Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 21-22 (23.7.1921)
- Date
- 1921-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 4 FREIE TRIBÜNE NR. 21-22 uäre, welche die Arbeit c rcinesVolkcsgegen die d cs anderen ausspielen, um d ann beid e a n d i e Wand z u drücke n, einen tüchtigen Damm entgegenzusetzen. Sic haben die Solidarität mit dem Wiener Spießer dir internationalen proletarischen Solidarität vorge- /ogen. Die Tatsache ist nur ein Detail aus dem Gesamtbild der Versumpfung des Sozialismus in Oesterreich. Die Folgen dieser pDlitischen Selbstverstümmelung der Recficrungssoziah\s<en in Land und Gemeinde sind für das werktätige jüdische Proretariat unsäglich' traurige. H u n d e r t e v o n d a u c r n d beschäftigten indischen Arbeitern und Angestellten w erden V e r b r e c h1 e r n g 1 e i c h' von Wien a h g e s c h a f f t, t a g e 1' a n g q e f a n g e n qr ehalten und ü her die Gr enzeschu hier t, wä h're n d IV ii eher er, Börsespeku Tanten und fndus t r i e r i 11 e r aller Gr a d: e und Sc h a 11 i c r u nc]cn Aufenthaltserlaubnisse, ja sogar die /Anerkennung der Aufnahme in den 11 e i in atsverband er h alte n. Unter den abgeschafften Arbeitern und Arbeiterinnen befinden sich s c h w e r v e r s t ü m m c l't e K r i e g s i n v a I i d e, wandelnde B\utz2ugm der imperialistischen Verbrechen Altösterreichs, die nun unter Gewaltandrohung zur Abreise gezwungen! werden, während die Anstifter des Welten brande* sich vom anstrengenden Blutvergießen- 'bei Heurigenmusik und Vülenzauber ausruhen können. Wir lassen als wahrhaft erschütterndes Zeugnis menschlichen Martyriums das Gesuch einer kriegsmvaliden Arbeiterin um Aufenthaltsbewilligung folgen, und geben auch den Bescheid fies Magistrates wieder: Z. Fr. B. 6758. An den '; löblichen Magistrat als Landesregierung, Wien, I. Mit Gegenwärtigem wende ich mich an den Bblfclieu Magistrat als Landesregierung niit der Bitte, er möge im Berücksichtigung nachstehend öiHief.ührtcr Gründe ein Wenk reinster Menschlichkeit tun und mir den Aufenthalt jm Wr-sci! bis auf weiteres gestatten. In den letzten flunustlagcn des Ja'hres 1014 miißtejch uns meinem damaligen Wohnort Lemberg wegen \emdlicher Invasion flüchten. Auf meiner Flucht brach ich beide Beine und mußte ins Spital nach Lemberg zurückgebracht werden, wo ich während der Russeri2vit ein ganzes Jahr im' Spjfta! verblich. j Da die Spitäler mit Verwundeten überfüllt waren, konnjei mir nicht die nötige Pflege zuteil werden und ich wurde in angeheiltem Zustand in meine Heimat nach BonjsfaW'gebracht. i:V^; Als im Mal 1916 der neuerliche Einmarsch' der Russen nach Boryslaw drohte, zog ich es;;nnesichts' meines hlil'fsloscu Zustaudes vor, nach Wien zu fluchten, in der Hofffiuu.g, daß ich an der ilijesigen weltbc-iUnntcn orthopädischen KI'mÜc endlich' die so ersehnte HcjJung findsn Wörde.« An der Klinik des Herrn Pro'c^sor Lorenz' stand ich1 dann v;cr Monate lang in Spital'sbelnio.'l'uiia. wurde in nicht v.ollslöndig geheiltem1 Zustande entlassen und brach1 nach meiner Entlassung infolge unsicheren C a ng es und Sturzes d c u linken Obcrschc n. k e F. Ich kam sodann in das Slefanicspilal, Wien, XVL.Th'al aslrußc', wo ich bis zum 16. Dezember 1920, verblieb. Auch jetzt bin ich' noch außerordentlich' hilflos. Ich .'