Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 21-22 (23.7.1921)
- Date
- 1921-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2827798-2827799-2827813--527-2828622- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SEITE 2 3 FREIE TRIBÜNE NR. 21-22 Ist so die Regulierung der jüdischen Wanderung und deren Kon zentrier ung in Palästina ein inneres Problem der jüdischen Arbeiterpolitik, so erfangt diese Frage dadurch eine internationale Bedeutung, weil sowohl1 die jüdische Bourgeoisie als auch der englische Imperialismus — im trauten Bunde vereint — die Lebensbedürfnisse der jüdischen arbeitenden Massen für ihre Ausbeutung^ und Herrschaftsgelüste ausnützen wollen. Die jüdische Mittefbourgeoisie und das jüdische Finanzkapital sehen ihre Ausbeutungsobjekte in dem durch Krieg und Revolution zerstörten Osteuropa schwinden; sie sehen das Streben Tausender jüdischer Proletarier, in Palastina eine Arbeitsgemefmehaft zu begründen; sie wolleu daher, diese Entwicklung in ihrem Sinne beeinflussen, ind?m sie den Palästinaboden und die Arbeitskraft der jüdischen Proletarier zu ihrem Aus'beutungsobjekf machen wollen. Darin Hegt das 'wahre Wesen des bürgerlichen Zionismus1 und die innerliche Beziehung des jüdischen Bürger tums zu seinen Bestrebungen. Aehn'tich ist auch das Verhältnis des englischen Imperialismus zum Zionismus geartet; England, das •bis jetzt zustande gebracht hat, die irländische Nation' und die Kolonialvölker mit Scliwert und Galgen unbarmherzig zu unterdrücken und gleichzeitig als Beschützer der kleinen Nationein aufzutreten, gebärdet sich jetzt als Beschützer des jüdischen Volkes und Palästinas. In Wahrheit aber ivvird die Orientpoütik Englands durch seine imperialistischen und kapitalistischen Ziele bestimmt, die auf Verdrängung seiner Rivalen vom nahen Orient, Festigung seiner. Position am Suezkanal und Ei^veiterung seiner Herrschaft über die Naphthafefder Mesopotamiens zielen. Der englische Imperialismus versteht es; seine Herrschaft in Palästina noch' dadurch1 zu sichern, indem er es den bürgerlichen Zionisten überlaßt, die Unzufriedenheit der arabischen Bevölkerung mit den ausländischen Ausbeutern, auf das Haupt der jüdischen Bourgeoisie abzulenken. Diese sucht ihrerseits ein Zufluchtsland, vor der sozialen Revolution und vor der nationalen Konkurrenz und sieht daher im englischen Imperialismus ihre Rettuiig vor dem vollständigen wirtschaftlichen Untergang; sie wird somit der treue Agent und ein blindes Werkzeug Englands- . England versteht es aber auch; das Bestreben der arabischen besitzenden Klassen, ihr feudales Monopol' an Grund und Boden zu erhalten und die palästinensischen Fellachen auszubeuten, für seine Machtsteilung.'auszunützen'. Die arabische Arbeiterschaft ist heutzutage iwirtscliaftlich und kulturell'noch' derart rückständig, daß sie sehr leicht zum Spielbatl verschiedenartiger feudal- und bürgerlich-nationaiistischcr „Freiheitsbewegungen" der Scheichs und " Effendis wird- So gelang es England in Palästina eine Atmosphäre chauvinistischer und religiöser Konflikte zu schaffen, die der Entwicklung des Klassenbewußtseins hinderlich im Wege stehen und die reaktionären Kräfte des Landes stärken. . Einzig und allein die Einwanderung jüdischer Proletarier und als deren Folge die revolutionäre jüdische Arbeiterbewegung bilden die tatsächliche kommunistische Kraft in Palästina; sie ist es auch, die sieb allen nationalistischen Verhetzungen mutig entgegenstellt und die große Aufklärungsarbeit leistet. Die Kolonisation des Landes durch jüdische Arbeiter und deren gewerkschaftlicher und politischer Kampf bilden so die Propaganda der kommunistischen Tat unter den rückständigen Massen des nahen Ostens. Die jüdische 'kommunistische Arbeiterschaft mit den werktätigen Fellachen vereinigt, wird so zum Faktor der sozialen Revolution in Palästina, Syrien und Mesopotamien. ' So sehen \vir die eigenartigen Interessen der