller wertvollen Arbeit, die wir in den Neunziger» jähren des vorigen Jahrhunderts geleistet haben, dürfen wir nicht vergessen, daß das, was wir innerhalb des jüdischen Volkes hier im Westen geschaffen haben,^ doch nur eine politische Bewegung ist. Wir haben eine politische Gruppe geschaffen und freuen uns, daß es ihr gelungen ist so schöne Erfolge zu erringen. Eines aber dürfen wir uns nicht verheimlichen: es ist nicht genug, was wir erreicht haben. Eine politische Gruppe kann niemals auf die Dauer wahres Volkstum ersetzen. Politik ist nicht kulturschöpferisch, sie ist nur ein Weg, der auf der Basis einer Kultur hinüberführt zu neuer Kultur. Politik kann kulturschaffend sein, wenn sie sich stützt auf den Boden eines Volkstums. Wenn sie aber nicht diesem kraftreichen Erdreich * entwächst, kann sie nichts Wöhrhaftes an dem Volke ändern, das zu ändern sie berufen ist Zu dieser wahren jüdischen Kultur, zu diesem Unterbau jüdischer Politik müssen Sie — es ist höchste Zeit — endlich den Weg finden. Dazu ist nur notwendig, daß 3* 35