Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 23 (1.10.1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2827798-2827799-2827814--534-2828630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 23 Alexander Serpöw. Es lebe der Anschluss an die Kommunistische Internationale I Mit berechtigter Genugtuung dürfen unsere Genossen den Brief der Exekutive lesen. Nicht nur deswegen, weil unsere Verbandsdelegation in Moskau „brüderlich empfangen" wurde, nicht nur deswegen, weil die Exeiaitive die ernste kommunistische Tätigkeit unseres Verbandes vollauf würdigt, sondern vor allem und hauptsächlich deswegen, weil der Brief der Exekutive den unzweideutigen Beweis liefert, dass die Kommunistische Internationale in unserem Weltverbande die kommunistische Massenbewegung des jüdischen Proletariats aller Länder erblickt. Unsere Delegation ging nach Moskau mit der Aufgabe, das jüdische Arbeiterproblem, — wie wir es sehen und verstehen —, vor der internationalen Arbeiterschaft aufzurollen und für dessen Lösung, — wie wir sie als einzig richtig erkennen — das internatiöna^e kommunistische Proletariat Zugewinnen, um auf diese Weise die organisatorische Eingliederung unseres Verbandes in die Kommunistische Internaiionale zu ermöglichen. Hat die Delegation diese Aufgabe erfüllt? Es gilt nun, diese Frage, an Hand des Briefes der Exekutive zu beantworten. In ihrem Bestreben, die kommunistischen Kräfte überall für die grossen Ziele und schweren ' Kämpfe der Kommunistischen lnternhtionale zu einigen „fordert die Exekutive alle jüdischen kommunistischen Arbeiter auf, gegen die partikularistischen Tendenzen zu kämpfen, welche in der jüdischen kommunistischen Arbeiterbewegung bestehen". Die jüdische kommunistische Bewegung ist ebenso wie die ehemalige jüdische sozialistische Bewegung, uneinig in der Auffasseng des jüdischen Arbeiterproblems; In der heutigen jüdischen kommunistischen Bewegung bestehen noch die alten drei Richtungen — die Assimilatorische, die Bundistische und die Poalezioni-. «tische. Während die assimilatorische Richtung die Existenz jedes wie immer gearteten jüdischen , Arbeiterproblems leugnet will die bundistische Richtung die Existenz eines eigenartigen jüdischen kulturellen Problems zugestehen. Beide wenden sich jedoch entschieden gegen die dritte, poalezionistische Richtung, die behauptet, es gäbe ein jüdisches Arbeiterproblem das darin besteht, das die jüdische Proletarier, überall in gleich eigenartigen wirtschaftlichen Bedingungen leben, welche überall den gleichen sozialökonomischen Prozess der Deklassierung und der damit verbundenen. Auswanderung breiter werktätiger Volksschichten bedingen. , Als logische Folgerung dieser prinzipiellen Einstellung verneint die assimilatorische Richtung jedes, wie immer geartete positive Bestätignngsprogramm für die jüdische kommunistische Bewegung, ausser Propaganda in der Muttersprache; die bundistische Richtung will das Betätigungsprogramm auf die Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse beschränken; die Poalezion aber wollen das Betätigungsprogramm der jüdischen kommunistischen Bewegung auf die Befriedigung sämtlicher eigenartiger Bedürfnisse des jüdischen Proletariats, wie produktivierung der halbproletarischen Schichten, Regulierung der Wanderung uud deren womöglichen Konzentrierung und wirtschaftlichen Verankerung auf gesunde produktive Grundlage in Paläslina, erstreckt sehen. Die Beantwotung der Frage nach dem Betätigungsprogramm der jüdischen kommunistischen Bewegung ist somit abhängig von der Beantwortung der Frage: existiert ein eigenartiges .jüdisches Arbeiterproblem; wenn ja, worin besteht das Wesen dieses Problems, in der eigenartigen Kultur, oder in der .eigenartigen,, sozialökonomischen Struktur des jüdischen Volkes. Nun hat die Exekutive der Kommunistischen Internationale in ihrem Briefe an uns diese Frage beantwortet. Beantwortet im Sinne unserer poalezionistischen Auffassung. So heisst es im Briefe ausdrücklich. „Die Exekutive der Kommunistischen Internationale ist sich der Tatsache bewusst, dass die starke Wanderbewegung, welche ein konkreter Ausdruck der eigenartigen Produktionsverhältnisse -des jüdischen Proletariats i&t, ein Problem darstellt, welchem die Landessektionen der Kommunistischen Internationale ihre Aufmerksamkeit zuwenden müssen, in dem Masse, als es erforderlich ist, dieselbe für den Kampf um die Diktatur des