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Freie Tribüne · 1921-03-26 · 10 (26.3.1921) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
3 (1921)
Issue
10 (26.3.1921)
Date
1921-03-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 10—1 f wendige« Vorbilder erscWeinchi. Unwillkürlich fast drängt sich die Frage auf: konnte die Bourgeoisie von 1871 nicht anders handeln, konnte sie schon damals nicht, wie ihre Ahnen von 1792, auf die Volksmassen gestützt, im nationalen Kriege für Freiheit und Fortschritt kämpfen, um ihro Herrschaft auf den Trümmern des Kaiserreiches aufs neue aufzurichten? Die Ohnmacht der Jules Favro und Thiers -.gegenüber den Kürassierstiefeln von Bismarck zeugt unwiderlegbar dafür,, daß die phtfygische Mü-ze als völkerbefreiende Knaft, als ein Faktor des Fortschritts nÄcht mehr wirken und sei ton konnte, daß sie umgekehrt zur Völkerknechlung beitragen mußle. Und so sind die bürgerlichen Minister und Generäle, die Männer vom 4. September 1871, zun* Kapitulation vor dem äußeren Feinde geschritten, um zum Kampfe mit dem inneren gerüstet zu sein: Paris und Frankreich wurde den Preußen ausgeliefert. Dies die geschichtlichen Perspektiven sowie die unmittelbaren, äußeren Faktoren des 18. März 1871. Wie wir seinen Zusammenhang mit den Erhebungen* des 19. Jahrhunderts und mit der großen französischen Revolution erkannt, so tritt uns in ihm besonders zum ersten Male die Bedeutung des proletarisch a/h .. R e v o 1 u fci o n s k a m p fjo s {als des einzig möglichen und gegebenen Faktors der gesellschaftlichen Entwicklung entgegen. Das Bürgertum offenbart sich in seinem Verlaufe urtvofhüllt als reaktionäre,?Aim Untergange verurteilte Klasse der . Geschichte. Während es sich ins Lager der Krautjunker und. des Pfaffentums schlägt und sich mit ihnen verbündet, unterschreibt es sein eigenes Todesurteil. Das französische Proletariat aber,t das sich zur Nation zu konstituieren bereitet, reißt im Nu das Kleinbürgertum sowie alle werktätigen Schiebten der Gesellschaft auf seine Seite. Instinktiv auch findet es seine Form der sozialen Organisation: die Kommune. Die Zelle der Arbeitsgemeinschaft, die schon von Beginn! ab aller bürokratischen. Hierarchie diarnetrjal entgegengesetzt ist! Die daraus vornehmlich ihre Seinsberechtigung und — Kraft schöpft. Wunderbar, wie die Volksmassen die Itösung der Munizipalwahlen nicht im engen Sinne der Hauptstadtautonomie gegenüber dem übrigen Frankreich, gegenüber der rückständigen Provinz, sondern sid entschieden als das Prinzip einer neuen Form der Gesellschafts struktur auffaßten. Ein Keim der proletarischen Ideologie, dessen Evolution in unserer Epoche der sozialen Revolution so deutlich zutage tritt l Und dies alles geschah, obwohl instinktiv, so doch im bewußten Gegensatz zu den Einflüstertungen und zum „Besserwissen der Gemäßigten", denen gegenüber das Volk von Paris dasselbe Mißtrauen bekundete wie seine Vorfahren, die revolutionären Sektionen den Vertretern der Gironde. — Nun, der Menschewismus ist nicht vom Tage, und wie Louis Blanc die Junischlächterei verschuldet hatte, so riet er und seine Freunde, die Ledru Rollin und Maillat, den Kommunarden von Paris, sich nicht „in Gegensatz zu der rechtmäßigen,, freiestgewählten Volksversammlung zu setzen." Doch das Proletariat von Paris erkannte seine Mission und ging führerlos, aller Erfahrungen bar, daran, sich sein unsterbliches Denkmal im großen Herzen der Arbeiterklasse einzuschreinen." Kommune und Sowjets. „Ihr wahres Geheimnis w; r dies,sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die anrignende Klasse, die entdeckte politische Form unter der die ökonomische Befreiung der Arbeiterklassen sich vollziehen konnte". \Ka l Marx: „Der Bürgerkrieg in Frankreich > ■Fünfzig Jahre geschichtlicher Entwicklung liegen