jüdischen Arbeiterschaft mit den Kampfnotwendigkeiten der internationalen kommunistischen Bewegung harmonisch z usamfmenf afen. Indem Wir die jüdischen Proletarier im täglichen Kampfe, an Hand ihrer tatsächlichen Lebensbedingungen und Lebensnotlwendigkeitctti über das wahre Wesen des bürgerlichen Zionismus und über die wahren Absichten seines englischen Protektors aufklären, erweitern wir das Gebiet des Klassenkampfes, erziehen wir so die jüdischen Arbeitermassen nicht nur im gewerkschaftlichen und politischen Kampfe, sondern auch in einem Bestreben nach Befriedigung seiner eigenartigen Bedürfnisse, die jüdische Bourgeoisie a!s ausgesprochenen Klassengegner zu erkennen und nur .nuf die eigenen Kräfte zu rechnen. Das gesamte jüdische gesellschaftliche Leben wird hiedurch in wahrhaft sozialistischem Geiste beeinflußt, das gesamte gesellschaftliche Wirken vom Klassenkampfe beherrscht. So ersieht das in unserem Verbände organisierte jüdische Proletariat aller Länder in der Vergeseflschaltlichung der Produktionsmittel, in der Schaffuncj der internationalen sozialistischen Sowjetrepublik sein Ziel. Als Weg hiezii betrachten wir die Diktatur d .s Proletariats in der_ Form des Sowjetsustems, Kampf für die unmittelbare Uebernahnn der Staatsgewalt durch' (1 •: Arbeiterklasse aller Länder. Die revolutionäre gewerkschaftliche und genossenschaftliche Bewegung. Aktive Beeinflussung der Produktivierung der halbppfcTaTischen Schichten dcä jüdischen Volkes« Aktive "Beeinflussung d:r Regulierung der jüdischen Wanderung, insbesondere^ deren Konzentrierung in den wichtigsten immigr^föns^. Zentrum iri Palästina. ~~ __Die Befriedigung der gemeinsamen kulturellen Bedürfnisse der jüdischen arbeitenden^MassenT Ist demnach das ZW der jüdischen Arbeiter he- 'wegung identisch mit dem der internationalen Arbeiterbewegung — die Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel; sieht unser Verband seine Hauptaufgabe in der großen Aufgabe der Kommimfstischen Internationale — Kampf für die Errichtung der proletarischen Diktatur, — so fällt auch die besondere Aufgabe der jüdischen Arbeiterbewegung harmonisch1 mit den allgemeinen Interessen des' internationalen Kommunismus zus!aminen. Die Erstarkung und Erweiterung der neuentstandenen jüdischen Arbeitersiedlung, in Palästina liegt im ureigensten Interesse der Erstarkung des kommunistischen' Gedankens und der Schwächung der imperialistischen Herrschaft im Orknt- Ist doch die in unserem Verbäude organisierte:. Kommunistische Partei Palästinas dazu berufen, als einzige aus klassenbewußten Arbeitern bestehende Organisation des nahen Orients, den Kampf für den Kommunismus nicht allein aus1 irgend welchen nationalen Befreiungsbestrebimgen, sondern vermögie ihrer Klassenlage zu führen. Die Vereinigung der auf dieses Ziel gerichteten organisierten Kräfte des jüdischen Proletariats mit der Kommunistischen Internationale soll dem Kampfe der jüdischen kommunistischen .Arbeiterschaft Kraft und Sieg verleihen. *' Wie soll nun die, im Weltverbande Poafe-Zion organisierte, kommunistische jüdische Arbeiterschaft der Komm unistischen Internationale angegliedert Werden? . ' - " '^ fflfy Zur Beantwortung dieser Frage genügt es keinesfalls auf die Statuten und Aufnahmebedingungen der Kommunistischen Internationale hinzuweisen. Sowohl' die Statuten, die es sich' zum Ziel setzen, die Kommunistische Internationale zu einer straff zentralisierten Organisation zusammenzufassen, dadurch die Einheit der Aktion zu gewähren und somit den endgültigen Sieg zu verbürgen, als auch die Aufnah'msbedingungeu, die den Zweck verfolgen, die Opportunisten und Zentrumsleüte aller Schattierungen von der Kommunistischen Internationale fernzuhalten und hiedu reh1 die Schlagkraft der Internationale zu steigern, sind von der poal'e-zionististhen Arbeiterschaft richtig verstanden und anerkannt worden. Speziell die Aufnahmsbedingungen sind unsererseits in ihren