Proleletariats und die Erfüllung konkreter Lebensforderungen der Arbeiterschaft auszunützen*. Die Kommunistische Internationale hat also entschieden: Es gibt ein jüdisches Arbeiterproblem, dessen wesen in den eigenartigen Produktionsverhältnissen zu suchen und dessen konkreter Ausdruck in der starken Wanderbewegung zu finden ist. Wir hätten Also vollen Grund uns unseres Sieges — des Sieges des \ Poeiezionismus zu freuen. Aber wir kamen nicht, um über die anderen Richtungen in der jüdischen Arbeiterbewegung zu siegen. e Wir kamen um das jüdische Proletariat mit der richtigen Erkenntnis seines eigenen Problems zu erfüllen und es so züm Siege, zum Kommunismus zu fühien. ' Und so freuen wir uns der Entscheidung der Exekutive nicht im Zeichen, des engherzigen Parteisieges, sondern im Zeichen des Sieges der richtigen Erkenntnis, die für den erfolgreichen Kampf des Proletariats von so entschiedender Bc deutung ist. Wir meinen auch, — und wollen es offen aussprechen, — dass die Exekutive der... Kommunistischen Internationale, durch die Bejahung des jüdischen Arbeiterproblems — u. z. als sozialökonomisches Problem, den Boden für eine Verständigung zwischen den verschiedenen Richtungen 'in der jüdischen kommunistischen Bewegung geebnet hat, Denn, ist nun einmal die Frage nach dem Bestehen und dem Wesen des Problems positiv beantwortet, so wird auch — dessen sind wir sicher — die einzig logische Folgerung — die Aufstellung eines positiven Bestätigungsprograms für die jüdische kommuniel.sche Bewegung — nicht mehr lange auf sich v/arten lassen. Die Kommunistische Internationale für unser positives Betätigungsprogram zu gewinnen ist demnach unsere nächste Aufgabe. In dieser Hinsicht müssen wir die Exekutive darauf aufmerksam machen, dass derjenige Teil des Briefes, der sich mit der Lösung des Wanderungsproblems befasst, jeder näheren Begaündung enbehrt, sich bloss auf die Prinzipien der Kömmunistischen Internationale beruft, ohne auch nur eines dieser Prinzipien konkret aufzuzeigen, mit dem, die, von uns angestrebte Lösung des Wanderungsproblems, durch deren womöglichen Konzentrierung m Palästina, im Wiederspruch stünde. Hier ist die geradezu verhängnisvolle Wirkung der sogenannten Minderheitsplatform zu ermessen. An dieser Stelle des Briefes sieht man direkt, wie die Exekutive in der Annahme es gäbe in unseren Reihen eine Minderheit die, die Liquidierung unseres positiven Betätigungsprogramms anstrebt,' sich entbunden fühlte, djese Frage des näheren zu prüfen und zu sagen, weshalb sie unser Arbeitsprogramm mit den Prinzipien der Kommunistischen Internationale unvereinbar hält. Nur so ist es zu erklären, dass derjenige Satz des Briefes, der von der gegenrevolutionären Auswirkung unserer praktischen Palästina-Arbeit spricht, im hellen Widerspruch zum vorhergehenden Satze steht, in dem es heißt: „die -Exekutive anerkennt ferner, dass es Euren gemeinsamen Anstrengungen gelungen ist, in Palästina den Anfang einer kommunistischen Bewegung zu schaffen." Es wird nun die dringendste Aufgabe aller unserer Genossen — auch derjenigen der Opposition — sein, die Exekutive der Kommunistischen Internationale über das wahre Wesen unserer praktischen Palästinatätigkeit näheren, befriedigenden Aufschluss zu geben und die von uns angestrebte Lösung des Wanderungsproblems, durch Konzentrierung in Palästina, genügend zu begründen. In diesem Zusammenhang ist es auch notwendig, die Exekutive darauf aufmerksam zu machen, dass es jedenfalls richtiger, zweckmässiger und auch ratsamer wäre, die Schaffung von Organen, die sich mit der jüdischen Wanderung befassen sollten, dem jüdischen Büro bei der Exekutive zu übertragen und nicht den Landessdktionen zu überlassen. Es wird eben notwendig sein, vor der Exekutive, unser Betätigungsprogramm mündlich zu begründen. Und da die Kommunistische Internationale unsere poale-zionistische Auffassung des jüdischen Arbeiterproblems anerkannt hatte, da die Exekutive die Gleichartigkeit dieses Problems in allen Ländern der jüdischen Siedlung dadurch hervorhob, indem sie die Gründung eines interterritorialen jüdischen Büros beschloss, wird sie sich gewiss auch nicht unserer begründeten Argumentation verschliessen und wird, sowohl die Lösung des Wanderungsproblems, als auch die Aufstellung des gesamten positiven Betätigungsprogramms für die jüdische kommunistische Bewegung, wie wir sie nach bester Ueberzeugung