Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 21-22 (23.7.1921)
- Date
- 1921-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2827798-2827799-2827813--528-2828623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NR. 21-22 FREIE TRIBÜNE SEITE 3 senden in die zentrale Leitung der kommunistischen Landespartei, entsprechend ihrer organisatorischen Stärke, einen oder mehrere Vertreter. B) Die jüdische Sektion (unsere Landespartei) hat außer der'allgemeinen Aufgabe — Kampf für die Errichtung der Sowjetrepublik ^- noch folgende Aufgaben: 1. Propaganda und Agitation (in Wort und Schrift) der kommunistischen Idee unter den arbeitenden Massen des jüdischen Volkes. 2. Kampf gegen die nationalistischen Bestrebungen der jüdischen Bourgeoisie und gegen die sozialchauvinistischen Bestrebungen der jüdischen rechtssozialistischen Parteien aller Schattierungen. 3. Die Zuführung der halbproletarischen Schichten des jüdischen Volkes zu einer produktiven Tätigkeit, vornehmlich zur Landwirtschaft. 4. Aktive Beeinflussung und Regulierung der Wanderung der jüdischen arbeitenden Massen in der Rfchtung einer Konzentration und Kolonisation in Palästina. 5. Die Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse der jüdischen arbeitenden Massen in ihrer eigenen Sprache. C) Alle jüdischen Sektionen, die sich diesen Aufgabenkreis stellen, vereinigen sich zum Verbände der jüdischen kommunistischen Sektionen, der seinen Vertreter in die Exekutive der Kommunistischen Internationale entsendet. Auf diese Weise sind alle Aktionen der jüdischen kommunistischen Sektionen, insofern sie auf die Grenzen der einzelnen Länder ihrer Natur gemäß -beschrankt bleiben, der einheitlichen zentralisierten Leitung , der betreffenden kommunistischen Landesparteien unterstellt, die Tätigkeit der jüdischen Sektionen aber, insoweit sie in unserem Verbände interterritorial' (zwischenstaatlich) zum Ausdruck kommt, der direkten Kontrolle der Exekutive unterworfen. In diesem Sinne haben wir sofort nach der Rückkehr unseres Vertreters auf dem II. Kongresse der Kommunistischen Internationale de? Genossen Kohn-Eber — und nach seiner Berichterstattung — die unserem Verbände angeschlossenen Parteien beauftragt, als jüdische .Sektionen den kommunistischen Landesparteien beizutreten. WfcStf ' "5} Der III. Kongreß der kommunistischen Internationale, Zunächst — der Abschluß und Endpunkt einer - aeitgegeberiejj Epoche des Revolutiouskampfes', wie er durch die 'höchste Zuspitzung und Verschärfung der Klasseninteressen bestimmt 'wird. Wie er durch die Beschlüsse und den Geist des II. Kongresses gekennzeichnet wird. Sodann der Anfangspunkt und Auftakt einer sich durch die Konsolidierung der politischen, nicht freilich ökonomischen Verhältnisse ankündigenden zweiten Phase des internationalen* Ringens1 zwischen Bourgeoisie und1 Proletariat. Drittens und zuletzt die Zusammenfassung beider, der stetige Prozeß des gesellschaftlichen Aufstieges der prometheisch ringenden Menschheit, wie er durch die sich fast spontan gestaltenden Kampfesformen und' Organisationskräfte der geschichtlichen Entwicklung verwirklicht wird1. Diese drei Gesichtspunkte sind für die Betrachtung und Würdigung des dritten Kongresses der III. Internationale, für seine objektive Bedeutung ausschlaggebend. Denn 'sie lassen klar und unverhüilt die Taten und Tatsachen der sozialen Revolution in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart ihre voraussichtliche Realisierung in der nächsten, ja allernächsten Zukunft, und» zuletzt das Gesetz ihres Zusammenhanges undi Ueberganges1 aus dem einen zeitlich gegebenen und geschichtlich notwendigen Abschnitt in den sich ihm anreihenden erkennen. * * l , , * Der Endpunkt der Zeitstrecke vom zweiten