•nun mich nur miüh-.eüg auf Krücken fortbewegen und das nur im Zimmer. Das Gehen auf der Straße ist mir auch •ci '.'f noch nicht möglich. Da ich gänzlich mittellos bin und mir in meinem bewc'güüfc.;schweren Zustande natürlich auch jede Möglich- 1 c;' eine; normalen Beruies versagt ist, war ich dem größte i '-[eud;a der Verzweiflung preisgegeben, wenn sich'niclvt de trau /Vu'tta Müller in hochherziger Weine me'ner uugeuoimueu hätte und mir Arbeit als Stickerin in der vom jhr begründeten Arbeüsschule, II., Pratcrstvaßß 17, verschalft 'hätte. So werde ich täglich von meiner im Hause nebenan uejcicncn Wolnmm zi'i meine;- /'.rbeitsstätie gebracht und ivwc'bc so meinen I.eb^Mifi'erhait redlich durch meiner!>;:>;dc Arbeit. in Anbetracht vorerwähnter Gründe, aus denen mit naitlichkeit erhellt, daß ich ein Kriegsopfer in des Wortes' tragischester Bedeutung Inn, erlaube ich mir nochmals die B'lie au den löblichen Magistrat als Landesregierung zu richten, mir den Aufenthalt in Wien auch fernerhin ge- :,!;!!!€•! zu wollen. Zum Schlüsse claube icli mir noch zu bemerken, daß;;h;iih 30. Domuber v. ). lür die Republik Oesterrcidr o i) 1; c r t habe. Wicci, am 13. März 1921. Iirgebeust Dora Lowcntha 1, Stickerin, Wien, II., Zirkusgasse 1, Tür 19. ~ Dieser Rekurs des ärmsten der Kriegsopfer gegen einen offenkundigen Rechtsraub wurde wie folgt beantwortet: Polizeidirektiou in Wien. Fr. B. 6758/7. Wien, am 9. April 1921. Löwen thal Dora, Abreise aus Oesterreich. An i , Fräulein Dora Löweuthal, in Wien, II., Zirkusgassfc 1/19. Ihrem Rekurse gegen den hieramtlichen Bescheid1 vom 1. März 1921, Fr. B. 6758/1, betreffend die Abreise aus Oesterreich, hat der Miagjstrat Wien als politische Lamdesbehörde mit dem Erlasse vom 26. Marz 1921, Abt. 55/16, 56/c 21 bei dem Abgänge ganz besonders bcr ü c k s i c h t i g u n g s w i j r d i g e r Umstände keine Folge gegeben. Gegen diese Entscheidung kann binnen vier Wochen, von dem der Zustellung folgenden Tage an gerechnet, bei der Poliz'eidirektion in Wien eine Berufung an das Bumd.esministerium für Inneres und Unterricht eingebracht werden. Der Berufung käme eine aufschiebende Wirkung nicht zu. Hicvon werden Sie mit dem Bemerken jn Kenntnjß ge^etz't, daß Sie bis spätestens 30. April 1921 bei sonst zu' gewärtjgender Abschaffung und zwangsweiser Entfernung das österreichische Staatsgebiet zu verlassen haben. Stamtoiglie': Polizeidirektion in Wien. Auf eine neuerliche Bitte der Armen kam folgender Bescheid: Polizeidirektion in Wien. Fr. B. 26.791/5. Wien, am 3. M-ai 1:>21. Löwen thal Dora, Abreisendmachung. An Fräulein Dora Löwenthal, in Wien, II., Zirkusgasse' 1/19. Ueber Ihre neuerliche Eingabe vom 30. April 1921, tun' Bewilligung des weiteren Aufenthaltes in Wijen, wlird Ihnen unter Hinweis auf den M. Bescheid vom 9. April 1921, Fr. B. 6758/7, mit welchem Ihnen die rechtskräftige Entscheidung des Magistrates Wien als politische Landesbehörde, Abt 55 vom 26. März 1921, ZI. 1656/c/21 intimiert wurde, ,hiemit bekanntgegeben, daß die Polizeidirektion nunmehr niclht in der Lage ist, eine den erwähnten Bescheid abändernde Verfügung zu treffen. Stampiglie: Polizeidirektion Wien. Jede weitere Charakterisierung barbarischer Gefühfsro'bheit und Gedankenlosigkeit, Welche das Schicksal' von Hunderten 'werktätigen Männern und Frauen entscheiden soH, erübrigt sich' von selbst. Die Magistratsge'waftigen' in ihrer selbstgefälligen, autochtonen spießerhaften Grausamkeit mögen aber bedenken, daß wer Verzweiflung säet, Sturm ernten 'wird. Die jüdische Nationalautonomie in Sowjetrußland*). Der jüdischen nationalen Sowjetautonomie fehlten, ebenso wie dem jüdischen Kommunismus, die etementaren Voraussetzungen. Wie der jüdische Kommunismus eine von oben oktroierte Tatsache ohne feste Wurzeln im alltäglichen Leben darstellte, war auch1 die jüdische Autonomie im Alltagsleben des jüdischen Volkes nicht: begründet. Die nationalen „Revkoms" .