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Freie Tribüne · 1921-04-23 · 13-14 (23.4.1921) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
3 (1921)
Issue
13-14 (23.4.1921)
Date
1921-04-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 13-14 liehen allgemeinen Leben und dem proletarischen Befreiungskampf in Fühlung zu kommen. Das wurmte natürlich die gottesfürchtigen, h e - bräisüsch-ohauvinistischen zionistischen Kolonisten und Bürger ebenso wie ihm getreuem Lakaien, die „Arbeiterführer". 13s ärgerten sioh die Lehrer, die über „Vergewaltigung" schrien und eine Schwächung der hebräischen Sprache weissagten; alle Bürger Hefen von einem englischen Beamten zum zweiten und flehten um Ausräucherung des kommunistischen Nestes, das den „Jischow" zerstören wer'de; natürlich fanden sich schließlich, dank dieser dauernden Hetze auch Schüler und Arbeiter, die mit „Bonreisterang" die Mission auf sich nahmen, die Poale - 7Ä9a zu „vernichten"; sie bewaffneten sich und gjiv .'fon, unterstützt von Polizei, zum Angriff über. öndlichl entschloß sich die englische Behörde, gerührt vom Jammer ihrer Kolonisten, der Sache ein lOnde zu machen und den Klub zu sperren. An einem »Sarasfagabend, da die Leute, wie gewöhnlich, sich versammelt hatten, drang Polizei in den Klub ein und iriefe die Anwesenden auseinander». Erbittert, gruppierte sich eine größere Anzahl Arbeiter zu einem Zuge und marschierte, die „Internationale'" singend, von Jaffa« nach Tel-Awiw.*) Es war eine kleine, aber wirkungsvolle Demonstration; der Gesang aus den Hingen Kehlen der Arbeiter vermengte sich mit dein italischen des Meeres zu einer mächtigen Kamplansage. Diese Herausforderung erregte die Tel-Awiwer Bür/ger und plötzlich stürzte ein 'Haufen von Studenten und Arbeitern! hervor, warf sioh auf die T^cmon- «tränten und wollte sie prügeln. Sie hatten sich aber verrechnet; die Angegriffenen waren die Stärkeren — der Mut der Angreifer verlor sich ebenso schnell, als er aufgeflammt warf — und sie verzogen sich.. Man kann, sich von den Palästinenser Zeitungen das richtige Bild machen, wenn man ihre Berichte über diesen Vorfall liest. Der „Haares" -und der .,9oar-Hajam" teilen mit, daß eine Anzahl Studenten und Arbeiter, erbittert darüber, daß diese die „Internationale" im Jargon gesungen haben, die Poale-Zion überfallen hätten. Es ist sehi' 'traurig, daß es in Palästina nur eine Presse gibt, die der Reaktion Vorspanndienste leistet, indem sie solche. „H e 1 d e n s t ü c k c h e n<w gutheißt, weil sie an Arbeitern begangen \v uii den — viel trauriger aber natürlich, daß es Arbeiter gibt, die sich zu Lakaien der Bourgeoisie herabwürdigen und solche Heldentaten ausführenrr. In der jüdischen Arbeiterorganisation Ach'uuth' Haawodoh gärt es: Die Mitglieder laufen aufgeregt herum und schreien: „Schande, Verrat!* Was ist geschienen?' Das amerikanische Hilfskomitee hat die jüdische Arbeiterschaft beleidigt — und damit der Politik der genannten Partei, die durch demütiges Betteln und Kriechen ihrie Wünsche uutchsotzen will, ein klägliches Fiasko bereitet. Iii Palästina grassieren jetzt unter den Arbeitern epi'demisoUo Krankheiten, die Arbcitor-K r a n - Jcenkasse ist leider materiell schwach fundiert und haf sich »daher an, das Hilfskomitee um einen Zuschuß gewendet. Dieses hat nun nicht nur jede Hille schroff verweigert, sondern ließ auch den.» *f Stadtv&ertel der zionistischen Bourgeoisie rn Jaffa., Vorstand der Krankenkasse, der die Bitte überbracht hatte und vielleicht etwas gedrängt hatte — hinauswerfen und mißhandeln. Als Grund