Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Problem einer jüdischen Kunst
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 3)
- Language
- German
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ausfchweifenden Gefühlsregungen, der uncrfdiöpflidic Atem ihrer dithyrambifchen Ergüffe, Dabei aber fchlummerte in ihren Worten fchon das Pathos, der Rythmus, der Uranfang jeder Kunft, daher fchon die Vorahnung der Mufik in den Dichtungen des David und Salomo. Das Gemüt diefer Juden verfchwendete fich an dem Unfaßbaren, Metaphyfifchen, es hatte keine Grenzen, keinen Horizont und ward zum Unheil. Die große jüdifche Seele fuchte eine Zufluchtsstätte in der Ekftafe, in der Myftikj fie wurde hingebungsvoll für eine Idee. Die kleine jüdifche Seele hafchte nach des Augenblicks Nutzen, nach dem Erwerb, fie wurde engherzig und fchuf fich das Ghetto. Die große jüdifche Seele rang nach dem Unendlichen, fie vernichtete alle Begriffe des animalifchen Dafeins* Sie gebar den erften Märtyrer. Die kleine jüdifche Seele opferte fich dem Alltag, fie mißachtete die edle Hingabe des Fanatikers. Sie gebar den erften Affimilanten. Der pfychifche Zuftand war gewiß kein Nährboden für Phantafiefchöpfungen. Der Inftinkt war gebrochen, eingedämmt, und wenn er fich zum Intellekt verfeinerte, um in der Natur eine Ergänzung feines Wefens zu finden, dann fchnürte fie ihm die Kehle zu. Die Freiheit machte ihn erzittern und er fah ein, wie fehr uns die Natur ihre unerbittliche Gleichgiltigkeit für unferen Jammer fühlen läßt. In diefen Juden lebte nichts als die fchwache Bewegtheit zu einem befchaulichen Glück, zu einer Harmonie der Wünfche und Empfindungen. Und hiebei wurde er empfänglich für die zarten Zierrate feines täglichen Lebens, er verfchönte (\d\ feine Inbrunft mit Schmuck und Glanz und in feinem Heim, in feinem Gotteshaus nahm die idyllifche Schönheit kein Ende. Darum war feine Kunft eine Kleinkunft, ein Formenfpiel, befchränkt auf die ornamentale Ausfchmückung gewiffer ritueller Gegenftände und Gebetsfolianten* Sie war mehr Kunfthandwerk als Kunft Und darum hatte fie nicht die Schwerkraft einer felbftändigen Offenbarung mit den ihr zukommenden Gefetzen, fie war eine anmutige Begleitung zu der Melodie eines begrenzten Dafeins, ohne Größe und ohne Wucht, da fie dem Geift des mittelmäßigen, finnlich begabten Menfchen entfprang. Und ihr fehlte der Keimder Entwicklung, weil fie kein Vorbild hatte in der Natur, vielmehr ein Produkt war des grüblerifchen Intellektes, Diefe Naturentfremdung blieb dem Juden bis in das XX. Jahrhundert haften und fie ift nicht anders zu erklären als durch eine gewiffe Furcht, Ehrfurcht vor der Freiheit, als eine Furcht, die in Haß fo leicht 10