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Freie Tribüne · 1921-06-04 · 19-20 (4.6.1921) · page 3

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Journal
Freie Tribüne
Volume
3 (1921)
Issue
19-20 (4.6.1921)
Date
1921-06-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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NR. 19--20 FRÜE TRIBÜNE SEITE 3 und muß auch sie unter scharfer Aufsicht — gezogen werden. Dies alles bezieht sich auf das wirkliche Lumpenproletariat, jene halb- und ganzverbrecherischen Schichten, jene Bevölkerungselememte, die rar die ganze Dauer der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu ihrer sozialen Lage verurteilt sind. Was sich aber L e v i erlaubt — er handelt hier übrigens ganz nach' dem Rezept aller opportunistischen Sozialpolitiker — ist eigentlich nur ein geschickt gehandhabtes Mittel, um die besten revolutionären Kräfte als lumpenproletarisch zu denunzieren und sie aus der Aktion — zunächst wohl aus tier Diskussion — auszuschalten. 13r bezeichnet nämlich kurzweg alle Arbeitslosen als Lumpenproletarier. Nun sind wir weit davon entfernt,;zu meinen, daß sich die kommunistischen Parteien auf diese Gruppe als auf ihren Hauptkampfkadcr stützen darf. "Wir haben es doch auch hier in Oesterreich miterlebt, daß solche Versuche scheitern und die kommunistischem Parteien ruinieren müssen. In der Tat ist der A rbeitslose — ebenso wie andere Kriegsopfer: „die Invaliden und die Kriegerhinterblieb'enen, nicht nur an sich wegen ihres Loses, sondern auch besonders wegen ihrer sozialen Ohnmacht; bedauernswert. Die Tatsache, daß sie sich in keinem Be - trieb befinden, aus der Produktion, ausgeschaltet sind, und somit der Hauptwaffe des Arbeiters entbehren — der durch die Arbeitsnioderle - gung den Wirtschaftsprozeß zum Stillstand bringen, seinen eigenen Ausbeuter ruinieren, die Staatswirtschaft und im weiteren Verlaufe die Staatsgewalt lähmen kann — beraubt s e als Arbeiter jeder Bedeutung im Kampfe. Wirtschaftliche Bedeutung besitzen sie nur insofern, als sie auch Konsumenten sind, und das ist nicht viel, denn die wirtschaftliche Macht des Verbrauchers ist defensiver Natu r, nicht geeignet zum Angriffe auf die Volkswirtschaft oder auf dem Staatsmechanismus. Den Mangel an wirtschaftlicher Macht macht ihr Ueberschuß an Kampfentschlossenheit gut, der ausihrer sozialen Lage und aus den Bedingungen ihres massenhaften Auftretens nach dem Krieg, (der sie erst als Arbeiter produziert hat, entspringt. Sie fühlen am Leibe am schärfsten das Walten des Imperialismus*, der Beginn, die Steigerung der Wirtschaftskrise wird ihnen zunächst und am empfindlichsten bemerkbar; ihr unmittelbares Erleben sagt ihnen klarer als die beste und längste 'Agitation den . braven, auf sicherem Platze ■ befindlichen Arbeiter, was Diktatur der Bourgeoisie bedeutet. Es ist daher begreiflich, daß ihre Kampflust weit größer, ihr revolutionärer Instinkt weit schärfer ist, als jener Proletarier schichten, die noch auf einem gesicherten Arbeitsplatz ruhen. So - Tange, der Arbeiter noch etwas anderes zu verlieren hat als seine Ketten, ist er. naturgemäß „überlegter" und eher beret, die Argumente, die gegen döm1 Kampf sprechen, auf sich wirken zu lassen. Die Arbeiterschaft trägt in ihrem Denken und Gehaben viele k 1 e i n b ü r g e r 1 i c h-s p i e ß e r h' a f t,e Z ü g e, die die sie an die heutige Gesellschaft, an das ruhige Dasein mit tausend Fäden knüpfen; der Glaube^ an die Evolution, an die ruhige stete Entwicklung, entspringt der Genügsamkeit eines um seinen Arbeitsplatz ävngstlioh* besorgten, vor jeder Erschütterung der ' wirtschaftlichen Lebens bangenden Arbeiters. I5ie Stellung im Wirtschaftsprozeß entscheidet eben nicht allein über das soziale Handeln einer Gruppe, es ge^ hören, um eine ökonomisch gesicherte Gruppe in Gärung zu versetzen, in den Kampf zu treiben, psychologische Momente dazu, die nicht bloß greifbaren ökonomischen Tatsachen