Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1921-04-30 · 15-16 (30.4.1921) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
3 (1921)
Issue
15-16 (30.4.1921)
Date
1921-04-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2827798-2827799-2827810--508-2828600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

SEITE 3 ehesten der Oktoberrevolution zugewandt haben, waren keine ganz konsequenten Anhänger des Kommunismus Sie standen mehr für das Sowjetsystem überhaupt, als für den Kommunismus ein. Fast die ganze jüdische Arbeiterschaft wardein Bolschewismus nicht gut gesinnt. Die jüdische Bevölkerung stand, wie fast alle anderen Raitdstaaten, dem Aufstand des russischen Proletariats feindlich gegenüber, wenn auch aus anderen Ursachen, als diese. Nicht nationale Momente, nicht der nationale Befreiungskampf -war der Grund hiefür, daß die jüdischen Massen dem Bolschewismus anfangs fremd gegenüber standen; wir müssen die Ursach« in der sozialen Struktur suchen. Die von der Kommunistischen Partei geführte Oktoberrevolution stützte sich wesentlich auf zweiEle- , mentarkräfte: auf das Bauerntum und das groß industrielle Proletariat. Das Bauerntum forderte Land und Frieden. Das in den großen Industriezentren konzentrierte Proletariat sehnte sich nach politischer Macht. Die beiden Elemente fehlten im jüdischen Volk. Der jüdische Klein- und Mit telk au fmannsstand kennt keinen Landhunger. Für ihn war Kerenskis liberale R egi er ung genug, ja übergenug. Die ihnen vorschwebenden Ideale: Gleichberechtigung und Handelsfreiheit hatten sie erreicht, mehr war ihnen nicht vonnöten. Frieden war freilich die Sehnsucht aller. Allein für den Kaufmannsstand bedeutete der Krieg kein so großes Unglück. Im Gegenteil, es wurden die glänzendsten Geschäfte gemacht, Geld haufenweise zusammengescharrt — und da eben die Geschäfte gut, die Zeiten liberal sind, kann man sich auch mit dem immerhin peinlichen Frontdienst Rat schaffen. Das jüdische Kleinbürgertum wurde durch die Märzrevolution vollständig befriedigt. Die jüdische Arbeiterschaft hinwiederum war teils durch Kriegsverschiebungen und Evakuationen vollständig ruiniert, zum Teil wurde auch sie vom Spekulation^eber ergriffen; im Großen und Ganzen war sie in Zwergbetrieben beschönigt und; hatte daher eine dementsprechend k 1 e in h and- W e r k s m ä ß i g e Psycho 1 o g i e. Dem jüdischen - Proletariat, das hauptsächlich in der Kleinproduktion vertreten war, fehlten alle notwendigen, sowohl technischen, als auch psychologischen Voraussetzungen für die proletarische Diktatur. Der jüdische Sozialismus war also mehr, als alle anderen, organisch kleinbürgerlich. Noch mehr als der Arbeiter, schreckte die jüdische sozialistische Intelligenz — die doch fast durchwegs dem Kleinbürgertum entstammt -— vor einem so gewagten, „unsinnigen" Schritt, wie es die Errichtung der Rütemacht war, zurück. Diese jüdische Intelligenz nun, die unzähligen bürgerlichen Vorurteilen und eingewurzelten, alten Gewohnheiten — eben den größten Feinden der neuen Ordnung und des neuen, strengen, revolutionären Regimes, — nachhing, war es, die in der jüdischen Gesellschaft den ausschlaggebenden Einfluß hatte. Die jüdischen Intellektuellen wußten bei weitem mehr vom abstrakten Rationalsozialismus, als vom wirklichen, brutalen und blutigen Kampf. Sie waren wohl in der Theorie des Sozialismus be- Ein jüdisches Büro bei der Kommunistischen Internationale. (eigener Bei dter letzten Kontere,n * der jüdischen Sektionen der Russ. Konrtn. Partei wurde der