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Freie Tribüne · 1921-04-30 · 15-16 (30.4.1921) · page 3

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Journal
Freie Tribüne
Volume
3 (1921)
Issue
15-16 (30.4.1921)
Date
1921-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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«T ß * FREIE TRIBÜNE *R. durch den Kommissär allein. Er hatte anfangs weder Wurzel no«h Stamm in den jüdischen Massen, denen er ni-chi Diktator, sondern Usurpator ward. Der jüdische Kommunismus war einfach vogelfrei und stand jedem, dem es (hu ach galüstete, zur Verfügung. Die wenigen „nichtgroßen" Juden, (die „großen" nämlich kehrten dem Nation aljudentum längst schon den Rücken), die sich in der Russischen Kommunistischen Partei befanden, gründeten das jüdische Kommissariat. Dieses Kommissariat hatte vom jüdischen Leben gerade so viel Ahnung, als das Judentum vom Kommissariat. Es war eine wüste Ruine, um die sich einige junge Leute scharten. Ja nicht einmal die Schmarotzerpflanze des Bürokratismus konnte sich hier entfalten. Dann und Avami wurde ein Blättchen ausgegeben, hie und da ein recht mageres Broschürlein in die Welt gesetzt. Wär?n nichl das bißchen Verfolgungen der bürgerlichen zionistischen Institutionen, hätte mau von der Existenz dieses Kommissariats wohl schwer je etwas erfahren. Sie gingen geradezu ein vor Arbeitslosigkeit. Sie hatten weder ein Programm noch sonst irgendwelchen Tätigkeitsplan. Es war die ärmste, machtloseste Behörde, die in der jüdischen Gesellschaft wirkte. Sabotage seitens der jüdischen sozialistischen Parteien, illegale jüdische Gemeindeverwaltung und bürgerliche Institutionen einerseits, anderseits eine ,.Kommunistische Patrouille", deren vornehmliche Aufgabe darin bestand, die bürgerlich-zionistische Mikweh zu kontrollieren — das sind die charakteristischen Merkmale, die das jüdische Leben in Sowjetrußiand während der ersten P e r io cl e gekennzeichnet haben. Von einer zweiten wird der nächste ArtikeK handeln. A. Wald. Die Generalversammlung unserer Konsumgenossenschaft. Die für Mittwoch den 27. -April d. .1. e*uib''M'ufcn" ordentliche Generalversammlung unserer Konsum-, Genossenschaft ist gesprengt worden. Raufbolde, sozialdemokratischer Couleurstellten sich sehüt/.ein; vor die sogenannte „Parteidie aus Advokaten, Studenten und sonstigen. llochschiUem für Weltscliloiolihanrlel besteht. Es gelüstete die Herren nach der wirtschaftlichen Institution, die mit den Münden kommunistischer Arbeite)' aufgebaut und .in die Höhe, gebracht w'urdfe. Es wai' für . juennind zweifelhaft, welchen Ausgang die Generalversammlung nehmen wird., wenn man Gelegenheit fand, die Propagandamethoden deij rechten. Genossen" des näheren zu betrachten. Kein Mittel war ihnen schlecht genug, um nur ja. das ersehnte Ziel zu erreichen. .Sie peitschten die linsieio Leidtenscimfteu des Aberglaubens auf. um für sieh Stimmung, zu machen. „In der Arboiierküßhe wurde nm Jom-Kipp.ur Mssen verabreicht," ...die Knmn.mui.stcn weigerten sieh, um PessaeJi rituelle Kost m verabreichen" und dergleichen mehr, das waren so die Blüten der Propagandaarbeit der .Nach- und Mitläufer 'der Äb>okatenparfei. Da, sie. aber trotzdem a.n den Erfolgnicht glauben konnten, pflanzten sie. den Kommunisten schreck auf und bettelten die sozialdemokratische Frügelgai'de herbei. So war auch ihr Erfolg verbürgt. Die Versammlung wurde gesprengt und die „Genossen "-Polizisten hatten Gelegenheit, aus den Denunziafionsrorsuchen der Parteifreunde der sozialdemokratischen Poale-Zion sieh Vormerkungen für künftige Verfolgungen der Kommunisten zu machen. Die blauweißen* Terroristen mit Ihrer roten Sebutzgarde wußte,, das richtige \YnVi für den richtigen Moment nusfiudig m machen; sie winkten verständnisinnig den Genossen1' Wachleuten zu: „Auf Befehl aus Moskau." Wir wollen sehen, wie weit dieser Plan, der über die lOrobesung