ihre Entstehung verdanken'. Bei den Arbeitslosen wirkt die wirtschaftliche Lage ins. Elend gestoßener Menschen zusammen mit ,der Verzweiflung über die Aussichtslosigkeit ihrer Lage, um sie intuitiv blitzartig, wenn auch nicht immer ganz Idar, die Furchtbarkeit der übermächtigen kapitalistischen Wirtschaftsgesetze, ihrer tollen Widersprüche, ihres notwendigen Unterganges erkennen und ihren Willen aufsprießen zu lassen, an der Vernichtung der Bourleo sherrschaft — der einzigen Möglichkeit ihrer Bettung — mitzuwirken. Diese hochmütig-ablehnende Haltung gegenüber den Arbeitslosen wäre früher noch verständlich^ gewesein, als die Arbeitslosigkeit eine vorübergehende Erscheinung war und nur eine kleine Zahl der Erwerbstätigen ausmachte. In dieser Nachkriegszeit aber, da die Arbeitslosigkeit in Zusammenhang mit dauernden und — wie es scheint — tinheilbaren,, ab- und aufschwellenden Wirtschaftskrisen, zu einer dauernden Erscheinung geworden ist, jetzt, wo nioht nur die während des Krieges in die Wirtschaft hineingerissonen früher nicht proletarischen Massen, nicht nur Frauen und Jugendlichen, sondern auch große Scharen scheinbar gutqualifizierter Arbeit aus der Arbeit geworfen sind oder davon bedroht werden, jetzt, da die Massenerscheinung der Arb'eitslosig k e i t das Charakter zeichen d er Wirtschaft slage geworden ist, jetzt ist es ein untrüglicher Be - weis von Opportunismus, die Bedeutung der Arbeitslosigkeit für - die bevorstehenden unausweichlichen Kämpfe, zu übersehen. Es ist dabei kennzeichnend, daß Levi, wie alle Opportunisten für das wesentlich wirtschaftliche Kampfmittel des Ar^ beitslosen keinerlei Verständnis aufweist und es hämisch, altjüngferlich bekrittelt. Er begreift nicht, daß es die gegebene Taktik des A r b e i t s 1 o s,o n ist, Forderungen nach Einstellung! in die Fabrik, nach Wiedereinroihung in den Pro - duktionsprozeß zu stellen und die Durchsetzung dieser Forderungen durch Besetzung der Bet rieb e zu erzwingen. Wie die italienischen O'ppor - tunisten hat auch ihn das italienische Beispiel der Be^ setzung der Betriebe nicht belehrt, sondern ins Bockshorn gejagt Wenn nun die Arbeiter einer "Fabrik wirklieh die Arbeitslosen, die in den Betrieb einzudringen versuchten, hinausprügelten, jammert er über „Krieg" der Arbeiter gegen Arbeiter", statt derartige Geschehnisse als den unvermeidlichen, wenn auch bedauerlichen Ausdruck unentwickelten Klassenbewußt* seins und Mangels an Erziehung zu Klassensolidari tät auf Seiten der um ihr „Eigentum" — den Arbeitsplatz Besorgten, durch die mehrheitssozialistische und uiiabhängige Presse verhetzten oder als Zeichen propagandistischer Mängel in der V. K. P. D. zu begreifen, die es nicht verstanden hat, durch' entsprechende Aufklärungstätigkeit und zweckdienliche Organisation der Arbeitslosen die natürliche Kluft zwischen d^n um den Arbeitsplatz in Konkurrenzkampf stehenden Arbeitern und Arbeitslosen zu überbrücken. Nein, er gibt von vornherein den besitzsicheren Arbeitendon" recht und vergißt ganz, daß ihre große Masse ohne Einwirkung eines außer ihren Reihen in Erscheinung tretenden und zu Aktionen drängenden Kampfgeistes sich kaum in Bewegung setzen wird. Es ist notwendig ,sioh der Tatsache bewußt zu sein, daß in dem Wuchern dieses Opportunist!* sehen Geistes die Möglichkeit einer Krise der, kommunistischen Bewegung vorhanden ist, nein, daß; er selbst die Krise bedeutet. Der'Kommunismus hat nur dann das Recht, gesondert von der großen Masse des Proletariats, oft gegen ihren Willen, sicK seine Organisationsformen zu schaffen, um die prole-* tarische Gesamtbewegung nach seinem Willen zu lenken, wenn es ihm gelingt, alle, aus friedlicher Zeit übernommenen und dem Proletariat vererbtem klein * bürgerlichen Vorurteile zu überwina den, die großen, am stärksten gedrückten und ausgebeuteten und darum mit revolutionärer Explosions* kraft geladenen Volksmassen zum Klassenbewußtsein zu wecken und in die