Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 23 (1.10.1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2827798-2827799-2827814--535-2828631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NR 23 FREIE TRIBÜNE SEITE 3 auch darauf achten, dass zur Einfuhr von Luxusartikeln keine Devisen verkauft werden. Freilich, zu alldem ist es notwendig, dass der Handel mit Valuten, wie im Kriege, ver* staatlicht wird. Nun denn, da die bisherigen Mahnungen nichts gefruchtet hatten, so führe der Arbeiterat die Arbeiterschaft auf die Strasse und die Regierung wird kleinlaut beigeben. Nur durch solche ausserordentliche, die gesammte Arbeiterschaft einigende, Mttel kann die ausserordentliche Not, mit der, die gewissenlose Börse unter dem Schutz einer schwarzgelben Staathaltereiregierung, Spekulation treibt, erfolgreich bekämpft werden. Wir hegen diesbezüglich keine Illusionen, als, ob wir durch diese, energiseschen Massnahmen, etwa, 'eine dauernde, radikale Besserung der Lage der Arbeiterschaft herbeiführen könnten. Nein. Vor derart gefährlichen Illusionen wollen wir auch heute die Arbeiterschaft warnen. Was wir von Arbeit errat verlangen ist, dass er wenigstens dafür sorgt, dass die krassesten Auswüchse des Kapitalismus, durch die organisierte, Selbsthilfe des Proletariats ausgemerzt werden; dass den Arbeitern wenigsteus diejenigen . Entbehrungen erspart bleiben, die durch eine ernste proletarische Klassenpolitik erspart bleiben kann. Das gleiche gilt auch für die Bekämpfung der Aeusseren monarchistischen Gefahr, mit der uns Ungarn bedroht. Die Entente sah ruhig zu, wie Horthy-Ungarn den Trianoner Vertrag höhnisch zerrissen hat. Unter dem Schutz der Ententeofeneralität ist Deutschwestungarn zum Aufmarschgebiet, einer, mehrere Korps starken karlistischen Armee geworden. Weder die große noch die kleine Entente, zeigt besondere Geneigtheit, Ungarn zur resilosen Erfüllung des Friedensvertrages zu zwingen. Die in Westungarn versammelten Karlisten, durch die zögernde, karlistische Polttik der christlichsozialen Regierungspartei Oesterreichs bestärkt, bereiten in aller Ruhe den Marsch nach Wien vor. Es gilt dieser Gefahr ins Auge zu sehen. Keine Beschlüsse des Hauptaussusses, keine, noch so scharfen, Artikel, derv Arbeiter-Zeitung vermögen diese Gefahr abzuwehren. Einzig und allein die bewaffnete Kampfbereitschaft der gesammten klassenbewussten Arbeiterschaft, vermag unsenrer proletarischen Wehrmacht, diejenige Kraft zu verleihen, die den Sieg üger die österreichischen und nngarischen Karlisten verbürgt: Die große Sozialdemokratische Partei hat sich in dieser ernsten Zeit, als völlig Aktionsunfähig erwiesen und so muss die Arbeiterschaft selbst in Aktion treten. Der Reichsarbeiterrat hat das Wort. , Jüdische Kommunistische Partei Oesterreichs. Laut Beschluss unserer dritten, ordentlichen Parteiberatung wird unsere Partei, von nun an, den Namen: "Jüdische Kommunistische Partei" führen. Damit ist, auch rein Formell, der seit unserer konstituirenden Parteiberatung, im April 1919, sanktionierte kommunistiche Charakter unserer Partei deklnrirt; damit ist der Name unserer Partei mit deren programatischen Inhalt im Einklang gebracht. Mit dieser . Namensänderung hat unsere Partei an die schöne Tradition ihrer ersten Kämpfe angeknüpft. Damals, als aus dem Osten nicht nur die frohe Botschaft der Oktoberrevolution kam, sondern auch die brüderliche Stimme der Jüdischen Kommunistischen Partei Russlands zu uns drang, da zog unsere