Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 7 (24.2.1921)
- Date
- 1921-02-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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SEITE 2 FREIE TRIBÜNE Genossen, Freunde! Der Kampf unserer Partei für die Revolutionierung des Proletariates hat schwere Opfer gefordert. Manche unserer besten Genossen schmachten monatelang, von schweren Strafen, ja vom Tode bedroht, in den Krallen der polnischen Justizbestie. Wenn wir ihnen auch nicht die ersehnte Freüie bringen können, so sind wir verpflichtet, ihre Leiden zu mildern. Unsere bisherigen Anstrengungen vermochten den ganz außerordentlichen Erfordernissen des Inhaftiertenfonds nur in einem geringen Maße gerecht zu werden. Die Parteileitung hat daher beschlossen, unsere Genossen und Freunde aufzurufen und ihnen die Pflicht aufzuerlegen dem Inhaftiertenfonds nach Kräften einen größere Betrag, mindestensaberdenVer dienst eines Tage zuzuwenden. Genossen und Freunde! s Die Erfordernisse des Inhaftiertenfonds sind in de n letzten Tagen außerordentlich gestiegen. Wir erwarten daß Ihr uns helfet, ihnen in vollem Mtic £(ie.ht?u wer den. rührt sofort die Beiträge an das Partei- Sekretariat ab! DIE PARTEILEITUNG da kam der IL Kongroß und entschied: Nur wer zur Aktion für dir? proletarische Diktatur bereit ist, kann in di'' Hf. Internationale eintreten, Und nun geriet das Zentrum wieder in Bewegung. In Wien, in der Stadt, wo man immer von Ue v o 1 ii I i o n g e s p r o c h e n und immer Koalition g e m a c h i hat. gaben sio sich ein Stelldiehein. Die d e 11 t s e Ii - <•') s t e r r e i e h i s c Ii e Sozialdemokratie, das klassische Beispiel einer Partei, die zu gleicher Zeit einen, eventuellen Präsidenten einer eventuellen Sowjet-Republik - Friedrieh Adler - und einen /einer crVristliohso/.ialen besitzt, soll die Gast- Arbeiter-Zeitung-' stolz einzige Stadt, die einem beunruhigt, nach Wien, geeilt, um hier Wullen zu sehmiodoii zur Abwehr dieses frechem Anschlags zweier Renegaten — M,iuerand und Pilsudski — oder wollen gar die Unabhängigen die große wirtschaftliche Krise, die jetzt alle Siegerstaaten erschüttert, dazu benützen, um durch eine große emheitliche Aktion der Arbeiterschaft aller Länder mit der kapitalistischen' Wirtsohaftsanarehie endgiltig aufzuräumen und diesozia* listischc Ordnung zu errichten? Mehls von all dem. Die Unabhängigen führt nach Wien eine weit größere Gefahr, eine schlimmere Sorge: (Hof G e f o, h r des Bols e h e w i s m ü s, die Sorge, es könnte der H l. Internationale vielleicht gelingen, über die Köpft; aller Unabhängigen hinweg, die Wehre voluüon. doch zum siegreichen Ende zu führen. Sowjelrußland stellt unbesiegt da; England istjim. Begriffe, einen Handelsvertrag mit rihm zu schließen, das amerikanische Kapital scheint auch geneigt zusein, mit den Bolsehowiki wirtschaftlichen Frieden zu schließen; Polen wird, wohl oder übel den Vertrag von Riga Unterschreiiben müssen und Deutschland, von der Entente zu fünfzigjähriger Sklaverei verurteilt, beginnt nun einzusehen, daß die einzige Möglichkeit eines wirtschaftlichen Aufschwunges in einer Anlehnung an Sowjetrußland zu suchen ist.. Diese iür die kommunistische Partei so günstige Perspektive hat das m a rx istische Z e n t r u m in B e w ogung g e - setz t. In Bewegung nicht für, sondern g e g e n M o s Je a u. Und so, sehen wir in. Wien einen ausgesprochenen A n t i k o m m u n i s t e n - K o n g r o ß, versammelt. Zu den von Marx bezeichneten Mächten, die sich gegen den Koromtunsmus seit jeher und auf immer verbündeten, gesellen sich nun die edlen Kitler von, der traurigen Gestalt — welche Ironie des Schicksals" — das „marxistische- Zentrum. Und es ist Pflicht eines jeden aufrichtig denkenden Kiasseiduimpfers, den Wiener Kongreß Olfen und unzweideutig als einen antikommuiustischen Kongreß zu bezeichnen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß die Wiener Konferenz sich in hohem Maße der Moskauer Terminologie