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Esra · 1919-01-01 · Heft 1 · p. Seite 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 1
Article
Aufruf zum Sozialismus
Date
1919-01-01
Page
Seite 29 (sequence 3)
Language
German
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hobenes«, Stimmungsvolles. Etwas Unbedingtes, Jesaianisches. Etwas von dem einfachen Pathos, das der Welt verlorengegangen ist. Aus den Worten spricht der Geist, Und dieser* Geist ist der jüdische. Aus seinem Judentum, das nicht in zweitausend Jahre Europa, aber auch nicht in geendlichte Zukünftigkeiten gestellt ist, hat Landauer seinen Sozialismus gedacht und gelebt» Das Zwiespältige des Juden ist hier überwunden, jenes Zwiespältige, welches in einem Augenblicke dichterischer, nicht künstlerischer Vision einmal Arnold Zweig erfaßt hat, als er in seinem Drama »Ritualmord in Ungarn« Elijahu den Propheten und Pfefferkorn zweieinig im Räume wandeln ließ. Aus dieser jüdischen Einheit ward Gustav Landauer seine sozialistische Losung: Land (die er selbst in der Schrift auf das Jubeljahr der Bibel bezogen hat), aus dieser Einheit seine sozialistische Losung: Geist, die altererbt ist im jüdischen Menschheitssinn, von den Propheten zu Christus, dann in Europa nicht verstanden wurde bis heute, wo Europa der Losung; Geist hilfloser denn je gegenübersteht. Und wo verdorbene Juden nicht begreifen können, daß aus dieser Menscheitslosung die motorische Kraft kommt, welche gerade jetzt — Unglück und Glück zugleich — Juden an die sichtbarsten Stellen des sozialen Kampfes stellt, die Juden, die Kinder und Künder steter Erneuerung. Daß sie hier statt der in ihrer Sehnsucht 'wohnenden Erneuerung dem Wechsel Untertan wurden, ist der Fluch von zweitausend Jahren Europa. Nur aus solchem Geiste können die Rufenden, »die Herren der Stimme«, wie die Legende sie nennt, erstehen. Durch ihn vermochte Landauer in seinem »Aufruf zum Sozialismus« fühlen lassen, daß Sozialismus eine Menschengabe, ein Gottesgeschenk ist, wie etwa der aufrechte Gang des Menschen oder seine Tränen. Diese Erkenntnis, dieses Fühlen wird wohl heute, trotz der »sozialen Welle« Europa nicht erreichen; vielleicht später^ bis es — sich auch von Marx befreit haben wird. Indessen wird den Wenigen hier Landauers Schrift dauern. Und wird denen dauern, welche diesen Geist geboren haben und, um zu leben, wieder leben müssen. Gustav Landauer aber — wurde vor Kurzem erschlagen. Der Mann, welcher einmal die Worte schrieb: »Kein Mensch unter allen Ausgestoßenen und Enterbten, der nicht einmal in der Wiege oder auf Stroh oder auf Lumpen gelächelt hätte!« — der Mann wurde ei schlagen. Schon daß es ein Wort4 »erschlagen«, ein grauenhaftes Wort für jene entsetzliche Sache gibt, darin liegt etwas Unabänderliches: daß in einer Welt, welche mit dem Mord gestraft ist, nichts zu hoffen ist. Und den Sinn des Sozialismus, zu dem Landauer aufgerufen hat, zu erfüllen, können nur Die berufen sein, von deren Geist Landauer Erbe war und denen er das Erbe weitergab als Glied in der Kette, die, aus jüdischem 29

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