Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 10 (26.3.1921)
- Date
- 1921-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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NR. 10—H Friede im Osten, Streit im Westen. Die Geschichte gewährt den Völkern nach der modernsten Methode der Volksschule anschaulichen Unterricht. Lloyd George diktiert Deutschland und verhandelt mit Rußland; er schickt Dr. Simons nach Hause und laßt Krassin durch ein englisches Torpedoboot nach London bringen; er befiehlt der polnischen Schlachta, mit Rußland Frieden zu schließen und läßt die Franzosen in Deutschland einmarschieren. So reiht die Geschichte Ereignis an Ereignis, als ob sie der Welt «eigen wollte: so und nicht anders .. . So steht Rußland nach dreijährigem Revolutionskrieg unerschütterlich da; so liegt Deutschland nach zweijährigem Betteln und Verhandeln im Staube vor den Gewaltigen der Entente. Die Gelehrten des Bürgertums und der Sozialdemokratie wissen verschiedene Gründe, volkswirtschaftliche und politische, dafür anzuführen. Sie alle werden nicht müde, an der Hand der heutigen Wirtschafts- und Machtverhältnisse zu beweisen, daß es nur so und nicht anders sein kann. Nun, gewiß vermag heute Deutschland nicht einen neuen Krieg gegen die Entente zu führen. Gewiß wäre es Wahnsinn, heute die Politik der Deutschnationalen zu befolgen und das Schicksal Deutschlands in einem neuen Kriege den Hindenburgs und Ludendorffs anzuvertrauen. Aber erinnern wir uns doch, wie es dazu kam, daß Deutschland sich einer solchen Alternative. - - Krieg oder Unterwerfung gegenübersieht. Als im November 1918 die Hohenzollern davonliefen und das deutsche Proletariat in der Gestalt beider sozialistischer Parteien — S. P. D. und U. S. P. - die Macht ergriffen hatte, da war es möglich, den gordischen Knoten durchzuhauen und derartige unzweideutige Wirtschafts- und Machtverhältnisse in der Welt zu schaffen, die bald auch die Macht des siegreichen Ententeimperialismus gebrochen und dadurch die Welt vom Fluche der kapitalistischen Kriege überhaupt befreit hätten. Ja, in der Handj der damaligen „Deutschen Sozialistischen Republik" lag es, die Proletarier Frankreichs, Englands und Amerikas zur Entscheidung zu drängen und sie dazu zu bestimmen, mit ihren angestammten und „gewählten" Herrscherhäusern aufzuräumen, die kapitalistischen Ausbeutungsformen durch sozialistische Arbeitsformen zu ersetzen und so sich und den besiegten Völkern Europas die Freiheit zu geben. In richtiger Erkenntnis dieser Sachlage haben damals Liebknecht und Luxemburg die Losung: Anschluß an Sowjetrußland in die Massen geworfen und wurden nicht müde, trotz aller Verleumdungen seitens der bürgerlichen und trotz aller Verhöhnungen seitens der sozialistischen Presse, diesen Gedanken den Proletariern Deutschlands verständlich zu machen. Wie, „Anschluß an Sowjetrußlandu das bedeutet ja Krieg, heulten die bürgerlichen Soldschreiber, die plötzlich ihr pazifistisches Herz entdeckt hatten, Wie, „eine Front vom Ural dis zum Rhein" will der Tor Spartakus errichten, höhnten die abhängigen und unabhängigen Sozialdemokraten. Nichts von all dem schwebte Liebkneckt und Luxemburg vor. Ihr wahres, aufrichtiges, befreiendes, nationales Bewußtsein erkannte sofort, daß es für das-arbeitende deutsche Volk keinen anderen Ausweg aus der schmachvollen Niederlage der Hohenzollern gäbe, als der brüderliche Anschluss an das sich selbst befreiende arbeitende Volk Rußlands. Ein Bündnis mit Sowjetrußland verlangten sie nicht etwa zum Zwecke eines Vergeltungskrieges, in dem die Kosaken des Ural und die Junker der Elbe gegen Paris aufmarschieren sollten, sondern e \ n B ü n d n i s der Erdarbeiter Rußlands und der Bergarbeiter Deutschlands zur gemeinsamen Verteidigung ihrer eben errungenen Freiheit erstrebte Spartakus Man vergegenwärtige sich nun die Situation, die durch ein derartiges Bündnis geschaffen worden wäre. Wirtschaftlich wäre der