zwischen der/ Pariser Kommuno und der rußländisohen Sowjetrepublik. Fünfzig Jahre Arbeiterbewe- " trung,, an deren Anfang die Kommune, an deren Endo die Sowjets stehen. Kommune und Sowjet. Sind dies nicht einander ausschließende Erscheinungen, einander widersprechende Bogriffe? Es ist wahrlich kein Zufall, daß sowohl derVorkämpfoi^ dos Sowjetgedankens — Lenin, — als auch der Bekämpf er des , Sowjetsystems — Kautsky — sich in die Geschichte der Pariser Kommune so sehr vertieft haben. Jeder in einer anderen Absicht. Der eine, um das Wesen der Kommune zu erfassen und sie, wenn auch in einer anders gearteten Form im Leben der Völker aufzurichten, der andere, um den Gegensatz zwischen der lebendigen Form der Kommune und ihrer toten Vorgängerin herauszufinden und! die siegreiche Kommune zu verneinen. Lenin hat die Zeit zwischen dem ersten mißlungenen bolschewistischen Aufstand im Juli. 1917 und dem 7. November damit ausgefüllt, die Pariser Kommune, ihre Vorteüe und Feh. ler zu studieren. Nicht um des Studiums willen, son* dern um dann für die große proletarische Erhebung ausgerüstet zu sein und so die Aussichten des Sieges zu mehren. Kautsky hat, nachdem er das Wesen der rußländischen Sowjetrepublik mißverstanden, sich ebenfalls der Aufgab© eines genauen Studiums der Pariser Kommune nochmals unterzogen, jedoch mit der unverkennbaren Absicht, nachzuweisen^ daß di« •) 'Aus dem Vorwort zu der im Verlage des Verbandsbüroa in jüdischer Sprache erscheinenden Ueftersetzung des .Bürgerkrieges ia Frankreich" von Karl Marx. Zum 50. Jahrestage der Pariser Kommune. Die Exekutive der Kommunistischen Internationale richtet an alle Parteien und Organisationen, die der III. Internationale angeschlossen sind, folgenden Aufruf: Genossen! Im Frühling dieses Jahres jährt sich die fünfzigste Wiederkehr der Pariser Kommune. Ein halbes Jahrhundert verfloß, seitdem die Proletarier von Paris — zum ersten Male in der Geschichte — gegen die Bourgeoisie sich erhoben und die Macht an sich rissen. Die Pariser Kommunarden schrieben ein Blatt unvergänglichen Ruhmes in das goldene Buch der internationalen Bewegung. Die Pariser Kommunarden waren die Vorgänger und die Herolde der jetzigen proletarischenRevolution in Rußland und in der ganzen Welt. 'Dort, wo jetzt der Brennpunkt der internationalen Reaktion ist, — i n Paris — flog stolz zum Himmel das rote Panier auf, für weiches zehntausende heldenmütige Pariser Proletarier ihr Leben dahingaben. Die Exekutive der Kommunistischen Internationale fordert die bewußten Proletarier der ganzen Welt auf, des fünfzigsten Jahrestages der Pariser Kommune feierlichst zu gedenken. Die Exekutive der Kommunistischen Internationale besch oß, dfesem Jahrestage eine besondere Nummer ihres Organs, der „Kommunistischen Internationale" zu widmen. Die kommunistischen Proletarier der ganzen. Welt, die in der Kommunistischen Inter« nationale vereinigt sind, haben beschlossen, den französischen Kommunarden in Paris ein Denkmal zu setzen. Die Exekutive ergreift hiezu die Initiative und ersucht die kommunistischen Parteien in allen Ländern, zu diesem Zwecke eine Sammlung zu eröffnen, sie bittet be~ sonders die französischen Genossen, ihr in der Erfüllung ihrer Aufgabe beizustehen. Sowjetform derjenigen der Kommune widerspricht. Lenin wollte die gefallene Kommuno wieder . auf rieh ten; Kautsky die lebendige, wirkliche Kommune ztv Falle bringen. Lenin hat nach dem Wesen, Kautsky nach der Form der Pariser Kommune geforscht. Und das Wesen der Pariser Kommune ist es, das sich in einem, halben Jahrhundert Arbeiterbewegung fortsetzte, und in der Sowjetrepublik seinen neuzeitigen, lebendigen, erfolgverhetßendeh Ausdruck findet. Es ist daher völlig müßig, danach zu forschen, ob das durch die Sowjets geübte Wahlrecht demjenigen der Kommune