wichtigsten Punkten zum Teile bereits vor, zum Teile unmittelbar nach der Tagung des zweiten Kongresses erfüllt worden. So hat auf unserer, gleichzeitig mit dem zweiten Kongreß im Juli in Wien tagenden V. Verbandskonferenz der endgültige organisatorische Bruch mit unseren Rechten und Zentrwmsleuten einerseits und der Einigung der Kommunisten und Linksunabhängigen andererseits, gemäß dem Programmund der Taktik der Kommunistischen Internationare stattgefunden. Unsere Propaganda und Agitation in Schrift und Wort wird nunmehr in rein kommunistischem Sinne geführt. Unsere Presse beleuchtet kritisch1 alle Ereignisse vom Standpunkte des Kommunismus, unsere Landesparteien unterstützen in allen Ländern sämtliche Aktionen der kommunistischen Landesparteien. Bei den Wahlen, Massendemonstrationen, im Generalstreik und in allen Kämpfen der kommunistischen Arbeiterschaft nehmen unsere Genossen tatkräftigsten Anteil. Die Poale Zion-Partei in Polen ist auch de einzige, so!weit es uns bekannt, we'fche tlen Punkt 11 der Aufnahmsbedingungen erfüllte, indem sie ihren Sejmabgeordneten Dr. Ignaz Schipper wegen seiner opportunistischen Parl'arnentspolitik abberufen, seines Mandates enthoben, ihn und seine Gesinniingsgenosiseii aus der Partei ausgeschlossen und in. der Parteipresse und in großen Massenversammlungen die jüdische Arbeiterschaft Polens über diesen Fall im Sinne der 21 Bedingungen, aufgeklärt hat. Lediglich einzelne minderwertige Punkte der Aufnahmsbedingungen, wie z. B. die Benennung unseres Verbandes sind noch zu erfüllen, wir wollen diese gemeinsam mit der Exekutive der Kommunist/ischen .Internationale beraten und erledigen. Nicht in den Aufnahmsbedingungen ist demnach der Schwerpunkt für die Angliederung^ unseres Verbandes an die Kommunistische Internationale, sondern in den konkreten paseins- und Kampfeshsdingungen des jüdischen Proletariats, -zu suchen. Das exterritoriale, in allen Ländern zerstreute - jüdische Proletariat hat sieh im Laufe der letzteil Jahre eine internationale Klassenorganisation in.dsr Gestalt unseres Weltverbandes geschaffen. Dadurch' also, daß unser Verband nicht ein bestimmtes Land, sondern die jüdischen kommunistischen Proletarier aller Länder vertritt, gestaltet sich die Frage unserer organisatorischen Angliederung an die internationale Arbeiterassoziation so eigenartig. Diese Frage hat bereits ihre Vorgeschichte. Schon die erste Internationale hatte mit großen organisatorischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Zentraiistisch, jedoch auf dem Prinzipe der nationalen (sprachlichen) Sektionen aufgebaut, fiel es ihr häufig schwer, die Organisationsformen den politischen Zielen anzupassen. Nicht allein die Tatsache, daß schon zu jener Zeit die nationalen (sprachlichen) Grenzen nicht immer mit den politischen Landesgrenzen zusammenfielen, sondern auch, das häufige Auftreten zweier oder mehrerer sozialistischer Richtungen innerhalb der Arbeiterschaft eines einzigen Landes oder eines einzigen Volkes, gestaltete die Organisationsfrage zu einem ernsten verwickelten Problem'. Die zweite Internationale, die auf dem Prinzip der Länder aufgebaut war und einer jeden Landespartei volle Autonomie gewährte, hat das inzwischen sich immer zuspitzende Problem — Staat und Nation — völlig ungelöst gelassen. Sie half sich damit, daß sie, wie erwähnt, den Landesparteien die weitgehendste Autonomie gewährte. Auch sie vermochte nicht derartige Organisationsformeu für die*internationale Arbeiterassoziation zu schaffen, die sowohl den politischen Zielen sowie den Grenzen des Staates, als'auch den eigenartigen Bedürfnissem der Profetarier der nationalen Minderheiten entsprochen hätten. So oft dieses Organisafionsproble.m vor der zweiten Internationale auftauchte, ging sie darüber mit oportunisiiseben Halbheiten, bald bejahend, bald verneinend, hinweg. So z. B. hat die zweite Internationale hinsichtlich der polnischen Arbeiterschaft