(revolutionäre Komitees) und Sowjets entstanden im Kampfe mit der Konterrevolution. Die Tataren und Kirgisen halfen in den Gouvernements, in denen sie konzentriert sind, bei der Niederring ung Koltschaks mit, die „freien Söhne des Kaukasus", 'wie zum Beispiel! die Tschetsch'entzen und andere trugen viel zur Zerschmetterung Denikins bei. Es ist daher ganz natürlich; daß bei diesen Völkern noch in der Periode des verschärften Bürgerkrieges, tatarische, kirgisische und andere revolutionäre Komitees ganz elementar ins Leben gerufen wurden. Das Endresultat des gewaltigen Ringens zwischen der roten Armee und den weißen Garden war von den Beziehungen dieser fremden Völkerschaften, — auf deren Territorien die Schlachten geschlagen [wurden, — zu den kämpfenden Parteien abhängig. Um die Massen zu sammeln und sie zur Unterstützung der Sowjetmacht zu organisieren, mußten Sowjets und revolutionäre Komitees aus ihrem nationalen Milieu entstehen; die fremden asiatischen und europäischen Bauernvölker ließen sich von einem unmittelbaren Interesse leiten, indem sie sich auf die Seite der Revolutionäre stellten, denn sie hofften, wie sich1 die Tschetsehentzen in ihrem BegrüBimgstelegramm an Lenin vom 3. April 1920 ausdrückten, „daß die Sowjetregierung ihnen den Grund und Boden zurück-; geben wird, den die weißen Garden ihren Vätern geraubt haben". Diese elementaren, im Bürgerkriege entstandenen nationalen Kampforgane, die die Grundlage der künftigen nationalen Sowjetautonomie bildeten, fehlten der jüdischen Autonomie. Die jüdische Masse, die nirgends konzentriert ist, konnte im Bürgerkriege keine selbständige Rolle *) Siehe vorige Nr. der „Fr. Tr". spielen, und das ihr fehlende Territorium degradierte sie zu einem für den Ausgang des Kampfes bedeutungslosen Faktor. Die „jüdischen Bauern" Watten keinen Landhunger. Es waren daher keine Voraussetzungen zur Bildung jüdischer „Revkoms1* oder Arbeitersowjets während des Bürgerkrieges gegeben. Weder die Juden noch der Staat waren an deren Bildung interessiert. In der zweiten Periode der friedlichen Aufbauarbeit hingegen, wurde die nationale Autonomie zur wirtvschaftiiehen N o t w e n d i g k e i t. In allen Gegenden und Ländern, in denen Frcm d v ö I k e r konzentriert sind, ist es un - möglich, die neue Produktion aufzubauen, die Massen zur Organisation der Wirtschaft heranzuziehen ohne Gewährung der nationalen Sowjetautonomie. Die Diaspora des jüdischen Volkes ist auch1 technisch ein gewaltiges Hindernis' für die Durchführung der jüdischen Autonomie. Alle anderen nationalen Autonomien sind auf gewisse Gegenden beschränkt. Die geographischen Grenzen fallen mit den nationalen zusammen. Die jüdische Autonomie müßte ganz Rußland von Wladiwostok bis Minsk umfassen. Ueberau*', wo kleine Judensiedlungen vorhanden sind, werden» jüdische Arbeiterorgane entstehen. Und wo finden wir denn jetzt keine jüdischen Gemeinden? Der Krieg und die Revolution säten sie in ganz Rußland auseinander. Es entsteht daher eine sonderbare Erscheinung: große Rahmen rings um ein kleines Bildchen, kleine Pünktchen auf unendlichen, leeren Flächen, ein unnatürliches Verhältnis zwischen* geographischen Raum und