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Freie Tribüne · 1921-07-23 · 21-22 (23.7.1921) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
3 (1921)
Issue
21-22 (23.7.1921)
Date
1921-07-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrzehntelang kämpft das jüdische Proletariat in allen Ländern seiner Diaspora in den Reihen des für die sozialistische Emanzipation kämpfenden Internationalen Proletariats. Die überall gleichen, jedoch! auch eigenartigen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bedingungen, in denen die jüdische Arbeiterschaft in allen Ländern ihrer Siedlung lebt, zeitigen überall1 die gleichen gesellschaftlichen Erscheinungen. So sehen wir die überall und andauernd sich steigernde Deklassierung und Verarmung der arbeitenden Schichten des jüdischen Volkes, als deren Folge die stetig zunehmende Wanderung der bereiten arbeitenden Massen des jüdischen Volkes, ihre national-politische Unterdrückung in der Form von Ausnahmegesetzen und direkten Verfolgungen (Pogrome, Ausweisungen etc.) ihre kulturelle RückständigSkeit mangels öffentlich^ r echili^hfer--undgesetlscbaftKcher*- 'Institutionen des Unterrichts- und Bildungswesens. Die jüdische Bourgeoisie und die jüdische kleinbürgerliche Intelligenz war und ist ununterbrochen bemüht, diesen traurigen Zustand der jüdischen Volksmassen zu benützen, um die jüdische Arbeiterschaft für die verschiedenartigsten nationalistischen ,,Erlösungs"-Ideen zu gewinnen und auf diese Weise sie vom sozialisti- Ktassenkampf abzulenken und ins Schlepptau einer sogenannten nationalen Ueberklassenpolitik zu nehmen. Demgegenüber hat das klassenbewußte jüdische Proletariat schön vor ungefähr 18 Jahren Organisationsformen gesucht und gefunden, die es der jüdischen Arbeiterschaft ermöglichen sollten, in interterritorialem (zwischenstaatlichem) Maßstäbe auf diesß konkreten Erscheinungen aktiv zu reagieren, die eigenartigen Lebensbedürfnisse der jüdischen arbeitend ein Massen zu befriedigen und so das gesamte jüdische gesellschaftliche Leben im Geiste der sozialistischen Befreiung zu beeinflüßen und die Klassenposition des jüdischen Proletariats zu stärken. So entstand vor 18 Jahren fast gleichzeitig in allen Ländern die Poale-Zion-Bewegung, so entwickelten sich überall die Poale-Zion-Parteien, die sich im Jahre 1908 zu einem allweltlichen (interterritorialen) Verbände zusammenschlössen. Fast zwei Jahrzehntelang versuchte die poalezionistische Beweguno, den Kampf des jüdischen Proletariats für seine soziale und nationale Befreiung einheitlich zu gestalten. In der poale-zionistischen Bewegung sollte das jüdische Proletariat das sozialistische Endziel — die Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel1 — nicht nur mit der Befriedigung seiner täglichen Bedürfnisse (höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, politische Freiheit) — sondern auch mit der Befriedigung seiner eigenartigen Lebensnotwendigkeiten (Produktivierung der halbproletarischen Schichten, Regulierung der Wanderung und kulturellem Aufstieg) vereinigen. All dies in richtiger Erkenntnis der eigenartigen .wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens- und! Kampfbedingungen des jüdischen Proletariats. Wie sind die eigenartigen Bedingungen beschaffen, in denen das jüdische Proletariat lebt und kämpft? Die kapitalistische Wirtschaftsweise hat nicht nur die Klassengegensätze innerhalb jeder Nation auf das äußerste verschärft, sondern auch die Nationen in Privilegierte und Unterdrückte geteilt. Die nationale Un-* terdrückung lastete besonders schwer auf den Schultern derjenigen