kämpfende Klasse einzuglie - dern, und drittens alle revolutionären Gruppierungen, die bisher, durch die Politik der sozialdemokratischen Parteien angeekelt, einsam ihres Weges dahingingen, um die Parole des Entscheidungskampfes zu vereinigen. Es ist selbstverständlich, daß hie-* bei alle proletarischen Gruppen und Schichten nacli ihren Interessen und Bedürfnissen zu organisieren, und vor jeder Aktion auf den Grad der erreichten Klarheit (der proletarischen Massen geachtet werden' muß. Es ist selbstverständlich, daß jeder Schritt geistig vorbereitet werden muß; jede Kampfhandlung muß ans den Bedürfnissen der Masse hervorgehen und dem Bewußtsein ihrer zielklarsten Teile entsprechen. Es ist also eine eindringliche Propaganda, Auf-» klärungüber die politische Situation, - Erörterung der zu ergreifenden Maßregeln und einzuleitenden" Schritte solange nötig, bis die befreiende Tat elementar aus dem revolutionären Bewußt s e i n e n t s p r i n g t und sowohl den Kämpfenden wie auch ihren Gegnern als unaussprechliche Notwendigkeit erscheint. Selbstverständlich ist auch1 die oi'ganisatorische Notwendigkeit, einen möglichst reibungslosen Mechanismus aufzubauen, dessen einzelne Teile aufeinander eingearbeitet sindi und mindest in den Hauptzügen wissen, was bei allen möglichon Eventualitäten zu tun ist. Auch diese Organisation muß in den Massen verankert sein, muß ihrem' Bewußtsein oder mindestens ihrem revolutionären Instinkt entspringen. Wir haben damit — ohne natürlich über die letzte Märzaktion ein Urteil abzugeben, das uns, den Fernstehenden und Uneingeweihten, nicht zuletzt — schon klargelegt, was wir für. fehlerhaft in ihr halten müssen. Die Tatsache der mangelnden Vorbereitung der Massen, des Mangels eines revolutionären Anlasses darf natürlich nioht durch" plötzliche unmotivierte oder mindestens den Anhängern unmotiviert erscheinende Kampfparolen „verbessert" werden. Es;darf nicht vorkommen, daß die zentrale Leitung der Partei seibs nicht weiß, was sie eigentlich will und während des Kampfes in ihrer Taktuf sogar, schwankt. Es dürfen sich außer der zentralen Kampfleitung keine Nebeneinflüsse bemerkbar machen. Die Gesch. chte hat bewiesen, daß sich* solch unkontrollierte Nebenapparate nicht nur verselbständig gen, sondern auch der Bewegung Herr zu werden. Wir haben Levis Broschüre des öfteren angezo« gen, weil an ihr das Bild des kommunistischen Opporder Vorbereitung des Pogroms arbeitete. Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß die arabische Polizei am Pogro m Anteil genommen hat. Ferner steht es fest, daß die englischo Polizei, welche es so vortrefflich verstand, friedliehe Demonstrationen auseinanderzujagen, nur fünf Minuten gebraucht hätte, um ciem Pogrom ein Ende zu bereiten, es aber nicht tat. Englische Aeropiano k v e i s t ö n wanreiul der ganzen I) a u e r d es Pogroms übe r J a f f a, und doch dauerte der Pogrom über fünf Stunden. Es ist klar, daß die englische Macht hier eoenso wie an dem Pogrom -ein Jahr zuvor in Jerusalem schuld ist, daß Wie englischen Balfonrleu'te wieder einmal i h r Mandat in jüdischem Blut tauften. Verlauf des Pogroms. Gegen 12 Uhr . erschienen in Newoh-Scha- 1 o m und in der Umgebung Scharen von Arabern und begannen die vorbeigehenden Juden mit Steinen zu werfen. Alle Läden wurden sofort geschlossen und die Polizei begann, wie auf ein gegebenes Signal, zu schießen, aber nicht auf die Angreifer, sondern in die Luft. Die unaufhörliche Schießerei war eine offenkundige Provokation seitens der Polizei. Juden von Tel- Awiw, die nach Neweh-Schalom zu Hilfe eüen wollten, wurden ebenso wie voriges Jahr in Jerusalem von der Polizei daran verhindert. Auch diesmal begegneten ihnen die Kugeln der arabischen Polizisten, wobei es einige Tote gab. Alle Wege, die von Tel-Awiw nach Neweh-Schalom führten, waren von der Polizei be - setzt. Es wurde niemand herein oder hinaus gelassen, Verzweifelt und ratlos rannten Arbeiter in den