der Konsumgenossenschaft heraus reicht, den „Herren Advokaten gelingen wird. FUr uns. ist es klar, daß es auch die Herren Doktoren und blaiuveißen Ex portalen dßniiker der sozialdemokratischen Poale-Zion nach billigen Teriiorlorbceren und fröhlicher Kommunislenhatz gelüsiet. Sie sind hierin die vorzüglichsten und hoffnungsvollsten Schüler ihres unübertreftlicheti Noske-Meisfers. Daß den Herren jü- (lisch-soziai;di'enu.»kralis.;lien .. Antige wuttpol it ikor n " in ihre)1 Ohnmacht jedes Mittel gut und nichts zu l"uer sein wird, um den verhaßten Kommunisten eins aus zuwKsehon, war vorauszusehen. Daft jedoch ihi'o gewiß berechtigte Furcht, unsere Konsumgenossensehat'l nieht in ihre Hände zu bekommen, auch nicht, vor Terronimßuahinen yurückselireekt, kam doch, etwas unerwartet. Der Vorfall hat aber das Verhältnis zwischen links und rechts in der jüdischen Arbeitergasse wiederum einmal geklärt. Kr hat uns gezeigt, was von den PhraBen der rechten Herren über den jüdischen \\irl-«-haltliehen Aufbau zu halten ist, er hat gezeigt, wie sieh diese die Unterstützung jeglicher bestehenden jüdischen Geuossens(diat'tsins(;ituti()ii vorstellten, welche Unterstützung sie auf der fünften Weltkonferenz als eines der wichtigsten Momente der Hills- und Aulbuuarboii; für das jüdisehe- Volle anpriesen. Dio Verfolgung 'des reehteir Planes bis zu den äußersten Konsequenzen fördert Momente zutage, wie sie der abseits stehende Beobachter nicht einmal ahnen kann. Der Plan der rechten Volksaufbauer und Kommnuistenjüger ging letzten Endes dahin, unsere mit so viel Mühe autgerichtete Konsumgenossenschaft den Sozialdemokraten auszuliefern, da die Rechten bereits selbst die Besitzerlangung unseres Konsumvereines fijs aussichtslos betraelileten. Unter diesem Gesichtspunkt stellt der Versuch der Rechton. die Konsunigenossenschaft mit Hilfe einer „b e s te llte u" Prittorianergarde sozialdemokratischer Raufbolde und bewährte)! Koimnunistensehlftger um jeden. Preis, ihren ■Schöpfern aus dem Grund mit aller Gewalt zu entreißen, weil sie ehrlicho Sozialisten und keine Phrasendrescher sind, eine Handlung dar, die nicht niedrig genug gehängt werden kann, und für die das Wort „Verbrechen" nun ein gelinder Ausdruck Ist. Die demagogischen Drohungen mit dem kommunistischen Schreckgespenst, mit dem die schlauen Advoka* ten Stimmenfang betrieben, vergesse keiner der Genossen. Wir. glauben den Honen Advokaten ihr Gekeife gegen alles, was auch nur nach Kommunismus riecht, gerne, gewiß viel eher, als wir ihnen sozialistischen Propa.gandaro'deüb'ungeu noch zur Zeit der einheitlichen Poale-Zion Glauben schenkten. Dieser Anschlag der rechten Poale-Zion gegen den bewuJ.itcn Teil des Wiener jüdisdienProletariats ist vorläufig mißlungen. An den Genossen liegt es nun, weitere Anschläge der Wiener jüdischen (Naphthupai-tei gegen die ehrliche Wiener jüdische arbeitende Menschheit abzuwehren- Die Pflichtergebenheit unserer aufopferungsvollen Genossen verbürgt das Gelingen unseres Vorhabens. Dr. Meier Rostier. Momentaufnahmen ohne Retouche. Polnische Hochverräter. tMjt geschwollenem Gesicht, mit blauen, grünen, gelben Flecken regenbogenartig verziert, mager, klein, schmächtig, anämisch, hochgradig unterernährt, mit typischen Degenerationsmerkmai'en eines Unterentwickelten Jünglings in den Flegeljahren — so sah ich den 17jährigen „Hochverräter", ,.Bolschewiken" und „Gewaltmenschen", als man ihn mit dem verrosteten Eisensthmuck auf den allzueng eingeschnürten Händen ins Gefängnis brachte, flier konnte er zumindest vier Monate lang ausruhen, sich erholen, die Wunden heilen, die ihm die Boryshiwer, Drohobucter, Lemberger und Przemijsler Polizeiorgane einbeulten. In der Gefängniszelle des Samborer Kreisgerichtes war das „gefährliche Individuum" bereits geborgen und gut aufgehoben. Die viermonatliche Haft war ja eigentlich eine köstliche Heilstätte, als letzte Etappe einer