Völker, die in mehreren staatlichen Organismen aufgeteilt waren (Polen, Tschechen und1 andere bis zum Weltkrieg). Geradezu tragisch wurde auf der höchsten Siu"e der kapitalistischen Entwicklung die Lage der arMtenden Schichten, des jüdischen Volkes, das in allen Ländern zerstreut ist. Als eine verschwindende Minderheit können die jüdischen arbeitenden Massen nirgends eine genug starke organisierte Kraft den Unterdrückiuigsbestrebungen der herrschenden kapitalistischen Klassen entgegenstellen. Hiezu kommt noe'h besonders der Umstand in Betracht, daß die jüdischen arbeitenden Schichten im Verlaufe einer Jahrhunderte währenden Entwicklung durch soziale und politische Unterdrückung hauptsächlich' an der Peripherie der kapitalistischen Wirtschaft zusammengepfercht wurden. In der vorkapitalistischen Zeit ein Volk des Handels und der Vermittlung bildend, sind die durch den Kapitalismus zur Proletarisierung gebrachten Schichten in den Städten geblieben und haben hier hauptsächlich in der für cjeji immittelibarenj VerrXräuch~ere^^ ge werbe ihren Arbeitsplatz gefunden. In die Ur-^ Produktion (Landwirtschaft, Bergbau usw.) sowie in die meistfortgeschritteneren Zweige der kapitalistischen Wirtschaft (Großindustrie, Verkehrswesen usw.) gelingt es den arbeitenden Schichten des jüdischen Volkes nicht einzudringen. Ist so das jüdische Proletariat hauptsächlich an der Peripherie der kapitalistischen Produktion beschäftigt, so unterliegt es in höherem Maße, als die Proletarier anderer Völker, jeder Krise, ja jieder Schwankung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Am deutlichsten kommt diese gefährdete soziale Stellung des jüdischen Proletariats in den fortwährenden, sich immer steigernden Wanderungen unverhältnismäßig größer Teile der jüdischen Erwerbsschichten zum Ausdruck, ganz abgesehen von national-politischen Verfolgungen. So sind die Lebensbedingungen des jüdischen Proletariats geartet; sie haben wali'rlich kein Beispiel in der Geschichte. Dieser Zustand drückt dem Klassenkampfe des jüdischen Proletariats seinen Stempel auf. Die soziale Befreiungsidee, der gewerkschaftliche Kampf um günstigere Arbeitsbedingungen und -das Streben nach kulturellem Aufstieg vollziehen sich in den oben geschilderten eigenartigen Bedingungen. Alles Sinnen und Streben des jüdischen Proletariats muß darauf gerichtet sein, die anormale Lage des jüdischen Proletariats zu ändern, seine Kampfposition zu stärken und so die endgültige soziale Befreiung des jüdischen Proletariats zu verbürgen. So sehen wir, daß eine immer wachsende Zahl von jüdischen Proletariern sich seiner eigenartigen Lage bewußt wird; wir sehen das stets anwachsende Bestreben, diesen Zustand durch die organisierte Kraft des jüdischen Proletariats radikal zu ändern. * In welcher Weise und in welcher Richtung soll sich das jüdische Proletariat aktiv in den Entwicklungsprozeß einmengen? Hier gilt es, die Entwicklungstendenz, die in der eigenartigen wirtschaftlichen Lage des jüdischen Pkh letariats verborgen ist, zu erkennen und das Ziel danach zu (bestimmen. Produktivierung der jüdischen halbproletarischen Schichten und Regulierung der jüdischen Wanderung sind zweifellos die beiden Hauptaufgaben, auf we'che die besondere Aufmerksamkeit der jüdischen Arbeiter gelenkt werden muß. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehen wir in Rußland — wo damals der größte Teil des jüdischen Volkes ansäßig war — ein gesellschaftlich organisiertes Streben der jüdischen arbeitenden Massen nach Produktivierung, und zWar in einer ganz bestimmten Richtung, wie Uebergang zur Landwirtschaft und zu den höheren Zweigen der Produktion. Heutzutage ist es ein allgemein anerkannter Grundsatz aller jüdischen proletarischen Parteien, daß die Produktivierung bezw. Agrarisierung( eine dringende Aufgabe der Gegenwart ist. Als besonders aktuell und erfblgverheißend ist diese Aufgäbe auf die Tagesordnung der jüdischen Arbeiterbewegung in den Sowjetrepubliken gestellt In diesen Ländern müssen die jüdischen arbeitenden Massen mit Hilfe der sozialistischen Staatsgewalt den ernsten Versuch machen, zur schaffenden Arbeit in Landwirtschaft und Urproduktion überzugehen. Aber auch dort stößt dieser Prozeß auf besondere Schwierigkeiten, die in den bisherigen Erwerbsförmen der jüdischen Massen und in dem noch' nicht sozialistischen Denken des Bauerntums zu suchen sind. Hier kann organisierte, auf Selbstverwaltung begründete Zusammenfassung aller schaffendem Kräfte der jüdischen arbeitenden* Maasen; gestfitzt auf1 die Mithilfe des proletarischen Staates, Großes vollbringen. ' Proletarische Selbstverwaltung in allen sozialen und kulturellen Fragen, die den Bedürfnissen der Minderheitsvölker entsprechen, ist demnach die sozialistische Form des Zusammenlebens der Arbeitenden eines großen proletarischen Staates. Ganz schärf und zuweilen katastrophal steht die Frage der Wanderung auf der Tagesordnung der jüdischen Arbeiterpolitik in den immer noch kapitaFitisch «regierten Ländern Osteuropas. Dort hatte der Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschaft die vollständige Deklassierung der jüdischen Massen in drohende Nähe gerückt und so die Wanderung zur Lebensfrage von Tausenden und Abertausenden, ja der gesamten jüdischen Arbeiterklasse dieser Länder gemacht. Der [wirtschaftliche Niedergang und das Elend der jüdischen Massen in Polen, Galizim, Rumänien und 'den angrenzenden Nachbarländern Mitteleuropas zwingt ungeheuere jüdische arbeitende Massen zur Auswanderung. Krieg, Pogrome und Reaktion gestalten diesen Zustand geradezu katastrophal. Aber dieselbe wirtschaftliche Krisis, die de Auswanderung hervorruft, begrenzt wesentlich die Einwanderungsmöglichkeiten. Die Ueberproduktion und Arbeitslosigkeit, die in den kapitalistischen Siegerstaaten herrscht, hat zur Folge, daß die früheren Einwanderungsländer die immigrierenden Massen nicht mehr aufnehmen wollen. So z. B. werden die Immigrationsmöglichkeiten in Amerika immer begrenzter und die Häfen der Vereinigten Staaten werden allmählich für die jüdischen Arbeiter gesperrt. Gleichzeitig sehen wir aber eine natürliche, breite Massen umfassende, zu gesellschaftlicher Organisation sich' entwickelnde fyndmz für eine zielbewußte und planmäßige Konzentration der jüdischen Wanderung in Palästina. Dies mit deml deutlich ausgesprochenen Willen, dort die Einwianderer von Anbeginn an der Urproduktion zuzuführen, zumal dieses Bestreben durch die geographische und wirtschaftliche Lage Palästinas in hohem Mäße begünstigt wird. Palästina, geographisch den Auswanderungsländern am nächsten gelegen und am billigsten erreichbar, wirtschaftlich noch ganz jungfräulich und' von der modernen kapitalistischen Entwicklung fast unberührt, ist somit das einzige Einwanderungsland, in dem die Berufsumschichtung und die Produktivierung der deklassierten jüdischen Massen sich vollziehen, das Wanderungsproblem am radikalsten gelöst werden kann. Durch die wachsende Einwanderung und [wirtschaftliche Bebauung des Landes wird Palästina zur Aufnahme größerer wandernder Massen befähigt und somit zum wichtigsten Immigrationszentrum der 'wandernden jüdischen Massen.

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