Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 13-14 (23.4.1921)
- Date
- 1921-04-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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MR. 13 -14 FREIE TRIBÜNE SEITE 3 Der enge Zusammenhang zwischen Eersorguugs- und Verteilungsfunktionen des Staates machte die V©rkchmeQzung der landwirtschaftlicheni Genossenschaft i?ml der Konsumgenossenschaft notwendig, da letztere üiii besten geeignet ist, die Verteilung zu organisieren- Die Einschätzung des genossenschaftlichen Appaniies vor allem vom Standpunkte der Versorgung und f.er Verteilung führte zur Zusammenfassung der ganzen land'wirtschasftlichen Genossenschaft in dem Eri'ütirungjäorgan der Republik, im Zentrosojus. Mit der Entwicklung und Befestigung des staatlichen Vorsorgungsapparates ging 'die Bedeutung der iandwi .srb.-iitlichen Genossenschaft als Ahsatzcypus ootwen'jjgerweise zurück und diese Funktion des ^enobson^lte'tlichen Apparates selbst starb allmählich ob. GloU-hzeing, im Zusammenhang mit der Konzentriei-unsr der ganzen Verteilung von landwirtschaftlichen Ve'soigangsprodukten in den LandkomitooH, sohruiar'e auch die Tätigkeit ^der landwirtschaitlishen GonossensJiaU aul cem Gebiete der Versorgung Jor Landwirtschaft iviit Ir-ventari zusammen. In dem Wituing-kreise der landwirtschaftlich sn Goncsson^üaft v»-b!wbt die Organisierung der mni* wirts'jiüifliiehen Produktion sowohl durch Vo.-Atuo i ijng iiirer Korm©*: (AolIektMerung) als auch d.i-oh umaitlelbaro Verbesserung der Technik der Landwirt •. schaff. Der Einfluß filier die Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion hemmenden Umstiindo konnte auch wich: ohne Folgen für den Erfolg der kuiiurgorjo^sensehof:! tclten Arbeit bleiben. Außerdem wurde die organisatorische Tätigkeit der landwirtschaftlichen Genossenschaft, 'deren hervorragendste Funktion in der \ersorgung der speziellen Warenpro duktions- /. .veige der Bauernwirtschaft bestand, besonders durch die Vernichtung des inneren. "Warentauschos und durch, das Pehlen einer Verbindung mit dem Markte des Westens erschwert. Es ist klar, daß die Agrikulturarbeit der landwirtschaftlichen Genossenschaft keine noimensvverte Entwicklung aufweisen konnte. Die 'Arbeit der landwirtschaftlichen Genossenschaft auü dem Gebiete der unmittelbaren Organisie - rang der landwirtschaftlichen Produktion — in den Sowjet wirtschaften — lief einfach auf die administrative Tätigkeit der genossenschaftlichen Zentralsteilen hinaus, oline daß bei dieser Arbeit irgend welche Prinzipien des genossenschaftl chen Massenaufbaues zur Anwendung kamen. Die Praxis der „genossenschaftlichen" Administrativtätigkeit brachte keinen Typus der „Kollektivwirtschaft" heuvor. sie verband die Sowjetmacht und die umwohnende Bevölkerung, nicht /.n einem einzigen genossenschaftlich-produktiven System und fülirte vorläufig nur noch zu einer Parallele in der Verwaltung der Sowjetwirtschaften. Ein Teil der genossenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiete der Vergesellschaftung einzelner Wirtschaltspi-nzesse geriet in den breiten- Strom der Vergesells'ohaftunfif der Landwirtschaft, ging im allgemeinen in diesem Strome unter, seine einzelnen Strömungen in mehr oder weniger genossenschaftlichen Abstufungen färbend. Im System der Kollektivierung der Landwirtschaft sehen wir eine einen Massencharakter annehmende Entwicklung der Gesellschaften mit gemeinschaftlicher Maschinenbenützung. W ■ Zur planmäßigen „Regulierung der landwirtschaftlichen- Genossenschaft" wenigstens im Wege der L< Wensin ittelauf bringung sind wir noch nicht gekommen. Der oberseh lesische Agitator. Ein 70jähriger Greis. Sein einziges großes Erlebnis iwär eine Mastdarmoperation. Ansonsten ein biederer, langweiliger Reisender, der in „smir, midib, powidlo i inne dylikatesu" *) handelt, sonst nichts anzufangen weiß. Mit ranzigen