schlägereichen Wanderung über die Polizeiarreste und Militärgefängnisse Ostgaliziens. Kolbenhiebe, Rippenstöße, Ohrfeigen, neben raffinierteren Quälereien, die einer blühenden mittelalterlich inquisitorischen Phantasie entsprossen, waren vier Wochen lang von früh bis abend die einzige Zubuße zum kärglichen, verschimmelten, stinkenden Saubohnenbrot. Kein Wunder also, daß der 17jährige „Hochverräter" sich nunmehr in Gesellschaft von Läusen, Wanzen und Taschendieben wohlfühlen mußte. So hatte also der unterentwickelte, aber desto gefährlichere „Bolschewik", genügend Gelegenheit gehabt, die Bitternisse staatlich-väterlicher Prügeljustiz untl die liebkosende Labung fürsorglicher Gefängnisobhut vollauf auszukosten. Beides war überstrahlt vom christlich-demokratischen Lichte d«s polnischen justizrninisters N o vv o d vv o r s k i, der als Untersuchungsrichter aus Prinzip und gläubig-vorsätzlicher Ueberzeugung Prügelinquisitionen eingeführt hat. Und gab es denn ein günstigeres Objekt zur Verwirklichung erprobter Methoden für „schlagende Beweisführung", als den hochgradig anämischen „Hochverräter"? Groß war aber auch sein Verbrechen. Als Heizerlehrling in einer Boryslawer Naphthagrube zierte er seinen Kessel mit einem draufgeklebten kommunistischen Aufruf. Was verschlägt's, daß den Zettel dort weder jemand sehen ikcIi l?scn konnte? Wen kann denn das interessieren, daß diese eigenartige Propagandamethode den „dummen Jungen" allzu kraß verrät? Für die schlagenden Polizeiorgane, die knochenmürbemachenden Agenten der militärischen Sicherheitsbehörden war die Sache klar, daß bei dieser Zierung der Kesselwand mit einem kDmmunistischen Flugblatt eine reichverzweigte Verschwörung gegen die Sicherheit und das Heil des Staates am Werke war, darum wurde er ausgiebig geschlagen. Jeder Hieb diente dein Wohle des Vaterlandes, da ja dem atemraubenden Schmerze sicher eine freimütige Aufzählung der Teilnehmer an der Verschwörung folgen mußte. Da aber der, verstockte Verbrecher nur weinte, heulte und „Mutter" rief, statt seine Komplizen zu nennen, so häuften sich die Hiebe und die Tage, Wo-, chen und Monate der Haft. . Stirbt der unterentwickelte Hochverräter nicht frühzeitig an Schwindsucht, oder allgemeiner Körperschwäche, so ist es doch anzunehmen, daß es zwar eine Roßkur war, die dem 17jährigen Hochverräter der polnische -Staat gnadenvoll gewährte, aber doch eine äußerst heilsame Erziehungsmethode, mit empfindlichem Anschauungsunterricht verbunden, über das Wesen und die Entwicklungsmöglichkeiten wahrer hochverräterischer Gesinnung. Hernag. Vor vier Wochen hat unsere Bewegung einen ihrer tapfersten Vorkämpfer auf fernem, beinahe aufgegebenem Ponten verloren« Wir erinnern uns unseres Äieier Rosaer, wie er sich im Jahre 1015. mitten im Wüten des Weltkrieges, in meiner bescheidenen Art die Pflicht aufladen ließ» ' die Leitung der Partei-Keimzelle zu "übernehmen, die nach der/r duir.qh den Krieg hervorgerufenen Katastrophe unserer Pa*«. tei entstanden war- Es hielt schwer, seine Bescheidenheit zu überwinden, die ihm die Aufgabe als : über seine Kriifto gehend, erscheinen lief... Er war zwar .schon seit dem Jahre HWtö politisch tätig. Noch als Gymnasiast hatte er unter den Mittelschülern und der Arbeiterjugend Propaganda geführt- und sich als Leiter der Jugendorganisation die allgemeine Liebe erworben« Später, als Obmann der politischen Organisation in ('zemowitz, gelang es ihm. die gegen viele Gegner schwer kämpfende Parteigruppe durch alle Ffthrliehkeiten hinduvehzulotson- Aller für die große, seiner nun harrende Aufgabe, am Aufbau de)- politischen Partei in führender Stellung teil-' /.uirehmen. fühlte er sich zunächst xu schwach. Doch bald erwies os sir-li. da« wir recht gehabt hatten, ihm 'dieses Ami anüfivertrauen. Mit der «Schwierigkeit der Aufgaben wuch'. sen seine Kräfte. Er war allen gewachsen. Gleich liebevoll beL.