bedienen wird. Das scheint ja nun einmal der Fluch der Unabhängigen zu sein, daß sio nnmer nach Moskau* zu streben vorgeben und stets gegen Moskau kämpfen Erinnern wir uns doch, wie es war! Als der ersie Grün.dungskongreß "nach Moskau einberufen wurde, als die siegreichen russischen Proletarier sich an hre kämpfenden und leidenden Klassenbrüder ganz Europas mit dem Rufe zur Schaffung der III. "intornationalo wandten, da erklärten die Unabhängigen aller Länder, sio wären mit Herz und Hirn bei den russischen Brüdern, sie lehnten es jedoch ab, nach Moskau zur Gründung der III. internationale zu kommen. Sie gingen vielmehr nach Born und stellten zunächst Versuche an, die am 4. August 11)14 in Schmach entschlafene IL- Internationale — konkret die Herren B r a n t i n g, 11 o n d e r s o n,. T h o m a s und N o sk e zu ,,r e v o 1 u t ioni e r e ir\ Sie gaben vor, den Gedanken der proletarischen Diktatur in das Gehirn Vanderveldes einpflanzen zu wollen, und als dies voll ständig mißlungen war, wandten sie ihre Blicke nach — Moskau. Line Partei nach der anderen erklärte ihren Austritt aus der IL, keine den Anschluß an die III. Internationale Als wollten sie selbst ihre Stellung symbolisch im proletarischen Emanzipationskampf bezeich* nen: Auf dem Scheideweg wählten sie ihren Platz. Moskau wuchs inzwischen zu einer internationalen Macht heran und lud die Genossen vom marxistischen Zentrum ein, endgiltig zu wählen: Den Weg, der proletarischen Diktatur oder, den Sumpf der Koalitionsregierung. Und nun beginnt, der Eiertanz aller Unabhängigon: Man schwört auf die proletarische Diktatur als Programm und verteilt deren konkrete Forin in Rußland. Man verurteilt das Programm der Reclussozialisten und geht mit ihnen Hand in Hand au die Bekämpfung dos Kommunismus. Eine Zeitlang sollte diese Zwittorstellung durch Verhandlungen mit Moskau verschleiert werden. Doch breitschultrigen Staatsknnzl Regierung - Karl L e n n e i geberin sein. Vorgeblich wirft sich die in die Brust: Wien sei die internationale^ Sozialistenkongreß genügenden Schutz und ausreichende Gastfreundschaft bieten kann. Sie weiß allzu gut. daß ein. antikonnnunistischer Kongreß, wie die Wiener Konterenz es ist., auch in der deruo kratisohon. Schweiz oder unter dem Szepter dos Ministerpräsidenten seiner Majestät, l'.ranting, in Stockholm, ja selbst .unter dem Schutze Lloyd Georges jederzeit tagen könnte. Denn alles, was sich honte gegen Moskau rührt und vereinigt, kann auf das unbedingte Wohlwollen, wenn nicht gar auf die tatkräftige Unterstützung der Ententemächte rechnen. Die Arbeiter-Zeitung freut sich auch darüber, daß die Wiener Arbeiterschaft nunmehr für all das entschädigt werde, worum sie im .iahre 101:1. durch den Krieg betrogen wurde. Die Wiener Arbeiterschaft soll nun den Enkel Marxens, Jean Longuei., die mutigen Unabhängigen Deutschlands, die tapferen Menschewiki Rußlands bei sich begrüßen dürfen. Die „Arbeiter-Zeitung" verschweigt aber absichtlich, daß die U n ab h ä n g ige n Deutschlands am -1. August 1D14 für die Kriegsk r e d i t o gestimmt haben, und d;a ß s i e es war, die diesen Tag als d e n T a g d e r d outs c h e u N a - Hon. gefeiert hat. Weiters verschweigt, sio absichtlich, daß doi> 1 n t e r n a t i o n a 1 i s m u s .Jean Longuets sehr junger Herkunft, u. zw. vom .1 a Ii r e 1017 stammt. Bis dahin hat Longuet g e me i ns a m m. i t Albert T h o in a s und .lules Guesües die „h e i l i g e E i n i g k e i t" gepredigt. Nun, 'daß der Enkel Marxens v o n R e n a u d e 1 begleitet wird, das wird die „Arbeiter-Zeitung'- der "Wiener Arbeiterschaft doch nicht verraten. Daß die Herren^ Daszynski, Diamant und Pilsudski. ebenfalls auf der W ener Konferenz vertreten sein wollen, darüber macht sich die ,Arbeiter-Zeitung" keine Gedanken. Die Konferenz ist ja souverän und soll erst selbst darüber entscheiden. Mag denn die Wiener Konferenz einen Burgiriedler und kriegsbegeisterteu Sozialpatrioten mehr oder weniger beherbergen. Sie ist und bleibt