entspricht, ob die Zahl der von den Sowjets gefangen gesetzton Geiseln derjenigen der Kommuno gleich ist und schließlich, ob die Sowjets sich in der Verteidigung gen-en die in- und ausländische Gegenrevolution derselben Mittel bedienen, wie die Kommune. Entscheidend für die Arbeiterbewegung ist lediglich die Frage: sind die Sowjets darin der Kommune ähnlich, daß sie wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der nervo rbringlon den gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form sind, unter der die Ökonomisohe Befreiung der Arbeiter sich vollziehen könne — —. Gelangt man endlich zu dieser richtigen Erkenntnis, dann wird man getrost auf die geschichtlichen Vergleiche verzichten, zumal es sehr leicht fiele, Vergleiche, die die Auffassung Lenins bekräftigen und auch solche, die für Kautsky sprechen, zu erbringen. Denn die Pariser Kommune hatte ja Sonnen- .und Schattenseiten, in ihrem Wirken hatte sie Vorteile und Fehler und so läßt sich, ja alles nachweisen, wenn man eben nur die äußere Form und nicht das innere Wesen dieses geschichtlichen Ereignisses erkennt. So z. B. kann man aus der Not der Pariser Kommune, die laut Schilderung ernster Augenzeugen, sowio nach dem Urteile aller objektiven Geschichtsschreiber, darin bestand, daß die Kommune kein klares Programm und keine Klarheit über die anzuwendenden Kampfmittel besaß — eine Tugend konstruieren, indem man sagt, die Kommune habe eben nicht diktatorisch herrschen wollen. Auch kann man die Fehler der Kommune, die darin ihren Ausdruck fanden, daß sie ihre Feinde gewähren ließ, daß sie ihre eigenen Kralle nicht organisierte und sich in entscheidenden Augenblicken als aktionsunfähig erwies — als einen Beweis dafür bringen, daß die Kommune eben gegen den Terror war.. Umgekehrt kann man, wenn man nur auf das Aeußere bedacht ist, eine Aehnlichkeit zwischen Kommuno und Sowjet darin erblicken, daß beide gegen die Nationalversammlung zu kämpfen gezwungen waren, daß die Sowjets gleich der Kommune von allon Seiten verleumdet und begeifert werden und schließlich, daß die Sowjets gleich der Kommune von der ,,äußersten Linken" gemeuchelt werden, indem Kautsky gleich Louis Blanc sich in das „Lager von Versailles" beigab und heiligen Krieg gegen die Sowjets führt. Aber, wie gesagt, darauf kommt es ganz und gar nicht an. So gewiß es ist, daß die Kommune Fehler, ja verhängnisvolle Felder beging, so gewiß ist es, daß auch die Sowjets schwere Irrtümer begehen. Die Politik überhaupt, und die proletarische besonders, ist eben gegenüber der exakten Wissenschaft im Nachteile; man kan» in der Politik nicht wie an Meerschweinchen experimentieren und erst nach bewährtem Versuch, diese oder jene Methode in der menschlichen Gesellschalt anwenden. Und so macht man eben in der Politik Fehler. Das Wichtigste ist jedoch, daBt das Ziel, „die ökonomische Befreiung der Arbeiter." nicht aus den Augen gelassen und daß das Mittel hiezu, die „Regierung der Arbeiterklasse" an« gewendet wird. Und darin ist eben der Unterschied zwischen unseren großen Lehrern und Meistern Marx und Engels und den ihnen ungetreu gewordenen Sohülern zu suchen. Während Marx das wahre Wesen der Kommune erkennend, sich auch sofort und ohne jeden Vonbehalt mit ihr solidarisierte, sie stolz als „die glorreichste Tat unserer Partei1* — der ersten Internationale bezeichnete und die Kommune gegen eine Welt von Feinden verteidigte, haben seine Sohüler das Wesen der Sowjetdiktatur verkannt und sieh als deren wütendste Feinüe hervorgetan. Während Engels zwanzig Jahre später in seinem Vorworte zum „Bürgerkrieg in Frankreich" die Pariser Kommune mit demersten Versuche einer Diktatur des Proletariats identilizierte, indem er schrieb : „Der deutsche Philister ist neuerdings wieder ir heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktaln: des Proletariats. Nun gut! ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pa rEser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats." betrachten es seine Nachfolger geradezu als ihre heilige Aufgabe, die Diktatur des Proletariats in der Forit des Sowjetsysiems zu Falle zu bringen. Gewiß, Mars und Engels haben auch die Fehler der Kommunt rechtzeitig und richtig erkannt. So schrieb Matfx an 12. April an Kugelmann, wenn die Pariser unterlie g)en, so würde die Schuld an ihrer „Gutmütigkeit" iie gen, sie hätten sofort auf Versailles marschieren sollen nachdem die Truppen und der reaktionäre Teil dej Nationalgarde das Feld geräumt hatte, aber sie hat ten aus gewissen Bedenken den Bürgerkrieg nicht er öffnen wollen, als ob die boshafte Mißgeburt Thier! ihn nicht schon mit dem Entwaünungsversuch, Paris begonnen hätte. Aber wenn auch unterliegend, sc wäre die Erhebung der Pariser die glorreichste Ta unserer Partei seit der Juniinsurrektion." Am 13. Ma schrieb Marx an Leo Frankel, Delegierten für da; Appartement der öffentlichen Arbeiten: „DieKommuni verschwendet, wie mir scheint, zu viel Zeit mit Klei nigkeiten und persönlichen Streitereien. Offenbar wirken noch andere Einflüsse mit, als die der Arbeiter.' Aber das hält Marx nicht ab, mit Herz, Seele und G him ganz für die Kommune zu sein. So schreibt er i dem oben bereits zitierten Briefe an Kugelmann: „We che Elastizität, welche historische Initiative, welcl Aufopferungsfähigkeit in diesen Parisern! Nac sechsmonatlicher Aushungerung und Verruinierur durch inneren Verrat noch mehr als durch den au wärtigen Feind, erheben sich, unter preußischen Baj netten, als ob nie ein Krieg zwischen Deutschland ur Frankreich bestanden habe und der Feind nicht noc vor den Toren von Paris stehe! Die Geschichte h kein ähnliches Beispiel ähnlicher Größe!" Also Maröc. Und das heutige sogenannte marxis sehe Zentrum? Auch dieses ist bereit, Sowjetrußlan gegen eine Intervention von außen in Schutz zu ne men, wenn dieser Schutz auch nur in schönen Worte zum Ausdruck kommt. Wogegen Kautsky aber nich einzuwenden hätte, ja, was er eigentlich herb« wünscht und mit seinen marxistischen Kenntnisse fördert, ist der Sturz der Sowjets von innen dur' seine russischen Gesinnungsgenossen — die M sohewiki. Was Marx persönlich entschieden abgelel hat, hat das marxistische Zentrum zum eigentlicr Inhalt seiner Politik gemacht. Denn schon in c ersten Internationale waren die englischen GeAve: schaftler mit der Marx'sohen Auffassung der Kc mune nicht einverstanden unu" es kam so weit, d zwei Führer des Trade Unionismus — Lucraft u Odger, die dem Generalrat den Internationale anj hörten, wegen dieser Meinungsverschiedenheit aus d Generalrat austraten; sie wollten eben die Verantw turig für die Kommune nicht übernehmen und ver teilten deshalb die Mftrx'sche Adresse an den Gener rat. Meisterhaft schildert Franz Mehring in sein Buche „Karl Marx" diesen Streit in der Internal nale: „In späteren Jahren ist Marx auch von sozi demokratischen, immerhin vereinzelten Stimmen gc delt worden, daß er die Internationale gefährdet hal indem er sie mit der Verantwortung für die Kommn belastet habe, die sie gar. nicht zu tragen hatte, hätte sie ja gegen ungerechte Angriffe verteidig kennen, aber sich vor ihren eigenen Fehlern und M griffen bekreuzigen müssen. Das wäre so die Tak liberaler „Staatsmänner" gewesen, die Marx nicht folgten konnte, eben weil er Marx war." Das Marxi sehe Zentrkim ist eben nicht Marx, sonst würde schon längst das wahre Wesen der glorreichsten al Taten der modernen Arbeiterbewegung seit der 1 rfiser Kommune — der Sowjetrepublik verstanden ben : das wahre Wesen, das darin besteht, die „Regierung der Arbeiterklasse" zu sein. a. s.

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