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Freie Tribüne · 1921-02-24 · 7 (24.2.1921) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
3 (1921)
Issue
7 (24.2.1921)
Date
1921-02-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nicht die lästigen Ausländer, nicht das intetMiauonalo Sehioborgesindol, das Wien geradezu unsicher macht und von dem man am letzten Motallurbeitorkongreß sonderbarerweise zu hören bekam, daß es zwar „ein sehr unsympnlhisohor Handel — von ganz widerwärtigen. Erscheinungen, begleitet ist, dal.! aber in all dem Sohiobertum, iji dem er mitten drinnen steht, a.uch ein reeller ökonomischer Kern stockt," auch nicht die verschiedenartigen russischen und ungarischen Gegen revolutionäre a ia Dimitri Rubinstein. Nein, af.l diese erfreuen sich einer besonderen Beliebtheit und genießen im beschränkte Aufenthalts- und Bewegimgsf.rei.hoU in unserer demokratischen Republik. Gehetzt, verfolgt werden redlich und fleißig arbeitende jüdische Hand- und Kopfarbeiter, weichen das besondere Unglück .zugestoßen ist, in Galizicn geboren zu sein und erst nach' dem 1. August 101.4 die fabelhafte Gastfroimd schaffe der damals noch kr.iegs - trunkener^ Wienerstadt in_ _Ans^0ich .„ gmioramen zu habenT ITnd"Sies aÜes geschieht „i m Namen d e s B ü v g ermeistors der Stadt Wien a 1 :-> L a n d eshaiiptman n." Fragt man einmal, war - um gerade die jüdischen P r o l e t a r i e r und nicht die jüdischen Schieber ausgewiesen werden, dann wird uns die weise staatsmännische Antwort zuteil: „Die Sclüoher können wir nicht fassen, sie haben alle Aufenthaltsbew.il.ligungen". Als ob es nicht die Ab - sehaflungsbehörde wäre, die diese Auienthaltsbewilli - gungen ausstellt. Ja, gerade weil die jüdischen und die nichtjüdischen Schieber es sich richten können, ist 'die Polizei auf der Jagd nach den jüdischen Proletariern, andiesen will sie ihrer Ausweisungspfticht gerecht werden. Man schimpft über die reichen -Sudan und schlägt die a r m o n Teufel. Nun, es wäre gar nicht verwunderlich, daß eine christliehsoziale Regierung mit einer von der Mon - arohie ererbten Polizei diesen reaktionären Methoden auch weiterhin huldigt. Daß ein sozialdemokratischer Bürgermeister sich dazu hergibt oder sich gar dazu mißbrauchen läßt, das ist es, was Anspruch auf besonderes Interesse der Wiener Arbeiterschaft besitzt. Es war eine Zeit — im Oktober 1919 — da riefen, die Orel und ITrsin-Loiitc die hungernden Massen auf dio Straße, unter der Losung: 0 st j u d o n hina u s. Damals erkannte der Krcisarboiterrat Wiens sofort die reaktionäre? Gefahr einer derartigen Losung und er warnte die Arbeiterlschaft, diesem Ruf zu folgen. Der Kreisarbeiterrat erklärte in seiner Sitzurnr vom •>'(. September 1019: „Gewisse Konterrevolutionäre in Deutschester reich geben sich dem Wahn hin, daß die Zeit für ein offensives Vorgehen der Reaktion günstig sei. Neben den alten Schwarzgelben christliohsozialor Couleur die für die schuld- und schmachbeladene Habsburger- Dynastie •- allerdings nur indirekt — zu wirken wagen, erdreisten sich dnmmfreche Alldeutsche für ein „starkes Kaisertum Deutschland" zu agitieren, dem sie Deutschösterreich unterwerfen wollen. Als geeignete Methode konterrevolutionärer Propaganda 'möchten beide Richtungen die alten Methoden des russi schen Zarismus verwenden, der. durch das Aufgebot der „schwarzen Hunderte" stets versucht hat, den Kampf (tes Proletariats gegen Kapitalismus und Wo aktion abzulenken auf die Bahn antisemitischer Pogrome. Die Freindenausweisnngsverfügung der niederösterreichischen Landesregierung, die der Absicht entsprang, der entsetzlichen Wohnungsnot in Wien zu begegnen, wird von den monarchistischen Elemonten als bequemer yorwand für ihre dunklen