bis zum dritten Kongreß der Kommunistischen Internationale ist zugleich der Abschluß, die Endphase der heißesten und hiedurch vielleicht am meisten regel- und gesetzlosen Schlachten zwischen der Weltbourgeoisie und dem Weltproletariat. Diese Epoche muß sicherlich als der Ausläufer der unmittelbaren Naebkriegssituatiön gelten, wie sie durch den Zusammenbruch der Zentralmächte und die ersten Revolutionsschritte des deutschen Proletariats einerseits, durch die sich entfesselnden und stets zuspitzenden Krisen und Streikbewegungen des westeuropäischen und amerikanischen Proletariats andererseits dokumentiert wird. Freilich bloß ein Ausläuf er! Denn schon waren neue Kräfte und Faktoren am Werke, die der sich sporadisch und regellos ausbreitenden Welle der Revolution bewußt und systematisch einen wohlausgebauten Damm entgegensetzten. Das Wiedererstarken der deutschen Bourgeoisie, die geschlossene Front der Unternehmerschaft in den Hochburgen des Kapitalismus, in England uud Amerika, sind ihre unverkennbaren Merkzeichen. Indem wir nun diesen Vorschlag dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale unterbreiten, sind wir uns desseu wohl bewußt, daß dies heute die einzige Möglichkeit einer organisatorischen Verschmelzung der jüdischen kommunistischen Arbeiterschaft mit der Kommunistischen Internationale, auf dem Boden der Statuten und der 21 Aufnahmsbedingungen darstellt, daß hiedurch jedoch keinesfalls noch alle Schwierigkeiten dieses speziell jüdischen kommunistischen Problems gelöst werden. Die reale Wirklichkeit und die derselben entsprechenden Kampfesbedinguugen des jüdischen klassenbewußten Proletariats stellen die jüdische kommunistische Bewegung vor mannigfaltige Aufgaben, über deren Lösung im Lager der jüdischen kommunistischen Arbeiterschaft ebensowenig Einigkeit besteht, wie es in der früheren sozialistischen Bewegung der Fall war. lieber die Lebensbedingungen des jüdischen Proletariats, über dessen eigenartige Bedürfnisse und, in der Folge auch, über den Aufgaberikreis der jüdischen kommunistischen Sektionen bestehen in den verschiedenen kommunistischen Schattierungen innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft verschiedene, — ja entgegengesetzte — Meinungen. So zum Beispiel) geht die eine Meinung dahin, daß den jüdischen Sektionen lediglich Aufgaben technisch-sprachlicher Natur gegeben sind'. Eine andere Richtung will den jüdischen kommunistischen Sektionen auch1 eine aktive Einmengung in den Produktivierungsprozeßder jüdischen Massen zuweisen. Wir kommunistischen Poale-Zion sind jedech tief überzeugt, daß die jüdischen kommunistischen Sektionen die gesamte Propaganda und Agitation, entsprechend dem ersten Punkte der 21 Bedingungen „nicht etwa einfach durch landläufige eingepaukte Formeln" 'betreiben dürfen, sondern die kommunistische Idee so propagiert werde,, daß „ihre Notwendigkeit jedem einfachen Arbeiter und Arbeiterin verständlich wird1, aus den Tatsachen des täglichen Lebens". Wir meinen daher, daß es zu den unmittelbarsten und dringendsten Aufgaben der jüdischen kommunistischen Sektionen gehört, das tägliche Leben, die Wirklichkeit und die konkreten Kampfesbedingungen des jüdischen Proletariats aktiv in kommunistischem Sinne zu beeinflussen. Unserer Meinung nach müssen die jüdischen kommunistischen Sektionen das gesamte wirtschaftliche, politische und kulturelle Leben des jüdischen Proletariats zu beherrschen trachten. Derartige soziale Der Sammlung und Ordnung der reaktionären entsprach die Zusammenfassung der revolutionären Kräfte. Wie sie jedoch ursprünglich nur instinktiv und dem blinden Drang der Massen entsprang, wie sie sozusagen als eine bloße Abwehrhewegung gegen das auftauchende! Gespenst der wieder in 'den Sattel