ein. Kongreß gegen die Kommunisten. Das soll sich die Wiener Arbeiterschaft merken, dann wird sie ganz wenig Anlaß zur Proude oder gar zum Jubel empfinden. Denn wenn heute i'ü r klassenb e wüßt e P roletai c r irgend e i n e A u f g a b e besteht, die unzweideutig, unaufschiebbar und erstrebenswert ist, so ist es die V e r leidig u n g der russische n K 0 mm un e, die V e r t e i d i g u n g der prolctaris o h on D i k t a t u r u n d d e r Schutz d.e rSo w- 1 e l - R e p u b 1 i k. Nun denn, «mag die Wiener Konferenz beschließen, was immer sie für "gut findet, die Arbeiterschaft Wiens und der ganzen Welt wird nur nach einem fragen: Wie Vodonkt Ihr die russische Sowjet-Republik "zu schützen, wie gedenkt Ihr die heimischen Imperialisten zu bekämpfen, nicht, mit Worten, sondern welche Aktion'gedenkt Ihr sofort zu unternehmen, damit Eure Uegierung mit Sowjet-Rußland Frieden schließe? Mag also die Wiener Konferenz noch so gelehrte Dispute abhalten und wissenschaftliche Thesen aufstellen, sio ist z u s a m m e nig e t r o t e n z u r B »• - , k ä m p f u u g d es K o m m u n i s m u s, zur Absage au 'die prolelarisdie Diktatur, zur Vereinigung der Sowjetrepublik. Das i.s't das .Entscheidende. Sie ist ein antikon.- mmusfischer Kongreß und wird als solcher in die Annaion der Geschichte der Arbeiterbewegung eingehen. Eingehen! Jawohl, denn zu tief wurzelt der Gedanke der proletarischen Selbstbefreiung in den Arbeite rmassen, als daß eine noch so gut beschieivte Wiener Koni'oreuz imstande wäre, die Idee der Welirovolution aufzuhalten. Der jüdische Arbeiterkongreß. Dreißigtausoud Juden vorlassen jeden Monat ihre Wohnstätten in Polen und wandern mit Weib und Kind aus dem Lande. Aus Litauen und Weißrußland strömen hunderte jüdischer Familien über Danzig zu ihren Verwandten in Westeuropa und Amerika. In dor Ukraine. Galizien und Rumänien harren Hunderte, Tausende auf die ersto Gelegenheit, auszuwandern, um neue Lebens- und Erwerbsmöglichkeiten zu finden. A'd dies geschieht und wird noch lange geschehen im vollständigen Chaos, ohne jede Organisation, ohne jeden Plan, ohne jeden Versuch einer gesellschaftlich orga - nisierten Einflußnahme. Wold ist der Zusammenhang zwischen den jüdischen Massen Amerikas und Osteuropas so innig, daß es derzeit die Sorge Tausender und Abertausondor in Amerika 'ist, diesen wandernden und zur Wanderung bereiten Massen, die Möglichkeit der Ueberfahrt zu bieten. Aber gerade darin liegt die Tragik unseres go - sellschai'tlichen Lebens. Denn diese individuolle Hilfsbereitschaft ist im besten Falle in der Lage, viele vom Tode zu retten, sio ist aber nicht imstande, diese Ge retteten neuem prodidctiveh Schaffen und sicherem Erwerb zuzuführen. Die individuelle Fürsorge nimmt hie und da auch die Form; einer gesellschaftlichen Aktion an, und zwar in 'der Weise, daß; sich jenseits des Ozeans Landmannschaften bilden, die sich die Aufgabe stellen, die Hilfe nii-ht von Person an Person, von Verwandten ah Verwandten, sondern von Lands mannschaft an Landsmannschaft zu leisten. Auoh mehren sich jetzt die Stimmen in Amerika-, die die „Hajas"- Hitfo für die Emigranten neu organisieren, auf gesellschaftlicher Dasis begründen und sogar die Wanderer selbst zur Leitung und Organisation heranziehen, wollen. Man spricht in Amerika viel davon, daß, man in jeder Stadt und jedem Bezirke Polens und Osteuropas die örtliche Bevölkerung zur Regulierung der Wände rung heranziehen und eine entsprechende Organisation schaffen soll. Dies alles entwächst aher nicht dem Kähmen einer teils philautropischen, teils verwandtschaftlichen Hille. Ais solche ist sie eben auch nur befähigt, mehrere Tausende vor Hunger zu schützen, ist aber keines - wegs in der Lage, den in ihrer Existenz ruinierten, zur .Auswanderung bereiten Tausenden neue sicher« wirtschaftliche Positionen zu gründen. Noch mehr — selbst die individuelle verwandtschaftliche Hilfe hat oft deract anarchisch ungeregelte Formen, daß sie die Anstrengungen dor