Machenschaften benutzt. Sie wollen dio Judenhetze organisieren, nicht weil ihnen die Wohnungsnot des Volkes am Herzenliegt, sondern weil sie hoffen, auf diesem Wege wieder einem Monarchen Wohnungsgelegenheit in Wien zu vor schaffen. Der Kreisarbeiterrat verlangt, daß die Ausweisungsmaßrogel gegen Sei lieber, Schleichhändler, Preistrei'bcr und alle anderen parasitären Existenzen mit aller Energie unnachsichtlich gehandhabt werde und bedauert nur. daß durch sie nicht auch die inländischen Wucherer denn gleichen Schicksal verfallen, er fordert aber, im Geiste der internationalen Solidarität, ilaß Arbeiter, die nachweislich produktiv tätig sind — also nicht Schwindler, dio sieh erst nach Erlassung der Verordnung entschlossen haben, sich als „Arbei - ler" auszugeben -~, die Möglichkeit erhalten, ihr Bröl weiter an ihrem, bisherigen Arbeitsplatz zu verdienen.. Der Kroisarboitorrat überläßt die Verantwortung Ciiri die Durchführung der FremdenausweisungsVerordnung jenen Behörden, die sie ohne vorherige Fühlimgsnahme mit dem Arbeiterrat erlassen haben; er warnt aber die Reaktionäre aller Schattierungen \rcr dem Mißbrauch dos Kampfes gegen das Wohnuugs - elend für konterrevolutionäre Zwecke.'.Erl erinnert die Monai'chisten daran, daß die überwältigende Mehr-' ' * iieifcleF' Wiener Bevölkerung'' der arbeitenden Klasse" angehört, die sich die Herrschaft über die Straße nicht. streitig machen lassen wird.. Er warnt die Reaktionäre davor, den Bogen zu überspannen. Auch die, Geduld der Wiener Arbeiter mit den. deutschnationalen und cliristliehsozialen Konterrevolutionären hat i!> Grenze." Nun. sollte man glauben, daß die Sozialdemokrat! . sehen Bürgermeister und Landeshauptleute sich zu allernächst die Auffassung des Kreisar'beiterrates zu eigen .machen und mit allen ihnen gesetzlich zu Gebote stehenden IVüttel die gegenrevolutionäre Gefahr, die in jeder Antisemitenlosuug verborgen ist, unterdrücken. Weit gefehlt. ...... Wohl hat Landeshauptmann Reumann in seiner Ardrittsrede klipp und klar erklärt, daß er den Bo - schlaf.» des Kre isarbeiterratos achten und db jüdische« Proletarier unter seinen ,Schutz stellen wird. Allein seit damals sind Monate vergangen und in diesen Monaton sind Hunderte jüdischer Proletarier i ni N a m e n d o s B ü r g e r m e i s t e r s a 1 s Li a n d e s h a u p t m a n u aus Wien abgeschafft worden. Wir klagen nun die Wiener sozialdemokratische Gemeindeverwaltung vor aller Welt der Verletzung der internationalen Solidaritätspflichten an. Wir kennen die Argumente, die man für db Ausweisung der jüdischen Proletarier selbst in „guten" sozialdemokratischen Kreisen geltend macht. Wir konstatieren mit tiefstem Bedauern, daß diese aus dem christliehsozialen Arsenal stammenden SArguraentatio - uen nicht nur die sozialdemokratischen Vertrauensmänner, sondern auch dio Gehirne der gewählton Boj zirksarbeiterräte umnebelt und zur Verletzung internationaler Solidaritätspflichten verleitet hat. Die Wohnungsnot ist es hauptsächlich, die für die Ausweisung der jüdischen Proletarier vorgeschoben wird. Wir plagen nun die sozialdemokratischen Gemeinderäte Wiens an, daß sie bisher kein einziges Palais eines reichen Juden konfisziert und obdachtosen Proletariern zur Verfügung gestellt haben. Wir klagen sie au, daß sie an Stolle sozialer Wohnungspoiitik national-chauvinistische Politik gemacht haben.. Wir klagen sie an an, daß sie den obdachlosen Wiener Proletariern anstatt Wohnungen eine Judenhatz bieten. Nicht Mitleid beanspruchen wir für die jüdischen Prolotarier, auch nicht allein die Erfüllung internationaler Solidaritätspflichten fordern wirvon den sozialdemokratischen: Gemeinderäten. Dio" Wahrung der eigenste n Klasse ninterossen der Wiener Arbeiterschaft i s t e s, die wir verlangen. Wir erklären noch einmal.: der Versuch, das Elend der Wie* n er Arboitorsc h a f t d n r ch d i e An s \v ei * s u n g frera d 1 ä n diso her- A. r b e i t e r zu m i 1d e r n, ist ei n V o r s u e. h, d a s Khss'orb e w u ß t s e i n der Wie n o r Prolet a rior zu t r ü b e n, die Klassenge g e n s .