Straßen ton Tel-Awiw herum. Keine Verbindung mit Neweh- Schalom möglich > Was geht dort vor? Man hörte nur die Schießerei! Was geht dort vor?. . . Diese Frage squälte alle. Zu dieser Zeit ging in Neweh-Schalom Schreck, üches vor. Als die Araber gewahrten, daß nicht auf sie geschossen werde, warfen sie sioH zu Hunderte», tin* t e r Führung der P o 1 i z e i, au fdas jüdische Viertel, begannen zu morden, zu rauben und zu plündern. Die Polizei hatte offen den Angreifern Gewehre in idie Hand gegeben, und half ihnen, die geraubten Waren wegzutragen. Man ging systematisch von Haus zu Hans,. von Laden zu Laden und raubte. Die Gassen waren voll von Arabern und Polizisten. Ein Ha nie drang in „Beth Hechaluz" (Ohaluzimhaus), wo sieh die neu angekommenen "Emigranten befanden und begannen zu morden. Nach den Berichten wurden dort allein 14 Chaluzim getötet und über 30 verwundet. Zu derselben Zeit befand sich im Borochowklub in Neweh-Schalom eine Gruppe von 30 Arbeitern und Arbeiterinnen. Als sie sahen, daß die Polizei offen,am Pogrom teilnimmt und ihr niemand Widerstand leistet, beschlossen sie, hinauszugehen und den Kampf mit den Pogrombanden aufzunehmen. Die Araber schraken zuerst zurüeik, aber als sie sahen, daß sie es mit einer kleinen unbewaffneten Gruppe zu tun haben, gingen sie wieder zum Angriff über. Auch die P o- 1 i z e i eröffnete das F o u -e r auf die neue Gruppe. Bin Genosse wurde von zwei Kugeln getroffen und schwor, zwei loicht verwundet. Auf den sehwei' verwundeten stürzten sich die Araber und schlugen mit Stöcken und Steinen auf ihn ein. Die Lage der kleinen Gruppe wurde, kritisch. Als die Polizei gewahrte, daß sie auf irischer Tat ertappt war, begann sie die Massen auseinanderzutreiben. Zur selben Zeit gelang es einer Gruppe jüdischer Arbeiter nach Neweh - Schalom vorzudringen und sicK mit der kämpfenden Gruppe zu vereinigen. Es rückte auch eine Gruppe demobilisierter jüdischer Soldaten an. Die Lage änderte sich sofort. Die Araber zogen sich in ihr Stadtviertel zurück. Einige versuchten noch von den Dächern zu schießen und Steine zu werfen wurden aber vom rasch gebildeten Selbstschutz verjagt. In den äußeren Stadtteüen und am Meeresstrand dauerten die Ueberfälle noch' länger. Erst spät in der Nacht kam eine kleine Abteilung englischen Militärs an und da nahm der Pogrom ein Ende. Die Zahl der Toten ist jetzt schwer festzustellen. Im Gymnasium liegen 11, im „Beth-Hechaluz" 14 Tote, auch an anderen Orten liegen Ermordete. Verwundete gibt es gewiß mehr als Hundert. Fast alle Toten und Verwundeten sind junge Arbeiter, welche sich mutig verteidigt haben. Auch unter den Arabern gibt es Tote und Verwundete. Genauere Einzelheiten werde ich Euch bald berichten. Die jüdische Bourgeoisie wird gewiß bestrebt sein, die Ereignisse in ihrem Lichte darzustellen. Aber diesmal wird es ihr nicht gelingen. Die Arbeiterschaft, die ihr Blut vergossen hat, wird schon wissen, wie die Ereignisse zu werten sind und die wirklich an dem Pogrom Schuldigen herausfinden. Zweiter Brief. 2. Mai, 10 Uhr früh. Es ist noch immer nicht ruhig. Morgens versuchten die Araber in Tel-Awiw einzudringen, wurden aber zurückgeschlagen. Später überfielen sie die deutsche Kolonie, wo auch einige Juden wohnen, und'begannen zu morden. Zwei Juden wurden getötet. Aber bald kam Hilfe und dem Pogrom wurde ein Ende gemacht. Englische Soldaten Smarschieren in der Stadt mit Maschinengewehren. Die gewesenem jüdischen Soldaten, erhalten Gewehre, es wird ein jüdjsoher Selbstschutz organisiert. Jetzt besteht schon kein Zweifel mehr, daß der Pogrom vorbereitet war! Gestern wurden vorbeigehende Juden auf den Chausseen von den Arabern befallen und beraubt. Man beginnt allmählich die geraubten Sachen von den Arabern zurückzunehmen. Eine arabische Delegation wandte sick eben jetzt an die Juden, und bittetuinFrioden. Unterhandlungen sind im Gange. A <J m o n i.

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