Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Auserwähltheit
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Auserwähltheit Wir Juden haben diesen Begriff in die Geschichte eingeführt; und nicht nur den Begriff — auch das Bewustsein; und nicht nur das Bewustsein — auch die Überhebung der Auserwähltheit. Unsere Sache wäre es, den Begriff, den wir erfunden haben, nun auch zu reinigen; was wir geschaffen haben, nun auch u m zuschaffen. Vielleicht würde so der— wenigstens dem Namen nach — jüngste Nationalismus seinen älteren Brüdern das schlechte Beispiel, das sie ihm geben, in ein Gutes verwandeln, das er ihnen gibt. Es ist ja wirklich nicht nötig, daß dieser „jüngste Nationalismus" alle Irrtümer genau so begeht, wie es ihm die Anderen vormachen. * * * Der Begriff der Auserwähltheit ist unzertrennlich mit der sittlichen Idee der Nation verknüpft; denn er ist in ihrem ethischen Kerne, der nationalen Aufgabe, enthalten. Die nationale Idee hat keine sittliche Berechtigung, wenn sie sich nicht zum Bewußtsem erheben läßt, die natürlichen, geschichtlichen, schicksalsmäßigen und kulturellen Gegebenheiten der Nation als Material für eine einzig diese Eigenart entsprechende sittliche Aufgabe zu fühlen. Darin liegt aber bereits das Bewußtsein von der Einzigartigkeit dieses Materials und von der Unersetzlichkeit dieser nationalen Schöpferkraft für die Menschheit; und das ist das sittlich berechtigte, ja höchst gebotene Bewußtsein der Auserwähltheit, So segensreich dieser Begriff ist, so gefährlich sind seine Surrogate und Verirrungen, von denen die Welt voll ist und an denen wir Juden wohl auch ein gutes Stück Schuld tragen. Die zwei Haupttypen der Aberration will ich hier anführen; Vorerst die durch materialistischen Egoismus verzerrte Idee der Auserwähltheit. Das ist der eigentliche Fluch des nationalen Gedankens, unter dem die Menschheit heute ächzt. Ein jedes Volk denkt: Nur durch mich kann die Menscheit erlöst werden;das heißt nur dadurch,daß ich die ganzeErde umfasse, daß ich es bin, worin die ganze Menschheit schließlich mündet. Es ist heute nicht nötig, genauer auszuführen, in welcher Weise diese Vorstellung die großen Völker der Erde ergriffen hat. Es lassen sich Aussprüche der rohesten und feinsten Geister dieser Nationen anführen und sie sind oft zitiert worden, von den Phrasen der Alldeutschen bis zur Puschkinrede Dostojewskis und jenem berühmten Dialog Schatofs und Stawrogins in den Dämonen. Den sittlichen Bankrott dieser Idee hat unsere Zeit gebracht; möge ihr tatsächlicher Bankrott die Welt bald aufatmen lassen! 25