Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Problem einer jüdischen Kunst
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 6)
- Language
- German
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fteht, für töricht halten, für überflüffig, für einen Phantaften, wenn er Scheu hat — für einen Heiligen. Er fchafft eine Rangordnung für den tätigen Bürger und für den ekftatifchen Zweifler. Er über* fchatzt die Zeit und ihre Begriffe, er baut fürs Heut, kann nicht warten, er hat übertriebene Vorstellungen von dem, was zeit* gemäß ift, er will Geh in den augenblicklichen Erfcheinungen erkennen und nennt fie „modern". Da er mit feinen halben Gefühlen fleh an nichts Ganzes anfchließen kann, übertreibt er Geh felbft, fteigert Geh ins Maßlofe. Er ift: Anarchift, Ariftokrat, Übermenfch, Asket, Photograph, Theatergeher, Melancholiker, Schachfpieler, Myftiker, Darwinift, Kritiker, Prophet, Aviatiker, Bolfchewift, Automobilift Er ift der typifche Dilettant Bei keinem Volke finden wir fo viele und fo vielerlei Dilettanten wie bei dem jüdifchen. Es ift die Sehnfucht, den über* fchüffigen Drang irgendwie loszuwerden, Geh durch Spiel zu be* täuben, im Tändeln Geh zu vergeffen. Es gibt wenige Gruppen, in denen Geh keine Talente finden, Begabungen jeder Gattung, aber fchließlich nichts mehr als Schnörkeleien und immer wieder Entfernungen vom pofitiv gefchauten Judentum, drapierte Gefühle, aus denen hie und da die Zipfel der Tradition hervorfchauen, Diefes Sichwegwenden von feinem eigenen Ich ift pfychologifch fehr leicht erklärlich und das romantifche Grauen davor, in allen Dingen der Außenwelt immer nur Geh felbft zu finden, gehört hieher. Der Jude, den man immer zu Geh hinftößt, der das jüdifche Element in allen Zügen feines Lebens, feines Heims, feiner Gefinnung, feines Kults wiederfindet, will fich nicht auch noch in der Kunft fehen* Er hat den Anfchluß an die natürliche Tradition verloren und fucht den Weg zu Impulfen, zu Erlebniffen, zu Senfationen, die feiner Raffe fremd, um fo verlockender er* fcheinen. Das Verlaffen der eigenen Art fpringt oft auf den Künftler felbft über. Warum will er fremden Völkern Sklavendienft leiften als in feinem eigenen freier Fürft fein, ein Leid* und Schickfalsgenoffe und ein Bildner der Sehnfucht? Ift es denn möglich, daß er fich der anderen Gemeinfchaft voll und ganz zugehörig fühlt? Wäre dies nichts anderes als das Problem der Affimilation, dann müßten ataviftifche Triebe den Enkel an den Urahn mahnen. Aber hier liegt die große Tragik, die pathologifche Krankheit von faft zwei Jahrtaufenden des jüdifchen Volkes. Diefer Geiftes- und Willensdegeneration konnten Geh bisnun nur einige Einzelne entziehen, Menfchen mit klar ausgebildetem 13