Verwandten zunichte machon. So z. B. mehren sich die Fälle, in welchen die aus Amerika, gesandten Einreisebewilligungen die Auswanderer hier nicht mehr antreffen und so geschieht es oft, daß, während diese in irgend einer / mitteleuropäischen Hauptstadt das Visum wochenja monatelang erwar - ton. die Einreisebewilligung in irgend einer Provinz - stadt auf der Post als unbestellbar liegen bleibt. Das Martyrium der Wanderer auf den verschiedenen Durciizugssti-aßen Mitteleuropas erübrigt sieh zu schildern. Und was die Hauptsache ist: Weder die individuell verwandtschaftliche Hilfe, noch diejenige der Landsmannschaften oder die große geseÜschaftlicho Relie! - Hilfe in der Art und Form, wie sie bis heute organi -' siert ist, ist dazu befähigt, einen, wenn auch nur kleinen Teil der jüdischen Arbeitendein in den Län - dorn Osteuropas neuer produktiver Tätigkeit zuzuführen oder sie in ein Land zu bringen, wo sie dauernd gesicherte wirtschaftliche Funktionen auszuüben ver möchten. Deshalb ist der Ruf nach einer "roßen interparteiischen jüdischen Arbeiterorganisation aller Länder so begründet, deshalb ist die Schaffung einer ernsten Aktion iür die Regulierung der jüdischen Wanderung geradezu das Gebot der Stunde. Deshalb müß so rasch als möglich ein Kongreß aller jüdischen Arbeiterorganisationen zusammentreten und; die gemeinsame Organisation schaffen. Es handelt .sieh keinesfalls darum, irgend einen Parade-Kongreß zur Proklainierung irgend welcher „jüdischer Rechteli oder gar zur Erhebung feierliohor Proteste einzuberufen. Der Kongreß hätte die einzige eine Welt-Organisation der jüdischen Proletarier! zu schaffen, die die individuelle Hilfo zu vergesellschalt - liehen, die gesellschaftliche Hilfe zu organisieren und weiter auszubauen hätte. Konkret — die Arbeiterorganisation muß befähigt werden, jeden Hilfsgroschen so zu verwenden, daß er entweder zur Produktivierung an- Ort und Stelle oder aber zur planmäßigen Ausvvanderung dient. Im fetzten Falle muß das Netz dor gemeinsamen Organisation derart ausgestaltet sein, daß es möglich ist, jeden einzelnen Wanderer an seiner- Wohnstätte zu erfassen, ihm die nötigen Informationen über Einwandorungs- und Arbeitsmöglichkeiten zu geben und ihn auch dorthin zu bringen, wo der Ein - wandorer am leichtesten einen ernsten und dauernden Erwerb finden kann. Wir täuschen uns keinesfalls übert die Schwierig - keilen, die bei Schaffung einer derartigen Organisation zu überwinden sind. Zunächst muß eine solche Organisation über sehr große Geldmittel und noch größere Organisationsfähigkeit verfügen- Wenn auch die jüdischen arbeitenden Massen nicht große Geldmittel besitzen, so ist es geradezu ein Verbrechen, die Mittel, die die jüdische Arbeiterschaft durch alle Arten der Hüfsarbeit - individuell - verwandtschaftliche, landsmannschaüiiche, die der Relief-Komitees — aufbringt, so zu verwenden-, wie es bis nun geschieht. An Organisationsfähigkeiten wird es bei einer gemeinsamen interparteiischen Ak - fion wahrlich nicht mangeln. Wir wollen uns auch nicht über die Schwierigkei ten hinwegtäuschen, die in den einander bekämpfenden Arbeiterparteien selbst, in ihren Traditionen und po - litischen Orientierungen begründet sind und die zu überwinden unbedingte Voraussetzung ist. Allein wir sind fest überzeugt, daß die gegenwärtige Lage der jüdischen Arbeiterschaft einerseits und der Aufgabenkreis einer gemeinsamen Organisation andererseits heute so klar umrissen sind, daß sie gerade eine ge-» eignete Plattform für eine interpartenscho Aktion bieten. Gewiß, wir werden unsererseits unbedingt darauf drängen — und wir glauben, daß die Wirklichkeit und die Entwicklungstendenzen ganz mit uns sind — daß die Produktivierung der jüdischen Massen an ihren alten Wohnstätten in der Weise vor sieh geht, indem sie der Urproduktion und der Landwirtschaft zugeführt werden; gewiß, wir werden unsererseits die ganzo Wucht der ernsten Argumentation der lebendigen jüdischen Gegenwart dazu benützen, um die jüüi-