Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Problem einer jüdischen Kunst
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 5)
- Language
- German
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bewegung ftehcn. Aber es heißt feinen Intellekt begrenzen, ihn einftellen auf die Notwendigkeiten jeder Zeit, damit feine Energie für die Zeit wirkfam werde. Sobald der Intellekt an dem Wider« ftand feiner Zeit fcheitert, bedarf er einer Zufluchtsftätte für fein zertrümmertes Wollen. Denn Zeitläufe von höchft entwickeltem Kulturbewußtfein, von großem politifchen Drange, von ftarkem Gemeingefühl verlangen einen Refervator der Gefühle, einen Ermahner des fchonheitsdurftenden Gewiffens. Große Ereigniffe, Bekenntniffe zu einer bedeutenden Idee zwingen den Menfchen, fich für einen Glauben zu entfcheiden und wenn nun einmal der Glaube nur bei Wenigen das tieffte Erlebnis war, (Hiob, Jefaia, Spinoza, Auguftinus, Kierkegaard), entfcheidet man fich für den Aufenthalt des Gemüts, für die Kunft. Und wer könnte leugnen, daß die Juden, das merkwürdigfte Volk der Gefchichte, diefes Refervators bedürfen? Ein Volk, dem immerwährend neue Er* lebniffe, Erkenntniffe, Schickfale zuftrömen, wird gewiß in feinen Grundfeften erfchüttert werden, wenn zwifchen Erlebnis und Tat kein Ausgleich befteht. Ihn ftellt der Künftler her. Denn er ift zeitlos. Er kann nur Schiffbruch leiden an feinem eigenen Ideal. Er ift ebenfo ewig wie die Natur und ebenfo fruchtbar. Darum ftehe ich nicht an zu erklären, daß nicht der politifche Tatenmenfch, fondern vor allem der Künftler die Gefundung des jüdifchen Lebens einzuleiten berufen ift. In Griechenland, diefem felbftficheren Schollenvolk, blieb die Kulturtätigkeit des Künftlers unter der Schwelle des Gefamtbewußtfeins. Die Ruffen erkannten ihre Dichter als die Boten der Wahrheit, als Propheten. Bei einem Volk hingegen, das nicht nur gefeffelt, das auch krank ift, muß der Einfluß der fchaffenden Persönlichkeiten ein ungleidi intenfiverer fein. Daß er es noch nicht ift, liegt vor allem darin, daß er dem natürlichen Leben der jüdifchen Gemeinfchaft fern fteht. Er fpricht noch eine andere Sprache als die Menge, fein geiftiger Nährboden wird von unzu* verläßlichen, fremden Quellen befruchtet, er hat andere Ziele und die Brücke ift noch nicht vorhanden. Allerdings muß ich geftehen, daß die jüdifche Gefellfchaft, diejenige, die nach außenhin das Judentum repräfentiert hat, dem Künftler bisher nicht günftig war. Der Drang nach Nüchternheit, der praktifche Sinn für den Erwerb, der Hang zum Augenblick — dies alles ift für den Gefellfchaftsjuden typifch und darum wird er jeden, der außerhalb der Grenzen feiner praktifchen Vernunft 12