Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Problem einer jüdischen Kunst
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 8)
- Language
- German
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Der Maler paläftinenfifcher Motive hat noch kein Anrecht, fich einen jüdifchen Künftler zu nennen. Das rein Örtliche, Stoffliche alfo, gibt nicht den Ausfchlag. Es muß etwas Geiftiges hinzutreten. In der Literatur ift die Struktur der Raffe leichter zu erkennen, weil fchon in der Sprache ihre Grundelemente verborgen liegen. Die bildende Kunft hingegen befitzt in der Formgeftaltung, in Linie und Farbe, Ausdrucksmittel, welche als Gemeingut aller Kultur* Völker das hinter der Form ruhende Wefen nicht leicht heraus* erkennen Iaffen. Wenn nun trotz diefer Schwierigkeiten Werke von Künftlern jüdifcher Raffe als jüdifch empfunden werden können, fo ift damit ein Beweis für den Einfchlag jüdifcher Pfyche erbracht. Der Schritt vom Praktifchen ins Ideale, von der Vernunftsklaufe in das Reich der Sinne ift das beredtefte Zeugnis für ein Neues im Judentum* Es ift der Ausfluß eines ftarken Willens zur Freiheit, es ift das Kennzeichen einer felifchen Kraftprobe, es ift der Beweis der Stärke und Lebensenergie eines Volkes* Die jüdifche Kunft ift aber auch das befte Mittel zur Bekämpfung des Dogmas, der Dogmen überhaupt, worunter kein Volk mehr litt als das jüdifche. Das Dogma der Ethik war erftarrt, verfteinert und* bedurfte immer neuer Beweife feiner Exiftenzberechtigung* Es war ein Zeichen inneren Mangels, aber die jüdifche Kunft fei ein Zeichen des überfluffes. Gerade zur Zeit des politifchen Verfalles der Völker erreichte die Phantafie des Künftlergeiftes die hödifte Blüte und immer wenn etwas zu gründe geht, das nicht lebensfähig und lebenswert ift, tritt etwas Neues an Stelle des Morfchen, Auch das jüdifche Volk ftand vor drei Jahrzehnten am Abgrund der. Aufiöfung und der nationale Geift war es, der dem kranken Körper frifches Blut zuführte. Der arifchen Kunft gab der Mythos neue Nahrung. Das Chriftentum fchuf fich in den Apoftellegenden eine neue Mythologie. Dem Judentum war die Mythologie fremd, weil es dort, wo es kulturbringend ins Leben trat, bereits Menfchheitsgefchichtc war. Das Judentum bedurfte auch nicht der Mythologie, es befaß Geiftiges an Stelle des Figuralen. Im Augenblick aber, wo das Geiftige in ein neues Stadium tritt, wo es in voller Bewußtheit einer Umwandlung fich unterzieht, bedarf es des Künftlergeiftes zu feiner Fixierung. Das Judentum, deffen Ethik das Gehirn der Kulturvölker wie mit einem Blitzlicht erhellt hat, mag fcheinbar alle feine 15