vorschlugen, würdigen. Denn wir wissen: sobald die Kommunistische Internationale, frei von allen irreführenden Voraus* Setzungen, mit unseren Genossen brüderlich und vorurteilslos unsere Vorschläge überprüft, dann ist uns um deren Wahrspruch nicht bange. Und so wollen wir denn mit der Exekutive aus vollem Herzen einstimmen: Es lebe die Vereinigung der jüdischen, kommunistischen Arbeiterschaft in der Kommunistischen Internationale. Es lebe die Kommunistische Internationale! Der Reichsarbeiterrat hat das Wort. Der andauernde, katastrophale Niedergang des Kronenkursss uud die damit verbundene erschreckende Anschwellung der Teuerung, steigern die Not breitester Volksschichten Oesterreichs ins Unerträgliche. Die C3efahr der monarchistischen Restauration, die, durch den Sjreil um Deutschwestungarn, verschärft wurde, hält die notleidenden Arbeitermassen in atemloser Spannung. Im Innern die Sorge um das tägliche Brot, nach Aussen die Sorge um den Bestand selbst dieser bürgerlichen Republik; so sehn die Nöte Oesterreichs aus. Und die Arbeiterklasse Oesterreichs? Wie gedenkt diese das Furchtbarste — die vollständige Verelendung und die Rückkehr zur Monarchie — abzuwenden? Ernste Sorge muss jeder aufrichtige Arbeiterfreund hegen, wenn er, aufmerksam und tfrei aller Vorurteile, die Politik der österreichischen Sozialdemokratie beobachtet. Wohl übt die Sozialdemokratie scharfe Kritik an die Handlungen der Regierung. Allein es fehlt der Wille zur Tat Oder, soll man etwa die Ankündigung^ eines sozialdemokratischen Finanzplans; soll man die Sammlungen für die gefallenen, republikanischen Wehrmänner, als die „Tat" ansehen. Die Börse feiert täglich Orgien. Wohl wissen wir, daß die Entwertung der Krone nicht allein auf die Börsenspekulation zurückzuführen ist, Wohl wissen wir, dass die Schiebungen der Börse die volkswirtschaftlichen und politischen Ursachen unserer Valutenkatastrophe — wie die passive Handelsbilanz und der Friedensverträg — im höchst schädlichem Masse bloss ergänzen und; verschärfen, keinesfalls aber hervorrufen. Aber gerade deswegen sollte es nicht schwer fallen, mit diesen parasitären Auswüchsen durch energisches Zugreifen feJtig zu werden. Die Regierungen, die — nach allem was geschieht zu urteilen — als ihre eigentliche Aufgabe ansieht, die. Republik „abwirtschaften zu lassen" und so den Boden für die schwarzgelbe Monarchie vorzubereiten, hat weder Willen noch Macht, gegen die Börseherren' einzuschreiten. Nun ist es klar, dass in dieser Situation nur die rasche Selbsthilfe der organisierten Arbeiterschaft der wahnsinnigen Spekulation auf eine volksschädliche Regierungspolitik, ein Ende bereiten kann. Wo bleibt also diese .'Selbsthilfe. Die Christlich-Sozialen, die es bisnun verstanden hatten, Oesterreich zu regieren, ohne die Regierungsantwortung zu tragen, versuchten nun, durch einen Börsepogrom, die Aufmerksamkeit der Volksmassen von ihrer verderblichen Regierungspolitik nuf die Börsejobber abzulenken. Die bloss in Oesterreich denkbare, Tatsache, dass die herrschende Regierungspartei zum Mittel der Strassendemonstrationen greift beweist, mit zwingender Überzeugung, dass die Volksnot nach Snlbsthilfe schreit. Und wenn man es verhütten will, dass die Schwarzgelb'en sich der Not der Massen zum Zwecke ihrer monarchistischen Pläne bedienen, dann muss die klassenbewuste Arbeiterschaft, einheitlich und geschlossen, zur raschen Selbsthilfe schreiten. Hier reicht keine Parteipolitik — sei es auch der grossen oesterre ichischen Sozialdemokratie mehr aus. Hier muss die geeinte Kraft des gesammelten Proletariats eingesetzt werden. Der Arbeiterrat muss in Aktion treten! Der anfangs Oktober zusammentretende Reichsarbeiterrat muss nene, um mit Otto Bauer zusprechen — ausserordentliche* Wege und Mittel suchen, um die ausserordentliche Völksnot zu bekämpfender Arbeiterrat muss der Börsespekulation ein Ende machen. Der Arbeiterrat möge seine Kommissäre zur Kontrolle des Devisenhandels in die Börse entsenden Diese Kommissäre mögen die Unterstützung aller Betriebsräte anrufen und es wird gelingen. Man verkaufe nur denjenigen ausländische Zahlungsmittel, der, durch die Bestätigung der Betriebsröte bzw. Vertrauensmänner der. Betriebe einwandfrei nachweisen kann, dass er diese, zur Einfuhr von Lebens, bzw. Produktionsmittel und, für die Volkswirtschaft nützlichen Rohstoffe benötige. Die Kommissäre des Arbeiterrctes, werden ,