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Esra · 1919-01-01 · Heft 1 · p. Seite 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 1
Article
Auserwähltheit
Date
1919-01-01
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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Ich will nicht sagen, daß der jüdische Begriff der Auserwähltheit von dieser Verirrung stets frei war; aber heute spielt wohl diese Vorstellung in unserm Denken keine Rolle. Umso notwendiger für uns ist es, darüber klar zu werden, daß es noch eine zweite Verirrung dieses Begriffes gibt, von der wir uns nicht mehr so frei fühlen dürfen. Ich sprach bisher v^on dem durch materialistischen Egoismus verzerrten Begriff der Auserwähltheit; nun will ich von dem durch den Egoismus der Eitelkeit verzerrten sprechen. Als sittlich berechtigt erklärte ich das Bewußtsein von der Einzigartigkeit und Unersetzlichkeit der nationalen Schöpferkraft; das heißt einfach ausgedrückt: Was das Judentum der Menschheit zu geben vermag, ist einzigartig, unersetzlich und unentbehrlich; oder: der jüdische Beitrag zur Erlösung kann nur durch das Judentum geleistet werden; oder: auf die dem Judentum mögliche Art kann die Menschheit nur durch das Judentum erlöst werden* Wie leicht ist da der Sprung zu der Vorstellung: die Menschheit kann überhaupt nur durch das Judentum erlöst werden. Der Unterschied liegt darin: Während beim berechtigten Auserwähltheitsbegriff das Volk sich damit begnügt, sich als unentbehrlich neben anderen, ebenfalls unentbehrlichen, zu fühlen und darin bereits seinem göttlichen Wert erblickt, vermag sich — bei dem durch Überhebung verzerrten Auserwähltheitsbegriff — das Volk diese metaphysische Bedeutung nur dann zuzuerkennen, wenn es sich für das einzig unentbehrliche, die anderen aber für entbehrlich halten darf. Wir sind — sagte ich — nicht frei von dieser Verirrung, Das geht schon daraus hervor, daß viele gute Nationaljuden — wahrscheinlich sogar die besten unter ihnen — leugnen werden, daß dies eine Verirrung sei; sie werden vielleicht meine Ansicht für schlecht plazierte Bescheidenheit halten; werden lieber mit Dostojewski sprechen: „Wenn ein großes Volk nicht glaubt, daß in ihm allein die Wahrheit ist, in ihm allein, wenn es nicht glaubt, daß es ganz allein fähig und berufen ist, alle anderen Völker zu erwecken und sie mit seiner Wahrheit zu erretten, so verwandelt es sich sofort in ein Nichts . . und sie werden, da wir im Grunde den Umweg über Dostojewski nicht nötig haben, mit dem schwersten Geschütz auffahren und mir den Auserwähltheitsbegriff der Bibel vorhalten, der — das gebe ich ohne weiteres zu — nicht für mich spricht. Trotzdem kann ich meine Meinung nicht ändern. Gewiß, es gibt nur e i n Absolutes, nur eine Wahrheit, nur e i n höchstes sittliches Ziel, nur einen Gott. Aber es gibt viele Wege zu Gott; und keiner ist zu viel. Ein jeder mag seinen Weg für den einzigen halten, den es für ihn gibt — aber nicht für den einzigen, den es für alle gibt. Die Individualitäten, die schöpferischen Leistungen eines Volkes sind nicht Gott selbst, 26

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