gehobenen Bourgeoisie erschien, so war ihre Organisierung das dringendste Gebot der Stunde. Da^ rin liegt unverkennbar die Bedeutung der 21 Punkte, die der zweite Kongreß der III. Internationale angenommen hat. Mögen auch die Schmöcke der Sozialverräter über das Fiasko des Moskauer Diktates, über das Versagen des Sinowjewschen Pistolets sich' belustigen, nun, die Tatsache der Gründung der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands, des Ausbaues der Kommunistischen Partei Frankreichs, Norwegens usw., zuletzt auch der Anziehung und Festhaltung der syndikalistisch-revolutionären Kräfte des Proletariats der romanischen Länder werden sie nicht aus der Welt schaffen. Freilich war die prinzipielle und organisatorische Erfassung der revolutionären Avantgarde in der Kommunistischen Internationale nur das notwendige Ergebnis der eingetretenen Vereinfachung und Klärung der allgemeinen politischen Verhältnisse, die auch1 in dem Proletariat als einer vielschichtigen Klasse eine reinliche Scheidung der Geister und Tendenzen ermöglichte. Gerade dadurch wurde die Frage: Sozialreformismus oder Kommunismus, soziale Demokratie oder Diktatur des Proletariats, proletarische Defensive oder Offensive, ins hellste Licht gesetzt. Die Serratiepisode in Italien und der Levitenexodus in Deutschland waren, von diesem Standpunkte betrachtet, nur die unvermeidlichen Uebel einer scharfen Abgrenzung gegen die in Auflösung begriffenen, zur II. Internationale gravitierenden, M'assenparteien des „marxistischen Zentrums". Damit ist jedoch der zweite Abschnitt im Werdegange der Kommunistischen Internationale restlos zurückgelegt. Er endet im Wende-; und Anfangspunkte der nächsten, durch1 den HI. Kongreß vorgezeichneten Etappe: hie III., hie II. Internationale, hie Lenin, hie Noske! Damit wird aber wie mit einem Schlage die durch die gesamten Beschlüsse des Moskauer Kongresses in den Organisationsfragen -angebahnte Lösung klar: es gilt den durch den Zerfall der „Arbeitsgemeinschaft der revolutionären Parteien" geschaffenen I e eren Raum zwischen der Front der Revolutionskämpfe und der Bourgeoisieschergen durch den Ausbau der kommunistischen Stellungen auszufüllen. Es gilt jetzt den:durch die Auflösung der zentristischen Parteien begonnenen Prozeß durch einen neuen Auf- und' Ausbau der revolutionären Massenparteien zu vollenden. Der so verschrieenen Spaltung, der Analyse wird die Synthese sich anreihen. Dem Vorwärtsstürmen der sozialen Revolution in ihrem ersten Abschnitt war ihre Zurückdrängung und Eindämmung in der zweiten Phase notwendig Erscheinungen, wie die ununterbrochene, immer von Neuem sich steigernde Wanderung breiter arbeitender Volksschichten dürfen nicht nur nicht ignoriert werden, sondern müssen genauestens auf Ursache und Wirkung geprüft, und durch aktive, bewußte Ein - mengung in den sozialen Prozeß radikal gelöst werden. So sehen wir die jüdische kommunistische Arbeiterschaft der ganzen Welt einig in ihrem Bestreben, gemeinsam mit den kommunistischen Proletariern aller Volker „die internationale Sowjet - Republik als Uebergangsstufe zur vollen Vernichtung des Staates" zu errichten, gespalten aber in der Auffassung ihrer eigenen Lebens- und Kampfesbedingungen. Damit nun diese Meinungsverschiedenheiten der jüdischen kommunistischen Arbeiterschaft über das Wesen des eigenartigen jüdischen Arbeiterproblems nicht schädlich für die internationale Arbeiterbewegung werde, damit diese Meinungsverschiedenheit in speziell jüdischen Arbeiterfragen nicht die aktive Beteiligung des jüdischen kommunistischen Proletariats an dem gemeinsamen Kampfe der Kommunistischen Internationale dauernd behinderte, schlagen wir nun vor, daß die Vertretung des jüdischen Proletariats auf den Kongressen