Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 19-20 (4.6.1921)
- Date
- 1921-06-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 19-20 in Gang zu setzen, und auf diese Weise , sein 'dem „Arbeitorvertreter" im Staatsrat, Herrn' BenZ w,i, gegebenes Versprechen, die Schuldigen zu bestrafen, zu erfüllen. Der gewesene revolutionäre Sozialdemokrat Ben Z w i ist von dieser Bestrafung so zufrie - den, daß ei* die stolz angekündigte D'e» nission zurückgezogen hat. Die wirklichen, unmittelbar Schuldigen aber, die Effendis, um den „Arabischen Haifaer Kongreß", haben endlich ihr Alibi und das Stichwort gefunden, um als brave Kinder von England Lob und Lohn zu erhalten für ihre Pogromhetze und die sc erfolgsioher, inszenierte Metzelei in Jaffa. Sie haben ja den Bolschewismus bekämpft! Der bluttriefende arabische Effendi und der angstschlotternde zionistische Bourgeois Arm in Arm — welch herrliches Büd! Doch wir müssen versuchen, uns über die Ursachen der Ereignisse klar zu werden, indem wir die Klassenschichtung in Palästina und die von außen einwirkenden Kräfte untersuchen. Es wird immer nur von einem Pogrom gesprochen, in Wahrheit liegt mehr vor. Wir sehen darin oine einzelne woldgeplante Szene eines ernsten Kampfes, der zwischen zwei „Völkern", Juden und Arabern, entbrannt ist. Wenn wir Völker sagen , meinen wir immer ihre herrschenden Klassen. Es ist notwendig, dies scharf zu betonen, weil die Zionisten uml die rechte Poale-Zion sich bemühen, glauben zu machen, als könnten derlei Geschehnisse durch Polizei verhindert werden und »darum unaufhörlich nach Polizei — allerdings einer jüdischen — schreien. Demgegenüber müssen wir mit allem Nachdruck feststellen, daß die Metzelei in Jaffa nur ein Glied eines regelrechten geordnetem Angriffes auf die jüdischen Siedlungen in Palästina war. Ohne das Eingreifen des englischen Militärs, ohne die englischen Aeroplane und Maschinengewehre wäre nach;dcr allgemeinen Stimmung im Lande die ganze Judenschaft ausgerottet worden. Wir haben us da mit oinem wohlüberlegten Kampfe der politisch führenden Gruppe der palästinischen Araber, der Großgrundbesitzer (Effendis) und der, wenn einstweilen auch schütteren, städtischen Bourgeoisie zu tun.- Man wol'te sich einreden, daß diese J3ruppen der jüdischen Einwanderung freundlich gegenüberstehen müßten; hören doch die Zionisten nicht auf, zu versichern, daß sie dem Land, d. h. also seiner herrschenden Klasse, wirtschaftlich größte Vorteile zu bringen bereit sind und auch unsere boroohowistische Lehre wollte in der Einwanderung unserer wirtschaftlich und kulturell vorgeschrittenen Massen Vorteile für die dort lebenden Araber finden. Ha der Tat haben ja die Jifden den heimischen Grundbesitzern viel Geld für schlechten Boden bezahlt und sind gerne bereit, an ihren Profiten, arabische Kompagnons mitschmarotzen zu lassen. Warum verfängt also diese verlockende Aussicht nicht? Der Grund liegt darin, daß unsere jüdischen bürgerlichen Politiker von ihrem Kleinbürgorstandpunkt aius über dem wirtschaftlichen Nutzen des einzelnen Arabers deren Klasseninteresse nicht sehen. Für die arab sehe Herrenklasse handelt es sieh jetzt darum, daß sie durch den eindringenden Indischen Kapitalismus in ihrer Hoffnung bedroht werdnn, nach alt-feudaler Manier, die durch einige, englischer Herrschaft zu verdankenden^ großkapitalistischen Feinheiten gesteigert ist, ihre arabischen Hintersassen schröpfen zu können. Vor dem englischen Kapital müssen sie sich nicht so fürchten,, es hat anderwärts übergenug Betätigungsraum. Jüdischer Unternehmungsgeist und jüdisches Kapital dagegen droht ihr Grundeigentum nach den Gesetzen des Weltmarktes n Bewegung zu setzen, droht mit dem Zwange, ider altertümlichen, so sehr bequemen, Raubwirtschaft ein Ende zu machen und sich einer neuzeitlichen anpassen zu müssen. Jüdische Kolonisation in großem Maßstab ist nur möglich