kleine Partei entschlossen in den Kampf, um die Eroberung des Weltverbandes für die kommunistische Befreiungsidee und deren erlösenden Tat—die Kommunistische Internationale. Nun, da der Weltverband überall geeinigt und geschlossen für den Kommunismus kämpft, da wir an der Schwelle der Kommunistischen Internationale stehen und die Stunde nicht mehr fern hoffen, in der wir, den organisatorischen Anschluss vollziehen werden, soll unser Parteinamen mit unserem Parteiprogramm identisch sein. Alle, die jüdischen und nichtjüdischen Proletarier, in diesem Lande sollen uns schon dem Namen nach erkennen: Wir sind die Jüdische Kommunistische Partei Oesterreichs. Die Namensänderung unserer Partei bedeutet demnach keinesfalls die Änderung unserer Politik, sondern die Symbolisierung unserer bisherigen kommunistischen Parteiarbeit, durch den kommunistischen Namen. Die Jüdische Kommunistische Partei Oesterreichs betrachtet sich, als einen organischen Teil der kommunistischen Bewegung Oesterreichs und wird, wie bisher, stets an der Seite der Kommunistischen Partei Oesterreichs kämpfen Mehr als das. Die Jüdische Kommunistische Partei Oesterreichs erstrebt, die langjährige, brüderliche Kampfgemeinschaft mit der K. P. Oe. durch organisatorische Eingliederung in die K. P. Ö. zu besiegeln. Die dringendste und wichtigste Aufgabe unserer Parteileitung wird es sein, die Partei, als die jüdische Sektion, der K. P. Ö. einzugliedern. Als organisatorischer Teil des Weltverbandes, wird die Jüdische Kommunistische Partei Oes!erreichs,gemeinsam mit unsern Bruderparteien aller Länder, für die Lösung des eigenartigen jüdischen Arbeiterproblems, für die Befriedigung der eigenartigen Bedürfnisse des jüdischen Proletariats im Sinne unseres Verbandsprograms kämpfen. Unlöslich mit dem Schicksale des jüdischen Proletariats der ganzen Welt verbunden, wollen wir dessen Schicksal, mit demjenigen des internationalen Proletariats eng verbinden und so das jüdische Proletariat zum vollwertigen Kämpfer und zum gleichberechtigten Mitgliede der grossen internationalen Arbeiterfamilie machen. Unsere Parteikonferenz. Suiamstag, den 17. und Sonntag, den 18. September tagte die III. ordentliche Parteikonferenz. Sie war seit der II. drdentlichen Parteikdnferenz, welche mit Abspaltung der „Rechten" geendet hatte, die erste Gelegdnheit zur bedeutungsvollen Auseinandersetzungen über die grossen sozialistischen Kampfprobleme, welche die proletarische Welt im allgemeinen und das jüdische Arbeiterleben im besonderen erfüllen. Die Konferenz war von 25 Delegierten beschickt. Zur ßegrüssung der jüdischen Arbeitertagung hatten sich Vertreter 'der Kommunistischen Partei Oesterreichs, der Kommunistischen Partei Bulgariens, unserer tschechischen, ostgalizischen, englischen und palästinensischen Bruderparteien eingefunden. Der Tätigkeitsbericht der Partileitung, bot ein erfreuliches Bild der steten Erstarkung unserer Partei. Die Partei hat in allen Fragen, welche jüdische Arbeiter betreffen erfolgreich eingegriffen. Die politische Tätigkeit war besonders während der Kationalratswahlen rege, wo gute Aufklärungsarbeit für den Kommunismus unfer den jüdischen Proletariern des II. und XX. Besirkes geleistet Die Partei hat wegen der Aussweisnng von jüdischen Arbeitern viele Massenversammlungen? mit der Unterstützung der K. P. O., abgehalten, welche ausserordentlich gut besucht waren und den Widerstand der Arbeiterschaft gegen die Pogromisten im republikanischen Gewände stärkte. Der