und in der Exekutive der Kommunistischen Internationale alle Richtungen der kommunistischen Arbeiterschaft umfasse. Die jüdische Sektion der Kommunistischen Internationale soll bis auf Weiteres proportionell aus Vertretern aller Schattierungen innerhalb der kommunistischen jüdischen Arbeiterschaft zusammengesetzt werden. Nur auf diese Weise kann es unserer Meinung nach heute gelingen, die kommunistische Massenbewegung des jüdischen Proletariats zu fördern und den Kommunismus zum stärksten Faktor im Leben der jüdischen arbeitenden Massen zu gestalten. In diesem Bestreben unterbreiten wir unsere Vorschläge der Exekutive der Kommunistischen Internationale. Wir sind überzeugt, daß die Exekutive im Sinne des Punktes 16 der 21 Bedingungen bei ihrer Entscheidung den eigenartigen Verhältnissen, unter denen unser Verband für die kommunistische Sache zu kämpfen und zu arbeiten hat, "Rechnung tragen und dem schwergeprüften klassenbewußten jüdischen Proletariat eine gleichberechtigte Vertretung in der großen Familie der internationalen Arbeiterschaft einräumen wird. April 1921. gefolgt. Die Offensiven des Proletariats, waren durch, die Defensive, der Bewegungskrieg durch den Stellungskrieg ersetzt. Doch ebenso wie diese Zickzackentwicklung des proletarischen Geschichtskampfes nur der politische Ausdruck der ökonomisch! bestimmten Weltlage ist, ist auch die Neuorganisiierung des Proletariats eine Folge bloß der politischen Verhältnisse. Gerade sie aber sind nunmehr durch die scharfe Differenzierung der Klasseninteressen, durch ihre klaffenden Gegensätze auf eine einfache Formel gebracht. Eine Dreiteilung der gesellschaftlichen Struktur wird offenbar: zwischen das Proletariat und die Großbourgeoisie schiebt sich da's Kleinbürgertum als e i n se I b s'tständiger Faktor ein. Die zweite Internationale wird zu seinem Bannerträger, zu seiner Partei. Wie nun die Bedeutung der Kleinbourgcois*ie für die kommenden Entscheidungskämpfe zwischen den beiden wahren geschichtlichen Klassen einzuschätzen ist, lehren uns fast alle Revolutionen des 19. Jahrhunderts. Ihr ökonomischer Zerfall ist ebenso eine Notwendigkeit wie eine kurze Zeitfrage bloß. Doch muß der ökonomischen Zersetzung auch die ideologische entsprechen. Darin liegt die Bedeutung des Kampfes der kommunistischen Internationale gegen die kleinbürgerliche. Erst ihre Auflösung macht die Bahn frei für den Ansturm des revolutionären Proletariats. Daß der dritte Kongreß diese Aufgabe wohl gewürdigt hat, zeigen seine Beschlüsse. Denn sie tragen ebenso der Entwicklung der Weltwirtschaft, ihrer stationären Krise als auch den neugeformten politischen Verhältnissen Rechnung. Die Gründung des proletarischen Staates, des Bundes der proletarischen Räterepubliken ist Ziel und Ende des revolutionären Organisationsprozesses. Sie ist aber zugleich das Gesetz, das allen Organisationsstufen des proletarischen Kampfes sein Gepräge verleiht. Der Ausweisungsskandal. Macht und Mut stehen im politischen Leben oft im umgekehrten Verhältnis. Wir erkennen das in der Ausweisungspraxis wie sie vom Magistrat Wien als politische Landes'behörde geübt Wird, besonders deutlich. Eher ginge ein Kamel, durch ein Nadelöhr als daß dem Rekurs eines jüdischen Arbeiters gegen einen Ausweisungsükas der Polizeidirektion stattgegeben würde. Nun, im Gemeinderat, der Landesregierung Wien, haben Sozialdemokraten die Macht in Händen. Trotzdem gebricht es ihnen an dem nötigen Mut, um die allersetlstverständlichsten Rechte der Freizügigkeit von Menschen, die nur die Arbeitskraft ihr Eigen nennen, ihr Recht auf den Arbeitsplatz zu sichern. Es fehlt den Herren im Rathause, die Erwählte der Arbeiterklasse sind, an der nötigen Nakkensteifheit, um den Machenschaften der Reaktfo-