bei Ueb er Schuß an freiem Boden. Die Notwendigkeit, ihr diesen zu beschaffen, bedroht sie von zwei Seiten. Ihre Hoffnung auf Aneignung der Staatsländereien,, bei Durchdringen des englischen Pr vateigentumsprinzipos durchaus berechtigt, verschwindet, wenn der jüdischen Einwanderung Raum geschafft werden soll. Der bisher widerrechtl ch — wider das Islam- und Volksrecht — nur dank der türkischen Verwaltuftigs- und Steuerpraxis von ihnen den Dorfschaften geraubte Boden droht zu entschwinden. Die bisher so gedruckten und demütigen Fellachen werden sich Kater englischer Herrschaft, vielleicht sogar durch diese gefördert (diese_wird sich in ihnen gerne eine Waffe gegen 'die Effendis schmieden: englisch-imperialistische Politik!), ganz anders ihrer Haut uind ihres Eigentums _zji wehren wissen, um selbst den von ihnen nicht benötigten Boden den Juden zu verkaufen, die bisher fast nur beim Effendi Boden kauften, der niicht ihm, sondern den Fellachen gehörte. Schließlich bedeutet ein „jüdisches Heim" oder, wie die Zionisten gern laut trompeten, ein jüdischer Staat die Aufgabe aller Hoffnungen auf selbständige Handels- und Wirtschaftspolitik und dam t ungeheure Gewinne für die herrschenden Klassen. Auch für die Intellektuellen- und Beamtenkreise — soweit es solche gibt — bedeutet ein jüdisch-staat - Hclies Gebilde, besonders nach den__bürgerlich-zionistischen Ansprüchen, den Verlust der. Aussicht auf Alleinbesitz aller guten, einflußreichen Stellen im Staat und in der öffentlichen Verwaltung. Die arabischen Händler und Handwerker in den Städtern fürchten sich vor der übermächtigen Konkurrenz der allzureich in die Städte einströmenden jüdischen Klein-, und Mittelbourgeoisie. Dies alles wird maskiert hinter nationalen Paro - Ion von Einheit und Freiheit der arabischen Länder, die den Kampf gegen die usurpatorischen Juden zur heiligen nationalen Notwendigkeit erhebt, wobei man zugeben mag, daß es auch einflußreiche arabische Gruppen gibt --- aus kirchlichen und. „fürstlichen" Kreisen, -* (die ihr BeduirJ^ninteresse mit der Familie des Hedscliaskönigs und den Kaiser-Aspirationen eines großarabischen Imperiums verbindet. Unter diesen und religiösen Losungen gelingt es ihnen allzuleicht, die dunklen Fellachenmassen in ihren Dienst zu pressen. Diese haben bisher die erbitternde Erfahrung gemacht, daß sehr häufig Juden — Individuen und Institutionen — Botden, den sie jaliriiun - dertelang bewirtschaftet haben und demzufolge als ihren Besitz betrachten, den Effendis abkaufen! Sie können in Wem nachfolgenden .jüdischen Wirt nur einen Usurpator, einen Expropriateur sehen, wobei sie natürlich keinen Untersclüed maohen zwischen Bürgern und Arbeitern. Es wäre aitch eine allzustarke Forderung für ihr Klassenbewußtsein. Die ganze vorkrie - gerischo K@lonisationsgeschichte ist voll von blutigen Kämpfen zwischen Arabern und Juden, die auf dieser Grundlage ausgebrochen sitfti. Nur nach langer Zeil und bei günstigster Wirtschaftsentwicklung könnte die Erinnerung an ihr Besitzrecht erlöschen. Soweit sie bei den Kolonisten als Arbeiter beschäftigt sind, kann geschickte Propaganda ihnen sehr leioht. vor Äugen führen, daß der ganze Reichtum der Kolonien ihrer Hände Werk ist, und auf diese Weise ein irregeleitetes, nationalistisch verfärbtes Klassengefühl als Ventil für ihre bald zu gewärtigende Erhebung gegen die Effendis gebrauchen. Keine der jüdischen Parteien — ausgenommen unsere M. P. S. — hat etwas dazu getan, um durch Gewinnung dieser Massen den Effendis dieses ihr einziges Schwert aus der Hand mi schlagen. Doch über ihre Politik und die äußeren, einwirkenden Kräfte M. K. Krise des Kommunismus? in. Nächst der Überschätzung der bereits geschaffenen Organisationsformeh und Institutionen, die den Opportunisten bei dem Gedan - ken an ihre Gefährdung erzittern läßt, zeichnet ihn sein echter Haß gegen jene unterste Volksschichte