Arbeiterrechtschutz der Partei intervenierte in mehr als 1G00 Fällen für verfolgte jüdische Proletarier. Die Partei hat im jüdischen Arbeiterheim die Ansätze zu bedeutungsvoller Kulturarbeit geschaffen. . Unsere grösseren Veranstaltungen, wie der „Perez-Abend" der „Palästiua-Arbeiterabend" und der „Borochov-Abend* haben viel zu? Hebung des jüdischen proletarischen Kulturniveaus in Wien beigetragen. Vor eine besondere Kraftprobe wurde die Partei durch die starke Emigration jüdischer Arbeiter gestellt, welch im Juli 1920 einsetzte. Wien als Durchzugsstation für die Emigranten nach Palästina und teilweise auch für die Auswanderer nach Amerika, beherbergte damals viele hundente Jüdische Proletarier aus Polen. Die Partei begründete ein Palästina-und Emigrationsbüro welches mit hüfe der jüdischen Arbeiterküche, die Ausspeisung, und Bequartierung der zugereisten Genossen durchführte. Für. mehr als 300 Genossen mussteri Ausreisepässe ued Passvisen besorgt werden. Die Organisationstätigkeit der Partei erstrechte sich auch auf die jüdischen Arbeiterinnerv und Proletatiefrauen. Im Rahmen der Konsumgenossenschaft für jüdische Arbeiter und Angestellte wurde ein „Verband der jüdischen proletarischen Hausfrauen41 begründet welcher mehrere, Vorträge literarische Abehde nnd Eltcrversammlungen abhielt. Auf Anregung dieser Organisation wurde in der Krieau (Prater) ein Arbeiter jugend-Garten begründet wo die schulpflichtigen Kinder während der Ferien zu Gartenarbelten angehalten und halbtäglich verpflegt wurden. Die Partei ist nun daran die Kinderaktion auch im Winter fortzusetzen und ein proletarisches Kinderhein in schaffen wodurch individuelle Arbeitsschulung die Kinder zu aufrechten produktiven Menschen erzogen werden. Das Parteiorgan die „Freie Tribüne" hat mehr als 1500 Abonnenten, und wird in allen Ländern wo es jüdische Arbeiterorganisationen gibt, gelesen. Die gewerkschaftliche Tätigkeit ' der Parteileitung erstreckte sich haupsächlich auf die in jüdischen Betrieben, sonst der Propoganda unzugänglichen, beschäftigten Arbeiter. Jeder Genosse, welcher der Parteibeitritts wird sofort angehalten sich in seinem Fachverein zu organisieren. Wir haben es so weit gebracht, dass unsere Partei nur aus gewerkschaftlich organisierten Genossen besteht. Der Bericht wurde zur . Kenntnis genommen und der Parteileitung der Dank für ihre bisherige Tätigkeit einstimmig wotiert. Genosse M. entwarf hierauf in grossen Zügen ein Bild der politischen Lage in Oesterreich und der politischen Kompffront der Kommunistischen Internationale auf der ganzen Welt, Er kam in seiner Folgerung aus der gegebenen Situation für das jüdische Proletatiat zu dem Schlüsse, dass als polltische Richtschnur für die Partei zu gelten habe: Organisatorischer Anschluss an die Kommunistische Landespartei als jüdische Sektion, Eintritt des Weltverbandes in die Kommunistische Internationale als jüdisches Sektion derselben. Zum Punkt: Anschluss an dlej Kommunistische Internationale hörte die P. B. ein Referat und Koreferat an. Während der Referent die Anschlußplattform des Verbandsböros vertrat, verteidigte der Korreferent die sogenannte österreichische Plattform. Mit 14 Stimmen (11 Stimmen entfielen auf die österreichische Plattform) nahm die Konferenz folgende Resolution an: Resolution zur Frage des Anschlusses an die Kommunistische Internationale. I. Die Psrteiberatung sieht in den Vorschlägen des V. ß., — in dessen Memorandum an die Exekutive — über den