Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Problem einer jüdischen Kunst
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2828641-2828642-2828643-2828670--021-2828712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
umfchlagcn kann, wenn man ahnt, daß die Freiheit der Natur durch Liebe nicht zu bezwingen ift. Verftümmelte Überrefte diefes Hanges zur Kleinkunft, zur Verfchönerung des werktätigen Lebens haben fich bis in die gegen« wärtige Zeit hinübergerettet, wir finden fie als unbewußte Äußerungen in den Stuben der religiöfen Juden, wir erkennen fie als zweckdienliche Faktoren im Kunftgewerbe des Bezalel. Das Jahrhundert der Aufklärung und der Emanzipation riß auch den Juden mit, ihn vor allem, der fo lange gewartet hatte, da er, Ideale aufgepackt, niemals mit fich fertig wurde, indem immerwährend durch die Pforten feiner Seele neue Bilder, neue Forderungen fich einfehlichen. Aber der Erlöfung, der Erfüllung feines hoffnungfreudigen Wefens blieb er gleich ferne. Die Fluten des Zeitgeiftes wußten nicht viel mit ihm anzufangen. Sie fchärften feinen Blick für das Geomctrifche des Weltbildes und machten ihn zum Intellektmenfchen. Ein pofitives Ideal hätte früh fchon den Juden über fein Vermögen hinaus fchöpferifch machen können* Er hätte an der Harmonie des herausgeftellten Werkes ausruhen können. Das Unfdiöpferifche aber der jüdifchen Intelligenz bedrückte das Gemüt und der Geift empörte fich gegen die Tat, weil er ihrer nicht fähig war. Und eines ift fo recht bezeichnend für das Klima des neuen Juden: er hat die materiellen und geiftigen Güter in der Hand und konnte fich nicht zur Tat entschließen, unwiffend, was für eine Tat er vollbringen folle. Es ift natürlich, daß diefer nach keiner Rid^tung hin Kulturwerte fchaffende Jude nadi mancherlei Wirrniffen und Umwegen zum Problem des jüdifchen Volkes gelangt. Und da kommen plötzlich die Fragen über ihn: Wieweit reicht mein Sinn für das Nationale überhaupt? Werden nicht bald die Erkenntniffe^ die ich von meinen Voreltern her im Blute habe, aufgebraucht fein? Kann ich die Kraft meines Geiftes mit der Intenfität meiner Sinne in Ein* klang bringen? Jeder junge Jude, glaube ich, ift einmal vor diefem Abgrund geftanden. Er hat fich dem Wunfche nach einer Wiedergeburt des Judentums hingegeben und angftvoll und mit füßer Erregung zugleich mißt er feine Kräfte. Wie wenige von diefen neuen grübelnden Köpfen haben noch den feften, einfeitigen, eindeutigen und doch alles umfaffenden Glauben! Und doch follte der, dem diefer alte Gott verloren gegangen, nicht verwaift fein. Welch Fülle von Intellektmenfchen) Ich könnte eine große Anzahl folcher nennen, die mitten in der neuen jüdifchen Geiftes* 11