aus," die er mit dem allgemeinen Namen „Lumpenproletariat" belegt. Unter das Lumpenproletariat wurden früher jene völlig deklassierten Elemente der anderen Klassen — in großer Menge also auch der mittlleren und kleinen Bourgeoisie — gezählt, die aus dem normalen Erwerbsleben gestoßen, nur gelegentlich noch zu „produktiver" Arbeit zugelassen werden und den größten Teü ihres Unterhaltes aus Verbrechen oder mindestens aus abseits vom bürgerlichen Leben messenden Quellen beziehen. Ueber ihre Bedeutung in revolutionären und aufgeregten Zeitläuften herrschte keine ,einhe tliche Meinung. Im Gegensatz zu B a - k unin und manchen anarchistischen Gruppe*« lehnten Marx und die Marxisten diese Schichte als d a uernden Bundesgenossen des Proletariats ab, leugneten aber keineswegs, daß es in außerordentlichen Zeiten gelingen mag und einer richtigen proletarischen Politik gelingen muß, sie in den Dienst des Befreiungskampfes zu stellen und ihr zum Teü ursprüngliches, zum Teil in ihren persönlichen Szhicksalen erworbenes L o s g elöstsein von - den Fesseln k 1 e i n b' ü r g e r l,i c h e n Denkens, als Hebel revolutionären Handelns zu benützen. Jeder Marxist wußte auch, daß in dem revolutionären Kample des Proletariats große Teile dieser Scliiohten, von ihren Schlacken gereinigt, ihrer ursprünglichen Klasse sich wieder einreihen. Ihre Energie, Kampfart umd geistige Ungebundenheit stellt dann eine Bereicherung des kämpfenden proletarischen Lagers dar. Allerdings war man sich auch im klaren, daß ein Teü dieser Schichte nicht mehr wettet werden kann — besonders ist dieses Schicksal den deklassierten Elementen 'der Bourgeoisie gewiß — und das siegreiche Proletariat muß entschlossen und rücksichtslos jedem ihrer Versuche, die Revolution den eigenen antisozialen Trieben und Interessen dienstbar zu machen, enlgegentretetni. Aber nochmals — in den Kampf kann Der erste Mai in Jaffa. 1. Mai, 10 Uhr abends. Dieses Jahr wurde der erste Mai zum erstenmal .von der Mehrheit der palästinensischen Arbeiter gefeiert und endete blutig mit einem Pogrom der Polizei und Araber auf „Neweh-Schalom", wo die arme jüdische Bevölkerung Jaffas lebt. Schon vor dorn 1. Mai war eine fieberhafte Vorbereitiungsarbeit überall im Gange. Diesmal hatte auch „Achduth-Haawodah" beschlossen, den 1. Mai zu feiern, und durchgesetzt, daß auch die „Allgemeine Arbeiterorganisation" an der Feier teilnehme. Der „Kuntres" wies in einem kurzen Artikel auf die Bedeutung des 1: Mai, als des „natio^ nalen Feiertages der Arbeit und des Schaffens" hin. Spezielle Aufrufe wurden nicht erlassen, sondern lediglich kurze Aufforderungen zur Feier des 1. Mai durch Arbeitsenthaltung und Demonstrationen. Die „Allgemeine Arbeiterorganisation" wandte sich an den [Gouverneur in Jaffa um die Erlaubnis, eine Demonstration veranstalten zu dürfen; letzterer verwe gerle anfangs die Erlaubnis zur Demonstration mit Fahnen, gab aber endlich langen Bemühungen nach und erlaubte die Feier mit Fahnen, aber nur iu T. e 1 - A w i w. (Viertel der jüdischen Bourgeoisie.) Besonders energische Vorbereitungen zum 1. Mai machte die Palästinensische Kommunistische Partei und die J. K. P. (Poale-Zion). Es erschienen Aufrufe in jüdischer, arabischer und hebräischer Sprache an die Arbeiterschaft, worin die allgemeine und jüdische Po- 1 tik im Lande beleuchtet und die Arbeiferschaft zum Feiern des 1. Mai unter kommunistischen Fahnen aufgefordert wurde. Schon Samstag abends rückten große Scharen jüdischer Arbeiter aus den Kolonien und voin' den Ohausseearbeiten Jjidäas in Jaffa an. Auch" die Polizei ließ es nicht an Vorbereitungen fehlen und entfaltete einen ausgedehnten Spitzelapparat. Patrouillen und Spitzel trieben sich die ganze Nacht in allen Gassen herum, dooh" gelang es dem! (genossen der J. K, P. die Aufrufe im ganzen Lande, besonders in Jaffa, wo auch unsere Losungen an die Häusermäuern und