organisatorischen Anschluss unseres Verbandes an die Kommunistische Internationale einen ernsten Versuch znr Vereinigung der jüdischen kommunistischen Bewegung mit der internationalen Bewegung auf Grundlage der Statuten und der Aufn'ahmsbedingungen der Komintern. Die Parteiberatung stellt fest, daß die Verbandsdelcgation, bei den schweren inneren und äußeren Bedingungen, unter denen sie arbeiten mußte, ihre Pflicht erfüllt hat und es ihr gelungen ist, das jüdische Arbeiterproblem in seinem allweltlichen Masstab vor der Internationale aufzurollen. / II. Die Parteiberatung bestätigt die Plattform der konstituirenden Beratung im April 1919; sie stellt fest dass diese Plattform im vollsten Einklang mit der des Verbandsbüros — wie sie im Memorandum an die Exekutive formuliert ist — steht. Die österreichische Parteileitung war daher nicht berechtigt, ohne vorheriger Zustimmung einer Parteiberatung, eine andere Plattform aufzustellen und auf Grund derer, eine eigene Vertretung in ,der Verbandsdelegation zu verlangen. \ III. Die Parteiberatung nimmt zur Kenntnis die Mitteilung, des V.-B., dass es durch eine, systematische freundschaftliche Aussprache mit der Exekutive, die Anschluss-Aktion weiterführen will und beauftragt die Parteileitung, sowie alle Genossen, das V.-B. in dieser Arbeit mit allen Kräften zu unterstützen. IV. Getreu der alten Tradition der deutschösterreichischen Partei, wünscht die P. B., dass der Verband, so bald als möglich, ein organisatorischer Teil der Komintern wird. Die Parteiberatung hält, dass der Anschluss auf folgender Grundlage zu erfolgen hat: Ausser dem Kampf um die Eroberung der politischen Macht und Errichtung der internationalen Sowjetrepublik durch das Proletariat aller Länder, sowie den Kampf gegen die Ausbeutungsgelüste»der herrschenden Klassen, der einheitlich und zentralistisch durch die kommunistische Landespartei und der Exekutive geführt wird, haben die jüdischen Sektionen noch folgende Aufgaben: 1. Propaganda nnd Agitation (in Wort und Schrift) der kommunistischen Idee unter den arbeitenden Massen des jüdischen Volkes. 2. Kampf gegen die nationalistischen Bestrebungen der jüdischen Bourgeoisie und gegen die sozlalchauvinistischen Bestrebungen der jüdischen rechtssozialistischen Parteien aller Schatierungen. 3. Die Zuführung der halbproletarischen Schichten des jüdischen Volkes zu einer produktiven Tätigkeit, vornehmlich zur Landwirtschaft. 4. Aktive Beeinflussung nnd Regulierung der Wanderung der jüdischen Massen im Sinne deren Konzentration in Palästina. 5. Die Befriedigung der [kulturellen Bedürfnisse der jüdischen arbeitenden Massen in ihrer eigenen Sprache. 6. Alle jüdischen Sektionen, die sich diesen Aufgabenkreis stellen, vereinigen sich zum Verbände der jüdischen kommunistischen Sektionen, der seinen Vertreter in die Exekutive der Kommunistischen Internationale entsendet. V. In diesem Sinne begrüßt die Parteiberatung mit voller Befriedigung die Tatsache, dass es der Verbandsdelegation gelungen ist, 'dem allweltlich organisierten jüdischen kommunistischen Proletariate, eine Vertretung auf dem 3. Kongress in Gestalt seiner Weltorganisation — des jüdischen komm. Verbandes Poale-Zion — zu verschaffen. Die Parteiberatung hegt die Hoffnung, dass es unserem Verband durch aktive' komm. Tätigkeit und Aufklärungsarbeit in den Reihen der Komintern gelingen wird, zu erreichen, dass das jüdische komm, Proletariat auf dem 4. Kongress, gleichberechtigtes Mitglied der Internationale wird.