-indelte er die unbedeutendsten organisatorischen Fragen wie die schwierigsten Probleme. Man bedenke, daß es nur eine Parteigruppe gab', die in Wien. tJnd auch sie litt infolge der Musterungen, die immer wieder unsere Reihen' lichteten, an schweren Mängeln. Dazu kam die poUlischo' Apathie, die viele - auch früher führende - Genossen während des Krieges ergriffen hatte. Freudig unterzog sich da Rosner der schwersten und iniiliseiigsten Kleinarbeit. Die Entstehung neuer Organisationen in Galizion und die Neugiünclung der Partei auf dem Krakauer Parteitag, «Ii« Herausgabe des „Jüdischen Arbeiters" bürdeten ihm neue Lasten auf. AniterordenUich war auch die politische Entwicklung, die i-r iu dieser Zeit durchmachte. Die Frage des W^ltkrie* yes. seiner l'rsaeiie,!' und unserer Aufgaben:, die „Befreiung" Polens durch die Mittelmächte, die Stellung zur In-' reniHijonale; Fliiehtlingsfrage; die beginnende revolutionäre Arbeiterbewegung in Oesterreich: in allen diesen Problemen näherte <•,•, der Sohn einer gutbürgerlichen Familie des prov-iiizial-lvieiuiiüi-gei-liehen O.ernowit/.. sich immer mehr dem linken: Flügel unserer Bewegung. . . Der Zusammenbruch der Habsburgennouarchie traf ihn in, C'/eruowitz. Ueberarbeitet und erholungsbedürftig unterzog <>r sich sei ort clor schweren Aufgabe, in der Du* leowina die Parrei ueuaufeubniten. Und os gelang ihm, ihr zu einer führenden Stellung zu verhelfen. Die Gefahr lag nahe, daß sich .Rosner iu der. „Kealpoliiikdieses Landes verliere, das die Geschäfts- und BciuepoJitik zum Prinzip erhoben hat. Aber er blieb . sich ireu. wie wir ihn kannten. Mit all seiner Kraft hingegeben den kleinen N'otwendigkeiteu der Tagespolitik,, sah pr über sie hinweg mit weitem Blicke das Ziel und hielt seine Polidie rein von der Kompromittiere!, die dort des Brauchs ist, und streng aut die von. ihm erkannten Prinzipien gelichtet. Auch den schärfsten Gegnern hat er ehrliche Achtung abgerungen. Es ist cla^bei beinahe ein Wunder, wie er in, dieser provinzlerische». Gerne-Großstadt Czernowitz, die kein nennenswertes industrielles Proletariat aufweist, und cloren jüdischen Proletarier — meist Handelsanjgestellte der he^ kannten An — unter der demoralisierenden Wirkung der früher erwähnten. sozialdemokratischen Geschäftspblitiker standen, sich doch zum. Verständnis der WeÜsituatibn durchrang und als einer der ersten in der Bukowina sich auf unsere »Seite stellte. . '"' Bis zuletzt wirkte er für den revolutionären Klassen* k'ampfgedankon in unseren Reihen in der Bukowina. Se^n Tod hat eine große Hoffnung auf die Entwicklung'des Kon> imrnismus im jüdischen Proletariat ausgelöscht, „Man, muß ein, guter Mensch sein, um ein guter. Mit* Idimpfer zusein!" Dieses Wort bewährtf?. sich an ihm. Soine herzliche Kameradschaftlichkeit, seine stete Hilfsbereitschaft haben ihm die Liebe aller Genossen zugeführt. TrauererfülU , stehen wir am Grabe dieses lapfeie'n Kameraden, und herrlichen Menschen. In unsere so schWa.» chen Reihen hat diesmal nicht, der Feind, hat ein feindlich tückisches Schicksal eine schwere Lücke gerissen. Wer wird cleni dahingegangenen Kämpfer ersetzen?; Produktionspropoganda in Sowjetrußland, •I. Furtisdiew schreibt in der „ i stwestia" : Ein ' sehr. großer Teil der Arbeit für die Hebung der Produktion^' lechnilv fällt den Gewerkschaften zu und die vorhefrsclieuLde Holle wird dabei der Produktionspropaganda eingeräumt. Die Proctuktionspropagan'da ist für die Arbeiter, und Bauern eine neue, sehr neue Sache. Von der Notwendigkeit dieser Einrichtung waren schon iu den ersten Tagen defj Febergauges zum Friedensaufbau die Sowjets und Qewerksehaitsfunktio.näre überzeugt. Einer der größten Erfolge auf dem üebierc der Produktionspropagaada war. die Diskussion über-die Gewerkschaften, die uns im Laufe Vqu'-eini*. gen Wochen eine Riesenmenge von Agitatoren und Qiganfc aatoreju gobracht hat.

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