der Absage gab das Komitee an, daß eine Krankenkasse eine kulturelle Institution sei und also nicht in ihr Ressort falle. Diese Provokation beantwortete nun die Achduth Haawodah' damit, daß sie eine Versammlung) einberief, wo sie feierlich deklarierte, daß durch diese Mißhandlung die ganze Arbeiterschaft getrolfen worden sei — und den famosen Beschluß faßte, die Zionistische Organisation um ihre Intervention in dieser S a che zu bitten. In keinem Land der Welt, in dem eine klassenbewußte jüdische Arbeiterschaft existiert, konnte es geschehen, daß eine bürgerliche Organisation zum Rächer beleidigter Arbeiterehre erwählt wird, sie würde dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen; — aber un* soro „Arbeiterführer", die der (leider willigen) „Masse", anstatt sie zum proletarischen Selbstbewußtsein zu erziehen, ihre eigene Sklavendemut ein* impfen, — sie sind eigentlich indirekt an der ßeleuiugung der Arbeiterschaft schuld; — ihnen hat der Vorstand und mit ihm die Arbeiterschaft die Mißhandlungen zu verdanken. —- Als bei der Versammlung einer unserer Genossen das Wort verlangte, um die wirklichen Ursachen dieser traurigen Begebenheit klarzulegen, entstand piötzinm unter den anwesenden Hebraisten ein Tumult. Sie schrien: ..Iwrith! Wir lassen nicht jüdisch sprechen" usw. — Der Vorsitzende, Herr Snrinzak (Hapoel-Hazair) erklärte sich mit den Ruhestörern solidarisch nnd enfzog dem Genossen das Wort mit der Begrün* dung, dieser mache sich, da er schon zum zweitenmal bei einer Versammlung versuche, jüdisch zu sprechen, einer Beleidigung der Arbeiterschaft schuldig. Diese Episode hat den Arbeitern zu denken ge-< geben und viele legen sich, schon die Frage vor, wer die Arbeiterschaft eigentlich blutiger beleidigt hrA — das ■'•'uktotmn des Hilfskomitees oder Herr Sprinsak?. III. Wo Aas ist, sammeln sich die Geier. Der „Waad haTumi"*) hat alle seine Kräfte darangehe^, um als Vertreter der jüdischen Bevöikerung anerkannt zu worden und so das Gerichtswesenin seino Hände zu bekommen. Anders war* es aber im Rate der „Rabbanim" beschlossen, die nicht die geringste Lust hatten, sich das „Gesetz" entreißen zu lassen — und der neue „Messias", Herr Samuels, war ihrer Meinung. Ei gab die Einwilligung zur Einberufung einer G e m e In d e - K o n f e r e n z und bestimmte auch ciie Teüuehmerzahl. Ein Drittel sollten gewählte Verbeler der jüdischen Gemeinden und zwei Drittel Virilislen uul ^rund ihres Rabbinates sein. Bei der Eröffnung der Konferenz hielt Se. Exzellenz höchstselbst eine heizliche Begrüßungsrede, wobei es Adelleicht interessant ist, festzustellen, daß Herr Samuels es bisher noen immer verweigert hafc, an einer Sitz und des Waad haTumi oder der Assilas ha-niwoharirn,**) der „Repräsentanz des jüdischen! Volkes'"', teilzunehmen. Der Waad haTi.mi, der ganz gut verstand, daß es sioh hier um nie Untergrabung seiner Existenz handelte, wollte «iuh von der Tagung fernhalten, es wurde ihm aber durch einen Wink von „oben" bedeutet, daß er zu erscheinen und die Konferenz „zu begrüßen habe. *) „Nationairat". **) „Nationalversammlung." Diese faßte den Beschluß: 1. Die Rabbiner nehmen das ganze Gerichtswesen in die Hand und f eloben, nach den „modernsten, fortgt'Schvitier.st?n ' Gesetzen des „Chaschon Misch - co." und des „Jorch deah" (Kapazitäten über die Anzahl der „Malkoth")*) zu richten. 