Güteraustausch zwischen der Kornkammer und dem industriereichsten Lande der Welt für den Wiederaufbau heider Staaten — Rußlands und Deutschlands — von weltgeschichtlicher Bedeutung. Wenn sich der russische Bauer und der deutsche Arbeiter wirtschaftlich ergänzt und sich gegenseitig geholfen hätten, dann wären heute schon viele der Kriegsfolgen wieder gutgemacht und beide Länder würden der Welt ein Beispiel einer zwischenstaatlichen Arbeitsgemeinschaft bieten, die durch keine Verträge, am allerwenigsten durch die Verträge von Paris und London zu erreichen ist. Politisch würde ein Bündnis zwischen Sowjetrußland und einem sozialistisch regierten Deutschland klare Front geschaffen haben und die Frage der „Verantwortung für den Krieg", die neuerlich wieder die bürgerlichen Geister beherrscht und die von Lloyd George sehr geschickt dazu benützt wird, um Verwirrung in dem Bewußtsein der Arbeiterschaft Englands und Frankreichs zu stiften, würde ein für alle Mal redikal gelöst werden. Heute vermag es Lloyd George, die Verantwortungsfrage aufzuwerfen und mit Recht beruft er sich offen darauf, daß die derzeitigen Regierenden Deutschlands ja eigentlich die Kriegshetzer von 1914 sind. Heute vermag es Lloyd George im Namen der „Gerechtigkeit" zu fordern, daß die herrschenden Klassen Deutschlands, die den Ueberfall Belgiens gebilligt, die Verwüstung Frankreichs um- PREiB TRIBÜNE jubelt hatten, die schwere Last der Wiedergutmachung auf sich nehmen. Stünde aber der Entente ein von Arbeitern sozialistisch regiertes Deutschland gegenüber, dann würde es nicht nur Briand und Lloyd Georges, sondern auch den Herren Renaudel und Hendersen sehr schwer fallen, die Arbeiter Frankreichs und Englands für die „Sanktionen" zu gewinnen. Man vergegenwärtige sich die Position Deutschlands, wenn seine Unterhändler nicht Stinnes und Fehrenbach, sondern Liebknecht und Luxemburg hiesen; da würde sichs die Entente wohl weislich überlegen, die Arbeiterschaft ihrer eigenen Länder mit der Auferlegung eines Sklaventributes auf die Schultern des deutschen Proletariats zu reizen. Nein, die Arbeiter Englands und Frankreichs würden es gewiß nicht dulden, daß man in ein Sowjetdeutschland einmarschiere, ebensowenig wie sie es duldeten, daß man in Sowjetrußland interveniere. Die ganze Schmach wäre dem deutschen Volke erspart geblieben. Die deutschen Proletarier aber würden bereitwilligst, so weit es Überhaupt in ihrer Macht liegt, den Wiederaufbau der verwüsteten und zerstörten Departements Frankreichs und Belgiens durchführen und dadurch auch die durch die Kriegssozialisten verletzte internationale Solidarität wieder herstellen. Militärisch. Es ist fast überflüssig nachzuweisen, daß ein Bündnis Deutschlands mit Rußland militärisch unüberwindlich wäre; freilich nicht ein Bündnis des russischen Zaren und des Kaisers Wilhelm, die sich an einem Tage dreimal küßten und dreimal verrieten, auch nicht, ein Bündnis zwischen der russischen imperialistischen Bourgeoisie und der deutschen Großindustrie, deren gegenseitige Interessen sie zu natürlichen Feinden machen. Ein Bündnis zwischen den bewaffneten Proletariern Deutschlands und der russischen roten Armee wäre geradezu unantastbar. Gewiß, in der Politik und im Schicksal ganzer Staaten darf man nicht mit „wenn" und „wäre" operieren. Was nicht ist, kann die Wirklichkeit nicht heeinflußen, geschweige denn, entscheiden. Unerläßlich ist es aber, daß wir aus den begangenen Fehlern lernen, damit wir im nächsten günstigen Moment die Wirklichkeit so gestalten, wie sie sein soll. Freilich, damit Deutschland sich an Rußland anschließe und sich dadurch vierzigjähriger Versklavung entziehe, wäre es notwendig gewesen, daß in jenen schicksalsschweren November tagen des Jahres 1918 nicht Kautsky die auswärtige Politik der „Deutschen Sozialistischen Republik" machte, sondern Spartakus. Liebknecht würde sich der Debatte über die „Verantwortung für den Krieg" in der Weise entzogen haben, daß