Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 15-16 (30.4.1921)
- Date
- 1921-04-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 16-16 Tag der Mobilisierung und Bereitstellung zum Kampfe\ ein Tag revolutionärer Aktionen. Am heutigen ersten Mai müssen die Losungen der Weitrevolution scharf und eindringlich formuliert werden: Die ganze Macht den Arbeiterräten! Endgültiger, rücksichtsloser Kampf gegeg alle Versuche zu Koalitionen mit ser Bourgeoisie! Erbarmungsloser Vernich tu ngskampf g* gen alle Formen bürgerlicher Macht! Tatkräftigste Unterstützung SowjetrußFands! Dies und nichts anderes ist die Aufgabe des internationalen revolutionären Proletariats am heutigen Tage — das ist die einzige Kampfeslbsung am heutigen ersten Mai. Es lebe SowjetruBlamid! Es leba d e sDzialistiscfta Weltrevolüd'cnf Es Ibba cKe KomtnliniistLtfhe Internationale! Das Verbandsbüro des AH'w. Jüd.-Soz, Arbeiter-Verbandes „Poale Zion". Krise des Kommunismus? i. Die Krise innerhalb der Kommunistischen Partei Deutschlands hat ihr Echo in Oesterreich geweckt und wird sich sicher bei allen anderen Parteien Mittel- und Westeuropas auf einer bestimmten Stufe ihres Wachstums und in den ihnen bevorstehenden revolutionären Situationen wiederholen. Bedauerlicherweise wird sie auch von vielen Kommunisten rein äußerlich unter dem Gesichtspunkt der durch eineh Parteiführer gebrochenen Disziplin betrachtet. Natürlich hat sich die gesamte sozialdemokratische Journaille des¬ Falles Levi bemächtigt und trägt dank ihrer Unfähigkeit, die revolutionäre Entwicklung und ihre notwendige Bewegung in Widersprüchen zu erfassen, und dank ihrer kleinbürgerlichen Sucht, in persönlichem Klatsch und „sensationellen" Ereignissen, zu denen Führer-Seitensprünge in erster Linie zählen, die Erklärung historischer Tatsachen zu finden, zur Verwirrung der Geister bei. Umso schärfer müssen wir, das Wesentliche vom bloß Episodischen trennen, das Sachliche vom Persönlichen losschälen, und zu erkennen versuchen, ob und wie die umstrittenen Probleme auch für uns zur Geltung kommen. Der Konflikt zwischen den „rechten" Elementen und dem linken Flügel in der V. K. P. D., der sich seit der Vereinigung angesponnen hatte, in, Wirklichkeit^b<ü.\ siähg&^flk. alten Spartakusbund! latent warkam bei einem Anlaß zum Ausbruch, der scheinbar rein organisatorischer Natur war und mit der deutschen Partei nichts zu ttfn hatte. ( Den Anstoß gab die Spaltung der italienischen Partei. Aus den Begebenheiten in Italien nach dem II. Kongresse der Internationale war allen KommuV nisten* Idar geworden, daß die italienische Partei geeinigt werden mußte. Die. große Bewegung zur Besetzung der Landgüter und Fabriken hatte bewiesen, wie sehr die äußeren Umstände und die geistige Verfassung des italienischen Proletariats reif sind für den Entscheidungskampf. In siegreichem Auftakt hatten die Arbeiter die Staatsgewalt in Verwirrung gebracht, die Regierung matt gesetzt, und der Bourgeoisie furchtbares Entsetzen eingejagt. Schon begann sich diese mit dem Gedanken der Enteignung abzufinden und hatte nur den Wunsch, daß diese unvermeidliche Operation möglichst schonend durch die leichle Hand des noch bürgerlichen Staates und nicht durch die rücksichtslose Faust des proletarischen Aufstandes durcLgeiührt werde. Das Proletariat der ganzen Welt erwartete, daß die italienischen Arbeiter zum Kampfe um d i e p o 1 i r, i - sehe Macht antreten werden, der ihnen allein den Erfolg ihrer wirtschaftlichen, „friedlichen" Aktion verbürgte. Abfer in diesem entscheidenden Momente sprangen die G ewerkschafts- und