2. Die zivilen Richter haben nur Beratungsrtxh* während der Verhandlungen und können an den Beratungen der Rabbiner nicht teilnehmen. Dio „Laie»" erkannten endlich, daß man sich mit ihnen gar zu viel erlaube und daß man im Begriffe sei, ein unerhört reaktionäres, schwarzes Gerichtswesen zusammenzuzimmern-, wie es in keinem andern Land der W]elt möglich wäre und wollten sich zum Zeichen des Protestes entfernen. Aber da trat der englische Vorsteher auf sie zn und bat sie zu bleiben, „da ihr Weggehen Seine Exzellenz, Herrn Samuels, in eine unangenehme Situation bringen würde." Dann, da er! eingewilligt! habe, auf der Tagung eine Rede zu haiton, diese wahrscheinlich in allen Blättern gedruckt werden würde, so würde dieses demonstrative Vorgehen den Gouverneur in ein schiefes Licht stellen, und die Meinung erwecken, daß er parteiisch sei." Und dio Schwächlinge blieben, — ließen Kien ins Gesicht spucken und schwiegen. Nur zwei fanden siel« unter ihnen, die, etwas mannhafter, den Saal ver - ließen, die nicht zusehen konnten, wie ihr „nationale?. Heim" einer Bande von Klerikalen, Finster-lingen und Jesuiten ausgeliefert wird, dio mit ihrem Grabeshauek das jüdische Leben ersticken will* Es gärt und kocht in der jüdischen Bevölkerung, man macht geheime Versammlungen (um laut zu proj testieren, dann fehlt ihnen der revolutionäre Mut) und keiner weiß Rat. Man begnügt sich also damit, ietee zu schimpfen und über „Verrat" zu murren. Es wäre doch um den so beglückenden?,Fiie - den" des „nationalen Heims" schade — — —-. Heulet, heulet, kalte Stürme, Euer ist die Zeit." Admoni. Die Genossenschaft im System der staatlichen Regulierung der Landwirtschaft in Russland. Die landwirtschaftliche Genossenschaft machte i* den letzten drei Jahren eine schwere Krise durch. Die wichtigste Bedeutung der landwirtschaftlichen Genossenschaft in der Voroktoberperiode und ihre Hauptarbeit bestanden in der Schaffung einer orga - nisierten Verbindung der waronerzeugonden, "Re^pr-n Wirtschaft mit dem Markte, in der Organisation des Produktenabsatzes der landwirtschaftlichen Produi-: - tion und der Versorgung der Bauemwirtschafii mit dem notwendigen Inventar. Die Hauptform der landwirtschaftlichen Koopcratiwereinigungen bildeten Absatzgesellschaften, die je nach dem Maße ihren Entwicklung die Tätigkeit auf dem Gebiete der Versorgung, der gemeinsamen Verarbeitung der Rohstoffe und eine ganze *&eihe von kulturagronomischen Arbeiten bis zu den landwirtschaftlichen Schulen undi Versuchsanlagen übernahmen. Diese bedeutendste Rolle der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die Absatzrolle, behielt auch die Politik der Sowjetmacht in den drei Jahren im Auge, die sich die Verwandlung der privatvvirtschaltlichen Genossenschaftsorganisation in einen Volkswirtschaft - liehen Versorgungsapjparat zur Aufgabe gestellt hatte. „Chaschon mischpat" und „Jore deah", alte religiöse Gesetzbücher; „Malkoth": Prügelstrafe. taenfaufnahmen ohne Refoosfce. Hodhwewäter 'm Polen. Eingekerkert in Gefängnissen; in Internierungslagera. gemartert und gepeinigt, dem Hunger, "der iiniheifrollen Typhusseuche, der Schwindsucht preisgegeben, von Krätzen, Läusen, von ekligem Ungeziefer bis zum Weißbluten ausgesogen, ohne Lager, ohne ärztliche Hilfe, der schrankenlosen Bestialität und verbrecherisdhen Dummheit und Gleichmütigkeit der Polizei- und sonstigen Wachorganen ausgeliefert, wehmacWtfici die Helden des kämpfenden,"des uribesieghar ringenden Proletariates in Polen. Sie alle werden von den Regierungs- und Justizfjanen der polnischen Reaktion mit einem Ehren-: men bezeichnet: Hochverräter. Man verfolgt sie nach dem verschimmelten Gesetzesparagraphen des vergangenen Habsburgerhauses, des zarischen Absolutismus und des preußischen Junkerstaates — je