er ohne Rücksicht auf die herrschenden Klassen Deutschlands alle Archive5 des auswärtigen Amtes der breiten Oeffentlichkeit vorgeiegt hätte. Damit wäre die Schuldfrage für die deutschen Proletarier erledigt gewesen. Die Engländer und Franzosen hätten sich angespornt gefühlt. Einblick in die Archive ihrer eigenen Machthaber zu gewinnen. Auch wäre es damals notwendig gewesen, daß nicht Legien in gemeinsamer Arbeit mit den Schwerindustriellen Deutschlands den Wiederaufbau begonnen hätte, sondern daß mit der Enteignung der Enteigner Ernst gemacht worden wäre. Nicht die Studenten und reaktionären Offiziere durften bewaffnet werden, sondern die organisierte klassenbewußte Arbeiterschaft. Dann allerdings wäre Deutschland eine Macht, der man nicht diktiert, sondern mit der man verhandelt. Heute abersteht der siegreichen Ententebourgeoisie die niedergerungene Bourgeoisie Deutschlands gegenüber und, so lange es die Arbeiterschaft Deutschlands duldet, von Stinnes vertreten zu werden, so lange wird Lloyd George mit Erfolg die „Gerechtigkeit" anrufen und die „Sanktionen" anwenden können. Daran wird selbst die Wiener Konferenz nichts ändern können; denn auch hier zeigte sich das tragische Schicksal der von den Sozialdemokraten uud Unabhängigen in eine Sackgasse verführten deutschen Revolution. Bauer und Hilferding gegen Renaudel und Bracke. Beide rufen die Gerechtigkeit an, beide haben Recht. Bauer, wenn er energisch fordert, daß die französischen Genossen endlich einmal den Imperialismus ihrer eigenen Bourgeoisie bekämpfen und Renaudel, wenn er zurückkehrend von der Wiener Konferenz, auf den Versammlungen in Paris die Versklavung Deutschland dadurch mundge/echi zu machen sucht, in dem er auf die noch immer Deutschland regierenden Junker und Schwerinoustriellen hinweist. Das vor zwei Wochen totgeschriene Rußland steht nun aufrechter denn je. Der Versuch der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die innere Wirtschaftskrise zu einer Gegenrevolution zu benützen und eine Intervention der Entente unter dem Segen Kautskys herbeizuführen, ist kläglich gescheitert, Polen hat sich dazu bequemen müssen, alle Ränke aufzugeben und den Frieden in Riga zu schließen Deutschland wird in schwere politische Konflikt verwickelt, von einer Invasion bedroht und muß sich auch gefallen lassen, daß die französischen Imperialisten im deutschen Lande Zollwächter aufstellen und das Resultat deutscher Hände Arbeit beschlagnahmen. Zwei Wahrzeichen zweier verschiedener Methoden der Arbeiterpolitik; ein anschaulicher Unterricht für alle, die nicht voraussehen wollen oder können: Mit Rußland wird verhandelt, Deutschland wird unterdrückt; mit Rußland schließt man Frieden, Deutschland bedroht man mit serm 3 „Sanktionen". Wahrlich es ist Zeit, daß die deutschen Proletarier sich auf sich selbst besinnen. In ihren Händen liegt es jetzt, eine klare Situation zu schaffen. Das deutsche Proletariat muß nur seine Hand nach dem Osten ausstrecken und die Gewaltigen der Entente werden erzittern. Sie werden gerne verhandeln, ja sie werden vielleicht auch Frieden schließen, einen neuen wahren Frieden. Statt Hilfe wirtschaftliche Versklavung. Es ist nun einmal zur Selbstverständlichkeit geworden : die Kunst, in Oesterreich zu regieren reduziert sich darauf, in London, Paris oder gar bei der Reparationskommission in Wien zu betteln. Man hat'sieh eben von Anfang an gesagt Und es während der zweieinhalb Jahre oft wiederholt: Politik mar o h e n in Oesterreich ist gleichbedeutend mit einem vollständigen Verzioht auf eine selbständige Politik. Oesterreich, ein uus einem großen WirtHuheftsgebiet herausgerissenes Land, kann sich selbst nicht ernähren; Anschluß an das große Wirtschaftsgebiet des Deutschen Reiches ist daher die einzige Rettung. Nachdem aber die Entente uns den Anschluß verwehrt, muß sie uns als selbständigen Staat erhalten; sie muß die zu unsener Ernährung und zur WiederauiridWjung unserer Industrie