die rechten, Parteiführer T,u r a t i und Genossen, vor die zitternde Bourgeoisie mit warnend-drohendem Janusgesicht gegen das Proletari.it und entgegenkommendem Unterhändlerge.sicht zum Bürgertum gewendet, und erreichten, daß sich die Arbeiterschaft, mit einigen leeren Versprechungen abgespeist, zurückzog. Den Erfolg sahen bald alle: die Bourgeoisie faßte Mut vynd organisierte ihre bewaffneten Fascistenbandcn, mit denen sie die eben noch so kampfgerüstete Arbeiterschaft in die Defensive drängte und in unermüdlichem Kleinkriege durch Gewalttaten auf ihre wirtschaftlichen und politischen Institutionen entmutigt, demoralisiert, kampfunfähig macht. Angesichts dieser Tatbachen mufßte auf dem Parteitag von Livorno die Frage aufgeworfen werden, qb die Führer, die durch ihren Verrat — (wir meinen nicht, daß sie ihn aus sohlechteren Motiven, als aus Mangel aus Verständnis für die Situation, aus angewohntem Sozialdiploraatentum oder aus Angst vor dem möglichen Folgen des Kampfes für die existierende Organisation und Scheu vor persönlicher Verantwortung begehen: 'objektiv und historisch betrachtet, war es Verrat) — die Niederlage verschuldeten und ihre Handlung nicht nur verteidigten, sondern auch fortsetzen) wollen, weiter in der Partei und auf leitenden Posten bleiben dürfen. Dem revolutionären Willen des italienischen Proletariats entsprach leider nicht seine revolutionäre Erkenntnis und so folgte die Mehrheit dem durch alte Bande mit den Kechten, verknüpften Serrati in den warmen, jeüliche Kampflust einschläfernden Pfuhl des Tun ti. Damit war für Kommunisten die Situation geklärt. So bedauerlich es w»r, daß nur eine Minderheit klar die Notwendigkeiten sah, sie und die Exekutive der Internationale aber konnten nicht anders, als durch Aufnahme des entschiedensten Kampfes gegen Serrati dem Proletariat zur Klarheit zu verhelfen. Anders stellte sich Levi hiezu. Er weicht beharrlich der Frage aus, ob man sich mit Serrati den Reformisten ausliefern sollte; dafür überschüttet er die Exekutive mit Vorwürfen, daß sie vor dem Parteitag falsch gehandelt hat. Da zeigt sich nun der eine Hauptfehler Levis, der allen „mißverstandenen", in der Minderheit gebliebenen „Führern" eigen ist, die Kritikasterei, mit der sie großen historischen Erscheinungen, wie der Entwicklung der Massen zi< klarem kommunistischem Bewußtsein, gegenübersiölieü und in ihrem Ä i 1 e s b e s s e r w i s e r t u m art Kleinigkeiten herumnörgeln. Es ist dies allerdings mt die Folge der Ueberklugheit von Führern, die lange ihro Partei beherrscht haben, die sie verführt, die Parteigenossen gängeln zu wollen, statt sich ihrem Willen zu unterwerfen und für die von ihnen gesetzten Ziele die besten' Wege ausfindig zu machen. Immerhin hat doch auch ein ernsterer Beweggrund Levi und seine Mitgänger zu seiner Haltung gegenüber der italienischen Spaltung bestimmt, seine Furcht nämlich, der in Italien begonnene Klärungspro/.eß werde auch in der kaum entstandenen deutschen kommunis t,i,- schen Partei eine Spaltung herbeiführen. Er befand sich da in grobem Irrtum und handelte falsch, wie die ferneren Ereignisse gelehrt haben und wir noch erörtern werden. Wir wollen aber jetzl schon den Grund für sein intellektuelles Versagen und sein Vergehen gegen die Revolution angeben? es ist dies der Opportunismus, drr seit jeher seinem Handeln und der von ihm geleiteten Poiilfc des Spartakusbundes den Stempel aufgedrückt hat. Jüdische Nationalautonomie in Sowjetrußland. Wir fegen diesen itatsatz unseren Lesein voi\ wiegen seiner Fülfe «geistreich erfaßter hi