Witzchen, Schnurren, Anekdoten und anderen Schmonzes 'hat er sich durchs Leben hindurchg'jwiuiden. Bis er i ndie Nähe der Mühlsteine der polnischen Gerechtigkeit kam. Die ergriffen ihn, zerrieben ihn und aus etlichen Deka* Reisendenpulvier, aufgeschüttet auf einen Eßlöffel Reisendenquatsch und geschmorrt am Ofen der polnischen Reaktion ward auch er ein „Hochverräter". Der reisende Greis — Schwach von den guten Aussichisn der Deutschen beim Oberschicsischen Plebiszit und von dem schlechten Stand der polnischen Mark, die er „smarki" (Rotzmarken) nannte. War das nicht der beste Weg zum de- und wehmütigen Heldentum eines „Auch-iyochverräters"? Kein Wunder also, daß der kindische Greis in seinem Herzeleid oft und oft den „lieben Herrgott" strapazierte, den ganzen Tag jammernd: „Oj wej, oj wej Du lieber, guter, großer Gott, was hab ich verbrochen! was hab ich getan, daß ich so hart gestraft wurde?''« * * * Diese lustigen Kinomomentaufnahmen werden in den nächsten Nummern fortgesetzt. Nur denke man jetzt schon darüber nach; wie der Staat bestellt sein muß, der sich bereits so vor seinen „Hochverrätern" schützen muß. Hernag. *) Witzige polnisch-jüdische Bezeichnung für Reisende ifl ailfi/lei Greislerartikeln. Mit dem Uebergang zum System der staatlichen Regulierung der Landwirtschalt im Zusammenhang mit dem Aufbau des administrativen Systems der Anbauurid Dorfkomitees gewinnt die Frage der Rollo der landwirtschaftlichen Genossenschaft eine besonders grtoße Bedeutung. Sie findet ihren Ausdruck in der entschiedenen Formulierung. der Frage, ob die landwirtschaftliche Genossenschaft weiter bestehen soll oder nicht?J Es ist unbestreitbar, daß in den Fragen der Fortsetzung des ümfanges und der Qualität der Produktionsaufgaben der Landwirtschaft gar keine .Autono - mio und „Selbständigöeit" gewährt werden können. Dem administrativen Apparat der Aiabaukomitees gehört hier die entscheidende Rolle und das Recht "der möglichsten Kontrolle und Leitung. Im Wege der kombinierten Maßnahmen der staatlichen Aushilfe deri AneiferuHg und des Zwanges müssen alle landwirtschaftlichen Unternehmungen ohne Ausnahme zur Durchführung des einheitlichen Staatsplanes verhalten werdend Es wäre jedoch nicht richtig, die Sphäre der staatliehen Einmischung bis zur vollen Aufhebung jeder! privaten Initiative und Selbständigkeit dort aus« zudohnon, wo es sich um Durchführungsmethoden und Technik der staatlichen landwirtschaftlichen Aufgaben handeltf Im Gegenteil,, den wirtschaftlichen und politischen Organen des proletarischen Staates steht hier eine dankbare Aufgabe bevor — die persönliche und gesollschafuiche Initiative — die Selbsttätigkeit zu befreien und anzueifern. Dem Artelsystem (damit ersetzen wir den unter den gegenwärtigem Verhältnissen geänderten Bcgrift „Genossenschaftssystem") eröffnen sich hier; die wei^ testen Entwicklungsmöglichkeiten. Selbsttätigkeit und Initiative innerhalb der Grenzen 'der gesamtstaatlichen Planaufgaben — das soll die Losung der heutigen landwirtschaftlichen Genos - seeschlaft sein. Auf Grund dieses Merkmales nähert sich die Genossenschaft sehr stark dem Kolloklivie - rungssystem der Landwirtschaft, indem sie sich zu seiner wichtigsten und in höchstem Maße einen< Massencharakter tragenden Form verwandelt. Inwiefern die staatliche Regulierung 'der Landj Wirtschaft „das System der Vergesellschaftung" nicht ersetzt, sondern das Letztere als Grundlage für ihre Arbeit benützt (Sowjet- und Kollektivwirtschaften sind Stützpunkte zur Verbesserung der bäuerlichen! Landschaft kann die landwirtschaftliche Genossenschaft formell nicht als liquidiert betrachtet werden. Gleichzeitig ist es klar, daß das Bestehen der land - wirtschaftlichen Genossenschaft* der Genossenschaft der Bauernmassen nicht aber der intellektuellen Oberschichten, außerhalb der Vergesellschaftungssysiems undenkbar ist. Die