ä t z e dur c h natio nal-cha u v i n i. s t i s c h e Hetze zu v o rsclil e i e r. n, d i e U n z u f r i e d e n h e i t d e r o b d a c h 1 o s e n 11 n d h u n g o r n d e n W i e n> o r A r b e i t e r s c h a It v o m H a u p t e. i Ii r e r ei g on e n A. u s b e u t e r auf das H anpt i h r e r au sg e b e u t e t e n K 1 a s s s e n g c ri o s s e n Ii i n zulenken und so die Kampfkraft, Schlagfertigkoit und Machtmittel des revolutionären Wiener Proletariats zu schwächen. Deshalb klagen wir die sozialdemokratischen Gemeinderätedes Verrates an der Wiener Arbeiterschaft, des Verrates am Klassenkampf, des Verrates an der sozialistischen Befreiungsidee an. Wir werden nicht müde werden, der Arbeiter -> schaft Wiens so oft diese Anklage zu wiederholen und zu begründen, bis der Kreisarbeiterrat Wiens seinen Beschluß vom 27. September 1919 wahr machen, die jüdiseben. Proletarier . unter seiner >Schutz -stellen-und die - sozialdemokratischen Gemeinderäte zwingen wird, dieser Schmach und Schande der Arbeiterausweistmgen ein Ende zu bereiten. Noch einmal und noch einmal erheben wir unsere Forderung: Ostjüdische und nichtjüdische Schieber hinaus! Aber nur . Schieber Die redlich Arbeitenden, mögen sie aus dem Osten oder Westen gekommen sein, bleiben hier unter dem Schutze ihrer Klassengenossen, der Wiener Arbeiterschaft. Antikommunisten-Kongreß. „Ein Gespenst gellt um in Europa — das Gespenst des Kommunismus. Ahe Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen djes Gespenst verbündet, der Pabst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radi- 0 kale und deutsche Polizisten." Marx: Komm. Manifest. Ks scheint nun einmal das Schicksal des sogenannten „marxistischen Zentrums" zu sein, 'immer erst dann in Aktion zu treten, wo es gilt, eine kommunistische Gefahr abzuwehren. So war es im ganzen Verlauf der est- und . mitteleuropäischen Revo-' lution. In Rußland bat die Kraft der ,,Iinernatioriaüsleivv nicht ausgereicht, eine ernste Aktion gegen rechts — gegen Kerenski und die Koalitionsregierung — auch nur zu versuchen; erst als es den ßolschewiki gelungen war, die Macht zu ergreifen, da schienen die M. a r t o w - L o u t e aufgerüttelt und zu einer A k t io n g e g e n d i e k o m m u n i s t i s e h e D i k t a t u r bereit.. So war es auch in Deutschland. Solange die famose Eberl-Regierung die Prioletarior entwaffnet, den kaiserlichen Generälen überantwortet, und die Reichswehr wieder aufgestellt hatte, fanden die XJ. n a b h ä ngige u weder Anlaß noch Mut, gegen die gegenrevolutionäre Regiererei mit ernsten Kampfmitteln auf/u- Iroten. Im Gegenteil, sie d e e k fc o n S u h e i d e - mann und Noske durch diu Entsendung eigener Vertreter — Haaso, Dittmann u. a. — in die Regierung. Erst als Spartalars sein Haupt zu erheben wagte und eine Diktatur von links drohte, da wurden die' Unabhängigen einige Tage wankend, stammelten verworrene Worte über Einheit, sozialistische Republik u. a. m. und schlugen sich tapfer g e g,e n S p a rt a k u s. Hnd nun versammein sich diese Unabhängigen aller Länder in Wien! Was fielit die Herren an? Ist etwa db Gefahr einer Gegenrevolution im Anzüge und gilt die Wiener Konferenz deren Abwehr? Sind die Unabhängigen etwa, durch den Besuch P i 1 s u d s k i s in Paris und die geplante neue Frühjahrsoffensive gegen, Rußland

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