iloriscne- Zusammenhänge, trohden d:e Gesamtbeurteilujng uns als pessimstiseih erscheint. Die Redaktion. I. Die jüdische Nationaliautonomie ist nicht nur nicht anerkannt worden, sie wurde von der russischen kommunistischen Partei geradezu 'bekämpft. Nie noch hatte die selbständige1 jüdische Arbeiterbewegung einen so schweren und tragischen Kampf um. ihre nationale Selbstbestimmung auszufeehten, als jetzt in Sowjetrußland. Nicht nur die kommunistischen Poale-Zion mit ihrem Palästinismus,sondern auch der „Bund" mit seinen bescheidenen nationalen Forderungen sogar, stieß auf den hart-, nackigsten Widerstand der herrschenden bolschewistischen Partei. Die Forderung nach' jüdisch-nationaler. Selbstverwaltung 'w urde schlechthin als kleinbürgerliche, zionistische Illusion erklärt und behandelt. Allen ist das Recht auf nationale Selbst)Bestimmung zuerkannt Worden: den Baschkiren, Tataren, Jakuten, Kalmücken u. a. dg', „historischen." Völkerschaften, für die judischen arbeitenden Massen bloß wurde es als „schädlich" erklärt. Natio-. n a 1 e Autonomie ist für alle Randstaaten und Völker eine revolutionäre Forderung, „die dem innersten Wesen der Sowjetordnung angepaßt ist", für das jüdische Volk sei es jedoch! ein zionistisches Vorurteil1. iWarum ist dem so? Wer trägt die Schuld daran? Objektiv ist niemand daran schuld, nur die Ausnahmsbge des jüdischen Volkes, nur der Um-, stand, daß es verstreut lebt und an kein bestimmtes Territorium gebunden, und daß seine Klassen^ struktur durchwegs eigenartig ist. All dies trat nie deutlicher und krasser zum Vorschein, als in der Zeit der sozialen Revolution. Diese eigenartigen Beziehungen des jüdischen Proletariats zur sozialen Revolution sind es eben, die das Schicksal der jüdischen Nationalautonomie bestimmt haben. In den Beziehungen zwischen der jüdischen Bevölkerung zu der Rätemacht lassen sich drei Perioden deutlich voneinander scheiden. Die erste würde Sich ala Sabotageperiode seitens der jüdischen Maasen bezeichnen lassen, durchsetzt von Kanzlei- oder Individuaikommiirasmus. Die jüdischen sozialistischen Parteien, die bis zum Oktober 1917 die Avantgarde der russischen revolutionären Bewegung bildeten, wurden nach der Oktoberrevolution die rückständigsten unter al'lcn sozialistischen Parteien. Keine einzige j üd\sc he sozialistische Organisation k ä m p f t e anfangs mit dem gr oßen russischen Proletariat für die Errichtung der Rätemacht. Der „'Bund" lag tief in dem sozialpatriotischen Sumpf der „Vert eidigungspsyc'hose", die „Vereinigten" 'waren bis über den Halb im „Autonome s m u is" und Sozialrevolutionären „K e r e n s k i sm u s" versunken. Auch die „Poale-Zion", die sich am. Zur Sonne. S. Tajfuni. Das ersehnte Land, das erträumte Land — liebkoste und weckte den Traum... Das wunderreiche Land, das gefobte Land — rief und leckte... Ich liebte die samtnen, bis an den Himmel' hinan reichenden Berge, den an ihren Füßen schäumendcir Fluß, seine Wellen, seine Gedanken und Träume. Die feuchten Wände und die eisernen Geflängjnisgitter am Fenster ermüdeten und quäUten Und nahmen das Leben, Iwürgten... Verdeckten die Sonne, die heiße Sonne des Lebens., Einsam war ich und verwaist. Auf die bewegte, von Leben übersprudelnde Stadt blickte ich von oben durch das Fenster meiner Gefängniszelle herab, auf ihre Straßen, in denen es so viele Kämpfer der Freiheit gab, wo die Spuren purpurnen Blutes am Pflaster noch davon zeugen. Hier, in dieser Straße da zeichnete sieb1 blutig das erste Aufbegehren der Jugend, das erste Begehren der Freiheit. Und ich war mit ihnen, mit meinen treuen Genossen