Schwierigkeit der Verwirklichung der staatlichen Regulierung der Landwirtschaft liegt in der Mannigfaltigkeit der Regulierungsobjekte. Je stärker sich deshalb die genossenschaftliche Organisation der, Produzenten zwecks einer möglich erfolgreichen Durchführung der plariwirtschaftlichen Aufgaben des Staates entwickeln wird, mit urrtso kleinerer Zahl an Objekten werden die Regulienmgsorgane zu. tun haben und umso leichter wird ihnen die Bewältigung des Planes der Bauerriwirtschäft fallen. Noch mehr — (wenn man sich die grenzenlosen Flachen des Bauernrußlands vorstellt, die schlechten Verkehrswege, den Mangel1 an .agronomischen Kräften, die kurzen landwirtschaftlichen Saisonjar-. beiten und die sonstigen Umstände, die die Möglichkeit außerordentlich erschweren, rechtzeitig und überall mit agronomischer Beratung und erst recht mit Zwangsmaßnahmen zurech't zu kommen, wird die große Rolle der agrikulturel'len HeimstättenderSelbsttätjgkeit vollkommen klar werden, was die genossen-i schaftlichen Bauernorganisationen werden müssen., Die genossenschaftliche Form der Produzenten- Organisation erstreckt sich gewöhnlich nur auf einzelne Arbeitsprozesse, versorgt einzelne Wirtschafts-« „weige. Deshalb muß auf die Tagesordnung die Aufgabe der staatlichen Regulierung der landwirtschaftlichen Genossenschaften gestellt Werden. Diese Regulierung muß vor allem darin bestehen, daß die Organisation der einzelnen Genossenschaftsreformen mit. der landwirtschaftlichen Rayonierung verbunden wird. Zweitens im System der Mäßnahmen, die die -wirtschaftlichen ebenso wie die technischen Vorbedingungen für die Wechselbeziehungen der Ge-nossensichaftsformen schaffen. Drittens im System der Maßnahmen, die diese Genossensdi'aftsformen wirtschaftlich mit den höchsten Kollektivierungsformen — mit den Kollektiv- und Sowjetwirtschaften — verbinden. Auf diese Weise werden die Wirtschaftsorgane des Landes einen tüchtigen Kontrahenten bei der Durchführung der Reguliemngsarbeiten der Landwirt- Wirtschaft erhalten. Gleichzeitig wird die Entwicklung der genossenschaftlichen Organisation des Dorfes, eingefügt in das System der Vergesellschaftung der Landwirtschaft, in den Machtbereich der Kollektivierung die breitesten preise der landwirtschaftlichen Bevölkerung hineinziehen- Die schöpferischen Kräfte des Proletariats. Von M. Losinskg. 'Die Verhältnisse, unter denen das Proletariat die Volkswirtschaft aufzurichten hat, sind äußerst schwierig, zuweilen selbst qualvoll. Ueoerall herrscht Mangel, üherai gibt es Krisen. Hier fehlt e; an Brennstoff, doft an M'atenallen. Än diesem' O.te mangelt es an Arbeitern, an jenem aii Rohstoffen., In diesem' Unternehmen ist das technische Inventar abgenutzt, in ienem bedarf das harjriksgebäude der flusbesserumg. Jjmmerhin, solange wir nur arbeiteten und nicht klagten, landen Wir aus der schwierigen Lage auf diese oder jens Weise enen Ausweg. Noch Wehr, es gelang unjs sogar, im unse.e.i tabriken e.ne Reihe von solchen Produktionszweigen zu organisieren, dje für Rußland ganz neu sind; so wurciia beispielweise dank der Beharrlichen- AVühe einer Gruppe von Arbeitern der elektrischen Industrie em für Rußlandganz neuer Produktionszwe.g geschaffen, nämlich die Erzeugung von elektischen Glühlampen, die bis jetzt nur aus dem Ausland bezogen wurden. Der Mangel an Zucker rief eine starke Nachfrage nach Saccharin hervor, das zuerst ebenfalls aus: dem Auslände importiert wurde, jetzt aber nei uns selbst hergestellt wird. Dfe Besetzung der naphthareichen Gebiete durch die Weißen hatte einen Mjangel an flüssigen Brennstoff zur Folge, besonders an Benzün. Es wurde erwogenv Beaan -auf elektrischem Wege aus Solarölen herzustellen. Die Versuche erwe.en sich al's günstig und die Produktion wurde iabriksmäßig organisiert. Bald darauf stellte sich aber heraus, daß für di.e Herstellung großer Mengen Benzins auf chemfschem Wege das erforderliche Chloralmiiniurn fehlt, das bei uns niemals erzeugt, sondern stets aus dem Ausland e;nge.