Beschluß getaßt, an die Kommunistische International« den Antrag auf Einrichtung eines Jüdischen Zentralbfiros bei der Exekutive der K. I. 1 ür Agitation und Propaganda und für Durchführung allgemeiner, aus dein Klassenkampf« der jüdischen Proletarier sichergebenden Auf gaben stellen. Dieser Vorschlag wurde von den jüdischen Sektionen anderer kommunistischer Landesparteien lebhalt unterstützt. Das Kleine Büro (engere Exekutive) der K. I. hat tum aui einer Sitiung Mitte April diesen Vorschlag in Be- Bericht.) ratung gezogen und prinzipiell beschlossen, efa indisches Büro bei' der K. I. zu gründen und die jüdischen Sektionen mit der Vorlage eines genauen Orgaoisationspianes zu beauftragen. Laut dem Vorschlage der jüdischen Sektion« soll dem jüdischen Büro die gesamte propagandistische Arbeit und die Lenkung der inneren Tätigkeit innerhalb der jüdischen Sektionen obliegen. Es soll ferner für alle jüdischen Fragen, die an dte K. I. herantreten, zustandig sein. wandert, sie lebten aber nicht mit dem Willen des Proletariats zur Macht. Es fehlte ihnen an starkem Selbstvertrauen zu den eigenen Kräften, sie fühlten nicht, wie das großrussische Proletariat, mit elementarer Gewalt den KlassenhaB und den Drang zur Macht. Die jüdische Intelligenz hat in ihren Reihen einen frommen, stillen, bürgerlich-nationalistischen Sozialismus großgezogen, womit sie auchi die Arbeiter infizierte. Das ist der Grund hiefür, daß die Oktoberrevolution die ältesten und stärksten jüdischen sozialistischen Parteien, wie z. B. den „Bund", wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat Die neue Sowjetordnung erbitterte noch mehr das jüdische Kleinbürgertum gegen den Kommunismus. Requisitionen und Konfiskationen, die Verstaatlichung des Handels, vernichteten vollständig die Erwerbs- und Existenzmöglichkeiten der großen Mehrheit des jüdischen Volkes. Die progressive proletarische Wirtschaftspolitik richtete ihre wuchtigen, vernichtenden Schläge gegen den jüdischen I uftmenschen, Händler und Spekulanten. Der plötzliche, katastrophenhafte Charakter der Zertrümmerung des jüdischen Kleinbürgertums, erbitterte die ganze jüdisch« Oeffentlichkeit gegen den Bolschewismus. Der jüdische „kleineMann" wurde daher, im Gegensatz zum russischen, von der Oktoberrevolution ausgestoßen. Dies geschah nicht etwa deshalb, weil man die jüdische Bevölkerung in Räterußland anders, oder schlechter behandelt hätte, als die übrigen Massen, nein, der Grund liegt vielmehr darin, daß der jüdische „kleine Mann" ein Parasit, ein Kleinhändler, während der Russe ein Bauer, ein Kleinproduzent war. Das kleinbürgerliche Land Wirtschaftssystem auf Grund des Privateigentums mußte die Rüteregierung wohl oder übel dulden, da ja hierin die Quelle der Ernährung und der notwendigen Rohstoff erzeugung lag — während sie das jüdische Kleinbürgertum auseinanderjagen und zerschmettern mußte, da es mit seinen Erwerbszweigen: Spekukleinbürgerliche, zwergbetriefohafte Charakter der jüdischen Oekonomik hinderte die jüdischen Massen, sich sofort dem russischen Proletariat im Kampfe um die Sowjetmacht anzuschließen. Schon gleich nach der Oktoberrevolution entstand eine K uft zwischen den jüdischen Massen und der Räteregierung. Die jüdische Bourgeoisie hoffte, daß die Sowjetmacht bald gestürzt und die konterrevolutionäre „ordnende" Macht, die sie ungeduldig herbeisehnte, siegen werde« Die jüdischen, sozialistischen Parteien, waren ganz Feuer und Flamme und kämpften mit allen ihren Kräften gegen das „bolschewistische Abenteuer", das