inmitten der hingebungsvollen Kämpfer. Und als das Aleer sich aufbäumte und der Sturmf-i .'wind der Freiheit seine Adlerschwingen ausbreitete, umnebelten die Henker der Wiedergeburt hellen Tag, verwundeten die Herzen ... Und nahmen das Leben ... Sie verpflanzten unsere heiligen Flüge und Aufbegehren in den fernen Norden. Und auf die Flammengarben der Volksgefühle schleuderten sie Eis, löschten sie und Äsche blieb 2iuücke. Jch gedenke... Jch gedenke gut, al's 'wir uns an einem silbrigen, stillen Abend in einer finsteren Grotte sammelten, — Kämpfer, von einem Gedanken beseelt. Ein Gedanke einigte uns, dieselben Ziele und Hoffnungen ... Da plötzlich überfielen uns die mit Gold gekauften Sklaven der Despotie und das Feuergefecht begann ... Ein Kampf begann, ein Kampf auf Leben und Tod. Es waren deren viele und, besiegt, ergaben wir uns, aber jene bezahlten teuer unsere Kitten. Und dann wurden die Gefängniswände meine unzer t renn lieh en Gen o sscn. Nichts veränderte sich' um mich herum... Langsam erlosch ich, schmolz dahin. Und im Frühjahr, als die Erde ein grüngewirkter Teppich zierte, hörte ich das Zwitschern der Schwalbe und eilte in Gedanken in m?in Arbeiterviertel, wo man arbeitete und iauf mich wartete. Ich blickte auf den Großstadtverkehr, auf die Fabriken, auf die hohen Häuser, Tramways und sagte, daß du das alles geschaffen hast, Kämpfer, mit deinen starken Händen; Deine Arbeit und deine Jugend ging dabei drauf und jetzt stirbst du dort irgendwo in einem finsteren Loche auf einem feuchtkalten Leger dahin. Aber ich wußte, daß dort in der Grotte sich wieder meine Brüder — Genossen sammeln und weiße, lichte Hoffnungen lachten mich an... Und ich erinnerte mich der Mutter, ihres schmerzvollen, müden Gesichtes, ihrer Augen, in dsnan niemals die Tränen trockneten, des fetzten Abschiedes, der Freundesworte und des Gelöbnisses bis zum Aeußersten zu kämpfen. Und ich ward des Lebens im Gefängnisse, der langen Nächte des Winters und der einsamen herbstlichen Dämmerung inne... Und diese Tage flössen unbemerkt dahin. Das Grausein stahl sich' in meine frühe Jugend. Auch die Schwindsucht kam und die Zeit des Todes war nahe. Der schwarze Schatten mit der Sense stand an des Lagers Kopfende. Und ich dürstete so nach1 Leben. Dürstete so nach Sonne, Sonne... Als mit dem Aufblinken des Morgensternes der frühe» sanft schäkernde Wind die Blumen küßte, kündete ein zarter Nebeli, der Götter Bote, den hohen Bergen goldene Märchen des Lebens. Weit hinter den Bergen stieg die strahlende Sonndes neuen Lebens auf und erhellte die Erde. Der goldene Götze und die schimmligen alten Wände des Bosen brachen zusammen ... Es 'wimmelte in den Straßen, die Fabriken und die Reihen der Arbeitenden gingen in den Kampf. Die leisen Strahlen der Freiheit drangen bis zu den Fenstern meines Gefängnissets. Die Welle des Volkes rollte bis ans Gefängnis heran, fegte die Wachen hinweg, stürmte herein und breit riß sie für uns alle die Türen fauf. Ich schloß mich dieser Welle an und wir zogen mit der roten Fahne zum Pallaste, wo sich unser Unterdrücker befand und zertrümmerten seine Macht. Ich liebe diesen Augenblick... Das Leben siedet ringsumher. Und!es gibt keine Ketten mehr, keine Sklaverei, keine Gefängnisse. Wir ziehen ins gelobte Land, ins strahlende... Unsere sind viele... Die Welle entsetzt nicht, es schreckt nicht der Fels. Wir werden die Freiheit, die mit unserem Balte erzwungene, nicht mehr aus den Händen lassen'... Die Sonne leuchtet. Die Sonne flammt. Und wir zogen zur Sonne. Zur goldenen Sonne... (Aus dem Polnischen übers!« zr.)