ührt wurde. Auch' dieses Problem wurde in Angriff genommen und binnen kurzer Zeit glänzend gelöst. Auf d;|ese Weise war es uns möglich, unseren für uns so Wichtigen Automobilbetrieb in der allerschwersten Zeit aufrechtzuerhalten, bis die Wiedervereinigung des Naphtharayons mit Sow.etrußland uns der Erzeugung des chemischen Benzins enthob. Eine ähnliche Situation bestand auch eine Zeitlang in der Textlilindustrfie, der die Besetzung Turkestans durch di.e Weißen die Rohstoffe zu entziehen drohte. Die Lage schien damals hoffnungslos. Statt zu verzweifeln, begannen d;e Textilarbeter die Baumwolle durch Flachs zu ersetzen — und der Ausweg war gefunden. per zeütwe'Iiijge •Verlust des Donezbeckens und der dadurch hervorgerufene Mangel an Koks stellte uns vor dj.e Notwendigkeit, Kolcs aus Holzkohle und Torf herzustellen. Als diie Produktivität der Mühlen infolge der Abnützung der Mühlsteine zurückging, gelangte man dazu, Ch'oimagnesium herzustellen, das "zur Reparatur der Mühlste.iie ausgezeichnetes Material abgab. (VCei Aufmerksamkeit wurde auf die Gewinnung das Alkohols aus Holzstoff verwendet. Die in dem Laboratorien in dieser Richtung angestellten (Versuche ergaben höchst günstige Resultate. D»;e Metallindustrie erzeugte Sägen für die Waldarbsit und Schiffchen für Nähmaschinen, Fabrikate!, die in ihrer Qualität den ausländischem Erzeugnissen nicht im1 geringsten nachstehien. (Dilse, Aufzehrung neuer Produktionszweige; die |n den letzten drei Jahren von dem Petrograder Proletariat organisiert wurden, könnte man noch lamge fortsetzen, aber aucll die zahlre.chen bereis angerührten Tatsachen genügen, um zu bewegen, daß das Petrograder Proletariat stets eifftein Ausweg aus schwerer Lage gefunden hat, wenn es nur diesen Ausweg in beharrlicher Arbeit und möglichst großer Anspannung des revolutionären Willens gesucht hat Nur dieser Weg kann aus der wirtschaftlichen Zerrüttung?jur Ordnung rühren. Genosse Mersch Nagler enthaftet. Mit einem freudigen Gefühl1 dar Befreiung von seelischem Drucke können /wir den Parteigenossen endlich mitteilen, daß unser lieber Freund, unser tapferer, opfermutiger Genosse Dr. Hersch Nagler aus zehn JYLonate langer Haft, in die ihn die Spitzel der polnischen Schlachta gehezt hatten, endlich entlassen worden ist. Genosse Nagler iwurde (während seiner Reise nach! Ostgal'izien auf Grund einer Deminziaticn der polnischen weißen Spitze!&arde in Sambor verhaltet und' wegen einiger Zeitungsartikel', die in unserem Blatte gegen die Pogromisten und Oligarchrst e n des 'weißen Polen erschienen waren, unter die Anklage des Hochverrates gestellt. Nach Zurückzie;hung der Anklage durch' das Zivi!- gericht wollte die Militärprokuratur unseren Genossen nicht aus den Klauen lassen. Sie ordnete neuerlich: eine Verhandlung an und stellte den Antrag auf Todesstrafe! Die Verhandlung gestaltete sich zu einem politischen Ereignis. Genosse Nagler nahm die Gelegenheit wahr, den Machthabern des weißen Polen gründ-' lieh die Wahrheit zu sagen. Er wies auf die vielen Tausenden der schuldlos in den polnischen Zitatellen und Gefängnissen Sthmadhltejiden hin und stellte die Kulturschande, die sic'hJ unter Deckung durch1 di? pollnische reaktionäre Militärklique breitmacht, gehörig an den Pranger. Die Geschworenen sprachen Genossen Nag er frei. Dieses Verdikt ist aber zugleich auch ein Sehn dspruch gegen die blutbesudelte Militärjustiz der po-nkchen Schlachte und ihrer Lakaien Daszynski und Pilsudski. Wir begrülen den' Genossen Nagler als d;.n besten hingebungsvollsten Kämpfer für die gute Sachte der jüdischen Arbeiterschaft. Dr. Nagler, der Vorkämpfer des jüdischen Proletariats, wieder in unserer Mitte, das bedeutet für unsere Partei und unsere Organisationen den starkie» Impuls nach vorwärts!