sie nach pseudomarxistischem Rezept sabotierten. Die Sowjetregierung hat freilich durch die Jüdische Opposition nicht viel! verloren. Die* jüdische Konterrevolution war mehr ideologischer Natur. Sie stützte sich nicht auf Waffengewalt und bildete daher für die Rätemacht keine ailzugroße Gefahr. Auf „jüdischem Territorium" organisierten sich keine I konterrevolutionären Banden, das „jüdische Land''hatte durchwegs weder Brot noch Rohstoffe im Besitz* Die proletarische Regierung hatte weder besondere politische noch Wirtschaftliche Interessen, um' sich der jüdischen kleinbürgerlichen Opposition anzupassen. Sie ignorierte sie einfach und' damit basta. Das Recht, über die jüdische Gesellschaft zu schalten und zu walten, gab die Regierung einem kleinen Kommunistenhäufchen, das sich auf kein«» lebenden Menschen stützte und somit auch' gar keine soziale Kraft repräsentierte. Dies hat auch den unglücklichen Entwicklungsgang der jüdischen kommunistischen Bewegung bewirkt. Der jüdische Kommunismus kam später, schon post fest um: er ist rationalistisch-ausgeklügelt, es fehlt ihm die Massenathrnosphäre. Der jü-< dische Kommunismus ist nicht durch die Massen zur Macht, sondern im Gegenteil^ durch M(acht zu den Massen gekommen. Nicht auf den Wogendes! lation und Schleichhandel, die neue Wirtschaftsord-j jMassenstromes .wurde er emporgetragen, sondern bloß nung gefährdete und schädigte. Wie gesagt, der^'durch einsame, vereinzelte Intellektuelle, zumeist! Die Kunst in Sowjetrußland. „Nowij Put" schreibt: Der Moskauer Dichter J- Erenburg, der auf der Reise nach Paris begriffen ist und sich augenblicklich in Riga aufhält, berichete über das neue russische Kunstl'eben und hauptsächlich über die Moskauer Kunst in den letzten Jahren. Er wies darauf hin, daß Sowjetrußand auf dem Gebiete der Kunst in den letzten Jahren ganz bestimmte und — im Verhältnis zum Westen — höchst wertvolle Resultate aufzuweisen nahe, und daß Uoiz der schwierigen Lebensverhältnisse und der grausamsten Entbehrungen. Auf dem Gebiete des Theaters ist die interessanteste Erscheinung das Kammertheater. Die Richtung dieses Theaters wird charakterisiert durch die Tendenz, die Aufmerksamkeit auf die äußere Handlung im Gegensatz zur inneren Entwicklung zu konzentrieren. Daher der Kultus der Geste, die Einstellung auf den Schauspieler und sein schöpferisches Material. Es ist klar, daß bei einer derartigen Auffassung des Theaters dem Maler eine große Rolle zufällt. Das Kammertheater verzichtet als erstes auf Flachdekorationen. Die interessantesten Inszenierungen dieses Theaters sind bisher „Prinzessin Brambilla" nach Hofmann und das Mysterium Cllaudels „Die frohe Botschaft". In dem ersten Stücke erregen die malerischen Dekorationen Jakubows großes Interesse, in dem zweiten sind die architektonischen Erfolge außerordentlich wertvoll. Ein großes Ereignis im Moskauer Kunst leben stellte die Inszenierung von Verhaerens „Wetterleuchten" dar. Was das Künstlertheater betrifft, so ist in seiner Tätigkeit eine Wendung nach der Seite der sogenannten „linken Kunst" zu bemerken. Gegenwärtig ist das Theater mit der Inszenierung der Zwischenspiele Cervantes beschäftigt, deren Dekorationen und Kostüme die Malerin Exter besorgt. Im großen Theater wird in erster Linie das Ballet gepflegt. Von interessanten Aufführungen auf diesem Gebiete ist „P«truschka" von Hrawiusky hiervorzutm\m> Im Theaterleben sind im allgemeinen zwei Strömungen festzustellen: die erste erstrebt die Beseitigung des Theaters als solches und seine