nationaler Siedlung. Während die nationalen Autonomien anderer Völker in hohem Maße als Erweiterung der lokalen Autonomie betrachtet werden können, als Dezentralisation der Staatsmacht und als unvermeidliches Produkt der lokalen Autonomie, kann in Bezug auf die jüdische Autonomie davon nicht die Rede sein. Diese muß überall eine Parallelle bilden zu den lokalen Sowjetinstitutionen. Dieser Umstand erschwert ihre Durchführung; und prägt ihr charakteristische Merkmale auf, die sie vom o;ben erwähnten Typus der nationalen Autonomie wesentlich abweichen lassen. Dieser unnormale Charakter des jüdischen nationalen Seins spiegelt sich1 auch1 in den w'esentlichen Notwendigkeiten und Aufgaben der jüdischen Autonomie wieder. Bei allen anderen Völkern entspringt die Autonomie den Bedürfnissen der produzierenden Klassen. Die Arbeiterklasse benötigt sie zur Demokratisierung der . Industrie und Hebung ihrer Produktivität, das Bauerntum zur Ver~. besserung und Organisierung der Landwirtschaft, wit auch zur Vergrößerung ihrer Leistungsfähigkeit. Wirtschaftlich1 bedeutet die Autonomie: Uebergang zu neuen höheren Produktionsformen, politisch — den, Kampf gegen die ausbeutende Oberschicht. Es organisiert sich daher der Tatare, Kirgise, Baschkire und Jakut, um die Macht dem „Kuliaken" (Großbauern) und Wucherer zu entwinden. \ Die jüdische Autonomie muß vor allem der Produktivierung der deklassierten Massen dienen. Die Selbstverwaltung der jüdischen Arbeitermassen wendet sich daher nicht gegen die Exploitation, sondern, sie setzt sich die Produktivierung der arbeitslosen „Luftmenschen" zum Ziele. Die jüdische Bourgeoisie ist schon längst zerschmettert und existiert in gar keiner Form mehr. Es gibt keinen „Kulak". Eine besonders krankhafte Erscheinung des jüdischen Wirtschaftslebens in der Epoche der proletarischen Diktatur, ist das Auftreten einer gewaltigen Masse von Kleinbürgern und „Luftmenschen". Diese Erscheinung ist aber eher^ ein allgemeines Problem und ist mit den taglicheu Lebensinteressen der Arbeitermassen nicht eng verbunden. Die Autonomie, die bei allen anderen Völkern ein Bedürfnis der Produktion verkörpert, hat bei den Juden im wesentlichen das Bedürfnis der Produktivierung zum Inhalt. Die Selbstverwaltung berührt direkt die Lebensinteressen der wirtschaftlich unbeholfensten und rückständigsten Schichten der jüdischen Gesellschaft, der ruinierten kleinbürgerlichen Massen, weichte zur Organisation und Ausbildung dieser AutonomTe an* wenigsten befähigt sind. Die neuen Formen der Sowjetautonornie bilden ein Lebensbedürfnis gerade der letzten Epigonen der alten, absterbenden Klasse des Kleinbürgertums. Diese Ironie der Geschichte des jüdischen Volkes erklärt aber auch teilweise, warum die wurzelfesten Elemente, die Arbeiter, sich so gleichgültig zu diesem Problem verhalten. Den assimilatorischen Intellektuellen der jüdischen sozialistischen Parteien ist damit d e Möglichkeit gegeben, den Gedanken der jüdischen Autonomie zu bekämpfen. Im Gegensatze zu allen anderen Autonomien, bildet die jüdische insoferne eine Lebensnotwicndigkeit, ah sich die Juden dem ökonomischen Standard des Wirtsvolkes nicht so ohne weiteres anpassen können. Besondere jüdische Aktionen und gesellschaftliche Anstrengungen sind nötig, um die Produktivierung der Massen durchzuführen. Ein großer Teil des jüdischen Volkes bleibt außerhalb der neuen Wirtschaftsordnung isoliert. Dagegen bilden aber alle Elemente, die sich anpassen können,