notwendigen Lebensmittel and Rohstoffe solange auf Kredit geben, bis wir unsere Wirtschaft wieder aufgebaut und die uns gewährten Anleihen bezahlen können. Kredit oder Anschluß argumentierte man zwei Jahre lang und da die Entente großes Interesse daran hatte, den Anschluß zu verhindern, da sie außerdem die Gefahr einer bolschewikischen Lösung des österreichischen Problems befürchtete, und da sie vor allem bedacht war, von dem kleinen Oesterreich die größtmöglichst© Kriegsentschädigung »piU $r einmal in irgendeiner Form herauszuholen, hat sie zunächst Kredite gewährt. Kleine Kredite, immerhin aber reichten diese für einige Monate aus. Zunächst verstand es die Entente durch die Kreditgewährung, die Gefahr der Sozialisierung au bannen. Da Oesteilreich jedoch von Viertelzu Vierteljahr immer wieder darauf angewiesen war, Lebensnüttelkre'dite von der Entente zu verlangen, mußte man bei der Durchführung des schon ursprünglich ziemlich bescheidenen Sozialisierungspirogramms besondere ,.Rücksiehr obwallen lassen. Bald sah man sich gezwungen, auf die Sozialisierung überhaupt zu verzichten, bloß auf Versammlungen gedachte man noch dieses klug ausgedachten Weges zum Sozialismus. So ging es bis zum 17. Oktober 1920;. Als dann die Christlichsozialen zur Macht^ gelangten. Via erkannten die Ententemännert daß "beide Gefahren, sowohl die Gefahr der Sozialisierung als auch diejenige des Anschlusses zugleich überwunden waren. Denn die Herrschaft 1 der Chiistliohsqzialen, die schworzgolb bis in die Knochen und arbeiterfeindlich wie ihre ententistischen Klassenbrüder, bot ihnen die beste Gewähr dafür, daß das kleine Deutschester reich weder zu einer nationalen noch zu einer sozialen Revolution befähigt sei. Die Entente hielt es nun nicht mehr l'ür unbedingt erforderlich, Staatskredite zv» gewähren und da die christlichsoziale Regierung weder mit dem Anschluß, den sie selbst nicht wünscht, noch mit dem Bolschewismus, den sie selbst; bekämpft, drohen konnte, so erfand der famose Bundeskanzler Mayr ein neues RegierungTsprogramm; Kredit oder Zusammonbrno h. So lautet die ehristlichsoziale Staatsweisheit. Verfolgt man nun aufmerksam die christlichsoziale Rogierungsmethode, so wird man gewahr, daß ihre Losung zum Unterschied von der der Sozialdemokraten nicht Kredit oder Anschluß, sondern Kredit oder Zusammenbruch lautot. Unter diesem Gesichispunkt ist auch die letzte Reise Dr. Mayrs nach London zu betrachten. Nachdem aber die Ohristliohsozialen bereits ein halbes Jahr mit dieser Zauberformel regieren, nachdem Di?. Mayr schon ein Dutzend mal mit dem unmittelbaren Zusammenbruch gedroht hat, hat die Drohung ihre Wirkung auf die Entente verloren, und so erhielt Mayr auch in London nichts. Vielmehr, gingen die Ententemaehthaber daran, ihr eigentliches ,, Interesse" an Oesterreich wahrzunehmen und den dem Sieger gehörenden Tribut, wenn auch in verhüllter Form, zu verlangen. Freilich von Deulschös-terroieh kann man nicht 226 Milliarden Goldmark fordern, auch nicht einen kleinen Teil dieser Summe, das weiß Lloyd-George sehr genau. Deshalb fordert er a/uel; nichts, aber schon gar nichts von der österreichischen Regierung, im Gegenteil, er hat sie freund1schaftlich eingeladen, um mit ihr gemeinsam zu beratschlagen, „wie man Oesterreich helfen könne.'' Als unzweideutigen Beweis seiner Hilfsbereitschaft will er die der Ente<ite zustehenden Pfandrechte auf alle Einnahmequellen bis zu einem gewissen Zeitpunkte aufgeben. Mayr ist gerührt, Mayr triumphiert. In Wjahrheit aber bedeuten die letzten Abmachungen in London das Ende Deutschöslerreichs als selbständiger Staat, denn was die Entente gegen die Aufgabe des Pfandrechtes eintauscht, ist die Auslieferung der gesamten Staatswiif schalt an das private Entontekapital. Die. Zolleinnahmesn, das Tabakmonopol und überhaupt alle Staatseinnahmen sollen — Mayr sagt — unter Kontrolle. Ghamberlain sagt unter die Verwaltung des zu gründenden Bankkonsortiums