Verschmelzung mit dem Leben. Die zweite Strömung wünscht die Erhaltung des Theaters, strenge innere Organisation der Schauspielkunst. Diese letztere Richtung wird durch das Kammertheater vertreten. Vorläufig rein theeoretiseh macht sich eine dritte Richtung geltend, die Belebung des Kammertheaters durch das Spiel, das im weiteren Sinne als Kirnst der Geste aufgefaßt wird. Das Organ der ersten Gruppe, die durch Meierhold vertreten wird, ist die „Zeitung des Theaters", das der zweiten die „Kultur des Theaters", die von der Vereinigung der akademischen Theater herausgegeben wird Es muß bemerkt werden, daß das Interesse für das Theater, das in Rußland stets sehr lebendig, war, jetzt ganz außergewöhnliche Dimensionen angenom-' men hat. Auf dem Gebiete der Malerei sind zwei parallele Strömungen zu verzeichnen. Die eine ist für die Vernichtung der Malerei als eines selbständigen Zweiges des Kulturlebens und ihre Verschmelzung mit dem Leben selbst, die andere für die Erhaltung der Malerei als solcher. Was die Kunstrichtungen an sich betrifft, so ist die Entwicklung des Suprematisimis zu erwähnen, der eine Reaktion gegenüer dem Kubismus darstellt. Der Suprematismus verzichtet auf die Darstellung realer Gegenstände, auf welcher der Kubismus basiert, sowie auf das Räumliche des Dargestellten. Auf diesem Gebiete arbeiten Maliewitsöh und Lisitzky. Diesen beiden steht Rodschenko nahe, der durch besondere Darstellungsmethöden den Eindruck hervorzurufen 'weiß, als ob sich die dargestellten Gegenstände nähern und entfernen. Der Kubismus stirbt in Rußland ab. Als wichtige Tatsache auf dem Gebiete der praktischen Tätigkeit ist die Errichtung des Museums der Malerei zu verzeichnen. In der Bildhauerkunst ist die interessanteste Er- ^iheinung da€ Projekt für das Denkmal dar Internationale, entworfen von Tatlin. In der Idee stellt das Denkmal drei ungeheure Würfel dar, die in einer Spirallinie, einer auf dem andern, aufgebaut isind und aus Stahl1 und Glas bestehen. Der Dichter Erenburg stellt fest, daß dieses Denk-* mal eine Entwicklungslinie bezeichnet, die durch den Eiffelturm vorgezeichnet wurde. Aber noch keinen* Künstler gelang es, ein ähnliches Modell zu entwerfen- Das Streben nach Beseitigung der selbständigen Malerei und Bildhauerkunst, die künstlerischen Anstrengungen zu ihrer Utilitarisierung lassen sich psychologisch erklären. Im Zeitalter des großen Niederganges der materiellen Kultur, wo Moskau sich auf der Linie; Asien—Amerika vorwärts bewegt hat, erstarkt das Streben nach Amerikanisierung der Stadt. In Besprechung der Dichtung und Literatur verweist Erenburg vor allem auf den großen Mangel an Büchern und die schlechten Verhältnisse im Buchdruck. Infolgedessen werden die Werke von Dichtem handgeschrieben verbreitet und sogar verkauft. Unter den letzten Schöpfungen ist die Epopöe von A, Biely hervorzuhebein, in der die Probleme der künstlerischen Prosa glänaend gelöst sind. Das erste Proletarier-Theater in Moskau. In der Moskauer Zentralarena ist das erste Proletarier-Theater eröffnet worden. Die Künstler sind ausschließlich Arbeiter und Schüler der Versuchsbühne des „Allrussischen Verbandes der Proletkulte". Ein Kttastfefhaus in Tiflis. Nach dem Muster des Petrograder „Hauses der schönen Künste" ist in Tiflis das Institut für georgische Kunst eröffnet worden. Im Institut arbeiten sämtliche Vertreter der georgischen Kunstschriftsteller, Schauspieler, bildenden Künstler, Komponisten und Musikvirtuosen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.