auf die Gehsteige rot gemalt wurden, zu verbreiten. Bei dieser Vorbereitungsarbeit wurden fünf Genossen verhaftet. Morgens herrschte feierliche .Stimmung unter der Arbeiterschaft in Jaffa. P o 1 i z e i zu Fuß und zu Pferd, mit Gewehren bewaffnet, umzingel'te die Stadt und besetzte insbesondere den W e g v o n T,el-A'wiw nach Jaffa. Unsere Partei und die kommunistische Jugendorganisation versammelten sich am Meeresstrande und hielten ein Meeting ab, wobei auch ein ungarischer Kommunist auftrat. Nach der Versammlung formierten die Genossen einen Demonstrationszug mit roten Fahnen. Gleich aber erschienen Polizeipatrouillen, stürzten sich auf die Demonstranten und versuchten ihnen die Fahnen zu entreißen. Die Arbeiter leisteten energischen Widerstand, nahmen die Fahnen den Polizisten wieder weg und zogen nach einem anderen Orte, wo ein zweites Mee- ,ting abgehalten wurde. Mit aufgerollten roten Fahnen, unter Anstiminung revolutionärer Lieder, marschierten sie nach Tel- Awiw, wo zur selben Zeit, u n t e r dem Schutze der Polizei die Versammlung der „Allgemeinen Organisation" und der ,, Achduth-Haawodah" unge - stört abgehalten wurde. Als;unsere kommunistischen Demonstranten die ersten Straßen von Tel-Awiw passierten, Wurden sie von den mit Steinen und Stöcken bewaffneten Schülern des Tel-Awiwer Gymnasiums sowie von einer Bande jüdischer Banditen überfallen. Es erschollen Rufe: „Nieder mit den Kommunisten!", „man sollte sie alle totschlagen!". Besonders zeichnete sich idabei ein l&itglied des ,,Hapoel Hazair" aus, Kassai, Angestellter des „Beth Linah" (Nachtherberge) der „A11 g e m e i n e n A r b' e i t e r o r g än i s a t i o n". Der Genannte bestrebte sich, die Fahne zu entreißen und schlug heldenhaft mit der Faust auf die Genossin, welche die Fahne hielt. Die Demonstranten der „Allgemeinen Arbeiterorganisation" standen abseits unjd schauten ruhig diesem Angriffe auf Arbeiter zu! Die Schlägerei, die sich entspann, dauerte längere Zeit, Die Polizei ..griff ein und trieb die Massen auseinander. Die Studenten und andern B a n ld i t e n waren mit Steinen sowie mit Stöcken bewaffnet, zogen unter taubem Schreien durch' das arabische Viertel zum Borochow-Klub, in der Absicht, die wenigen dort befindlichen Genossen zu überfallen und: den Klub zu zerstören. Aber da traten andere finstere Elemente auf die Bühne, die Ereignisse blutigster Art herbeifüh rten. Die blinde, kurzsichtige. Politik und der Größenwahn der zionistischen BourgooLs i e, die sehr gut wußte, daß es im. Lanjde nicht ruhig ist, und daß die dunklen Elemente unter den Arabern, die Effendis, ' ihre ausgebeuteten Stammesgenossen gegen die Juden hetzen, tat trotzdem nichts, um ihre bisherige Politik zu' bossern und die Möglichkeit einer Annäherung beider Völker zu schaffen. Im Gegenteil! Mit allen üjA'cn Handlungen h a,l f e n s i e d e n a r,a bischen Reaktionär e n die Feindschaft schüren! Die Raubpolitik des englischen Imperialismus trägt durch" Verwaltung im Lande fortwährend zur Verschärfung der Gegensätze bei, in der Hoffnung, daraus größere Vorteüe für sich zu ziehen. Das alles hat in der letzten Zeitf furchtbar gespannte Beziehungen zwischen den Arabern und Juden geschaffen. Besonders scharf und bedrohlich traten diese bei der Ankunft des „Befreiers4* Churchill in Palästina zutage. Das Benehmen Churchills der arabischen Delegation gegenüber und sein Verbot einer Kundgebung, wirkten wie eine kalte Dusche auf die Araber und führte in ihrer Folge zu den letzten traurigen Ereignissen. Es war für alle klar, daß es zu einem Ausbruche kommen ' werde; die finsteren arabischen Elemente wählten dazu den ersten Mai. Man kann im jetzigen Momente, wo wir mitten in den Ereignissen nooh nickt genau feststellen, inwieweit der Pogrom in seinen Einzelheiten organisiert war, aber es besteht kein Zweifel darüber, daß eine finstere Hand von früher her an}