die Staatsgrenzen völlig ignoriert und die polnischen Proletarier aller drei Staaten (Rußland, Oesterreich, Deutschland) als eine einheitliche polnische Sektion aufgenommen. Ebenso wurde Finnland, das einen Teil des russischen Staates bi.'dete, als finnische Sektion üiifgQiiommen. Hingegen konnte sich die zweite Internationale hinsichtlich der jüdischen Proletarier nicht über die verschiedenen vaterländischen Grenzen hinwegsetzen und verweigerte beharrlich den in mehreren Ländern zerstreuten, daher interterritorial organisierten jüdischen Proletariern eine eigene Vertretung. Ja, der Opportunismus der II. Internationale in dieser Beziehung ging soweit, daß sie selbst dem russischen „Bund" eine eigene Vertretung verweigerte, und' der „Bund" nur durch die Aufnahme in die Sektion der rußl'ändischen Sozialdemokratie auf den Kongressen der II. Internationale vertreten war. Die Kommunistische 'internationale, die an die Tradition der I. Internationale^ anknüpft, konnte, solange sie bloß einen kleinen Teil der internationalen Arbeiterschaft,umfaßte, dieses Problem ignorieren. In dem Maße aber, als die zur Massenbewegung der Arbeiterklasse aller Länder und Völker Wird, muß das OrganisationsprobfemStaat^ und. Natüou. —..ae-, stellt und gelöst werden. Es müssen 'Organisatioinsfonnen gefunden werden, die nicht nur den nationaleinheitlichen Proletariern eines Landes die organisatorische Vertretung und' Mitarbeit ermöglichen, sondern auch den Proletariern eines Volkes, das in mehreren Ländern zerstreut ist, die jedoch gemeinsarn'e Bedürfnisse zu befriedigen haben, die organisatorische Eingliederung, sowohl in die einzelnen kommunistischen Landesparteien, als auch in die Kommunistische Internationale möglich machen. Die Kommunistische Internationale ist zur befriedigenden' Lösung dieses Problems um so eher befähigt, als sie die Staatsgrenzen eines Landes inicht als „ewig bestehend" und unverrückbar betrachtet; sie ist vielmehr bestrebt, die Staatsgrenzen dürch „die Schaffung einer Tnternationalen Sowjetrepublik als Uebergaiigsstufe zur vollen Vernichtung des. Staates" gänzlich überflüssig zu machen. Nun sind ja in einer internationalen Sowjetrepublik politische und zollwirtschaftliche Landesgrenzen undenkbar, während die Nationen a?s arbeitende und kulturschaffende Gemeinschaften zu neuem Leben erwachen. Daher gilt es, die Organisationsformen der1 kommunistischen Internationale schon heute derart zu gestalten, daß sie, sowohl den konkreten politischen Zielen und Kampf beding ungen der kommunistischen Sektionen eines jeden Landes, als auch den gemeinsamen Bedürfnissen und eigenartigen Kampfbedingungen der Pro'etarier einer in mehreren Ländern zerstreuten Nation, entsprechen. In diesem Sinne schlagen wir der Kommunistischen Internationale vor, den ersten Versuch einer befriedigenden Lösung dieses Organisationsproblems bei der Angliederung der Organisation des jüdischen Proletariats — dieses tupisC.hen Falles eines exterritorialen Volkes und einer interterritorialen Klassenorganisation — zu machen. Hiebei bleiben wir unverrückbar auf dem Boden der 21 Aufnahmebedingungen und halten uns streng an den Geist der zentralistischen Statuten der Kommunistischen Internationale. Die einheitliche politische Aktion der kommunistischen Landessektionen und die zentralisierte Exekutivgewalt der gesamten Internationale soll durch unseren Vorschlag nicht nur nicht erschwert, sondern womöglich verbürgt werden. Wir schlagen nämlich vor, die unserem Verbände angehörigen Parteien als jüdische Sektionen den betreffenden kommunistischen Landesparteien auf folgender Grundlage anzugliedern: A) Der gesamte politische Kampf für die Neugestaltung des Staates, für die Errichtung der Sowjetrepublik wird von den betreffenden kommunistischen Landesparteien nach wie vor zentral durchgeführt. Die jüdischen Sektionen (d. h. unsere Landesparteien), ebenso die andersnationalen Sektionen, ent-