nach Bedarf. Man 'bedroht sie mit Todesstrafe durch den 3;rang, die gnadenweise in den Tod durch Erschienen verwandelt Wird. Man häuft Hügel auf Hügel nb-er die gepeinigten Körper der opferfreudigen Helden. Grabeshügel als ewige Ruhestätte für die „Toten auf Urlaub". AH den Hochverrätern Ehre und Gruß der rastlos iweiterkärnpfenden Protetarierbrüder der ganzen Welt! * * * Aber neben dem 'breiten Blutstrom der heldenmütigen Märtyrer der Arbeiterbewegung fließen unzählige Rinnsale der Leiden vbler und vieler, die [weder wissen, warum sie leiden, noch wozu sie leiden. Die groteske Angst der „Polizeibüttel" und „Gerechtigkeitsschergen" vor der aufsteigenden Kraft der klassenbewußten Arbeiterbewegung umnebelt jedwedes Unterscheidungsvermögen. Wie verrückt packen sie einen jeden, der nur irgendwo ein verdächtig klingendes Wort spricht, eine fremde Geste macht oder sonstwie den Verdacht oder die Gier nach Ergreiferprämien der verschiedentlichen Spitzelhunde und anderer Konfidenten auf sich1 lenkt. In die Kerkerverließp hineingeschleudert, hinter Eisengardinen verstaut, in Internierungslagern zu Tode oder bestenfalls zu lebenslänglichem Siechtum verurteilt, erfahren die Unglücklichen nie, wieso sie ziim Ehrennamen „Hochverräter" gekommen sind. Sie tragen ihn geduldig gebeugt, wie unter der Last eines unabwendbaren, unglückseligen Schicksals und wissen nicht einmal, wie viel komischer Dynamik jn der Tragödie*? ihres Lebens wetterleuchtet. * * * „Um den Staat zu vernichten, müssen sich' die Kapitalisten der ganzen Welt verbinden und den Handel auskaufen" soll nach der protokollarischen Aussage eines polnischen Offiziers ein gefährlicher „Hochverräter" gesagt haben, der am Bahnhof antistaatliehe Propaganda getrieben hat! Fünf Monate dauert bereits des Hochverräters Untersuchungshaft. Er sitzt nech. Vielleicht wird er durch die angekündigte Amnestie doch wieder den Mühlsteinen der polnischen „Gerechtigkeit'' entrinnen. Dsnh sonst kann er in der Gefängniszelle verschmachten, bis die Untersuchung auf diplomatischem Wege herausgekriegt haben wird, ob denn schon tatsächlich die Kapitalisten der ganzem Welt darangegangen sind, sich zu verbinden und den polnischen Handel auszukaufen, um den polnischen Staat zu zerstören. Und der „Hochverräter'', der diese gefährliche Weisheit geprägt haben soll? Ein schmächtiges, mageres 21 jähriges Bürscherf, Talmud-Thorajüngei, Hebräischlehrer, und — nach G2riiüt, Neigung und Zuständigkeit — ein galizkchbukowinensischer Chaluz, dessen einzige Lebenskrise das Fehlen der 24 Pfund Sterling zur Reise nach Erez Israel1, ausmacht. Von einer Chäluzkonferanz nach Hause fahrend, machte er für den „Ksren Hajessod", für den Palästinaaufhaufbnd, Propaganda. Er war natürlich der unerschütterlichen Ueberzeu.^ gung, daß zum Aufbau des Judenstaates nicht nur die Kapitalisten, sondern alle Juden beisteuern und beitragen müssen. Denn es wird ein Werk des ganzen Volkes sein. Dies verkündete er und ward verhaftet. Die zwei scheinbar unschuldigen Worte: „Staat", „Kapitalisten" — waren sein Verhängnis. Er erwachte hinter Eisengittern aus seinem Jugendtraume. Nun hat er die zweite Lebenskrise zu übertauchen. Neben den ihm fehlenden 24 Pfund Sterling stehen noch zwischen seinen Jugendträumen und dem palästinensichen Sehnsuchtsziel die polnischen Kerkermausrn. Die schützen den Staat vor der Vernichtung seitens der allen Handel1 aufkaufenden Kapitalisten der ganzen Welt und lehren den träumenden Chaluz den Zauber des Hechverrates. * * *

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