Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 5 (5.2.1921)
- Date
- 1921-02-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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NR. 5 FREIE TRIBÜNE Wirkung gelangen. Die proklamierten Stre'-kzieie wurden ri::h: erreicht. Das war zum Tel selbstverständlich, weil viele der gesteckten Ziele nur durch die Revolution selbst, realisiert werden' könne t, zum Teil die Folge dar ungenügenden Vorbee-tung. Daß die.Reaktion im allen ihren offenen- und versteckten Repräsentanten die Situation so darstellest konnte, als ob es sjch um einen niedergeschlagenen Revolutioiisversuch gehandelt hätte, beruht unter anderem auch" darauf, daß die Aktion, trotz ungünstiger Machtverhältnisse, in mraehen Orlen einen piitschartigen Charakter aisiahm. Trotzdem es sich um einen Kampt handelte, bei dem, ein Teil der proletarischen Massen, vertührt durch nationaüstische und s-ozialpatriotlsche Politiker, jenseits der Barrikade stand, hätten zweUelfos auch äußere Teilerfolge erzielt werden können. In zahlreichen' Orten hatte der Stre:k jenen durchgreifenden, danei disziplinierten und ausdauernden Charakter, der, verounden mit Gleichzeitigkeit und bei allgemeiner Ausdehnung im ganzen Staate, auch oedeuteinde äußere Erfolge gezeitigt hanen würde. Während also äußere Enolge ausgßDlieben sind, die von den Tusar-Sozialisten vorgeschoDene Persekutionsregierang sjeto behaupten und einen „Sieg" verzeichnen konnte, reifen in Wirklichkeit die inneren Erfolge. Weiten Kreisen der Arbeiterschaft haben sich die Augen geöffnet. Wicht nur der bürgerliche Klassencharakter dei Staates hat.sich ihnen unzweideutig enthüllt, sie (haben nicht nur die bürgerliche Diktatur, die sich sonst durch formale Demokratie schamhaft maskiert, von Angesicht zu Angeweht gesehen. Mehr noch! Die Solidarität der Regierung mit den Tusarleuten machte es den Arbeitern sonnenklar, daß die Bourgcoisregierung ihre Machtmittel nur darum für jene „Arbeiterpartei" einsetzte, weil sie deren Führer mit Recht als Fleisch von ihrem Fleische, als ihre wertvollsten Exponenten und Ageuten betrachtet. Die Dialektik der Geschichte erweist sich immer wieder, auch jin kleinen Zügen wie hier, als beste Lehrmeisterin der Arbeiterklasse. Die bürgerliche Demokratie heißt: Massenverhaftung der Kommunisten, der wirklichen Arbeiterführer, Waffenge'brauch gegen die sich empörenden Massen — gleichzeitig Einzjug der Sozialverräter, Besitznahme des Arbeitervermögens unter dem Schulze bürgerlicher Watten! Diese Sprache versteht der einfachste Arbeiter, sie erschüttert sein Vertrauen zu den verräterischen Führern, macht ihn taub gegen die Lockrufe, durch welche diese die Schuld am Mißerfolge dem Kommunismus im die """Schuhe schieben wollen, um selbst als Retter der Arbeiterschaft zu erscheinen. - Der Arbeiter erkennt, daß nur organisative Mängel und Fehler, dje sich wieder aus diesen Mängeln ergeben, ihn um den Erfolg .gebracht haben. Die Erfahrung zeigt ihm, besser als jede Agitationsrede, die eiserne Notwendigkeit der, Existenz, ja der raschesten Schaffung der internatiocialem, revolutionären KarapforganisatHon: der .kommunistischen Partei, fcf lernt die 21 Äufnahmshedjngungen der III. Internationale rascher verstehen als durch noch so schöne theoretische Vorträge« Tatsäch'Ijch zeigt sich schon dieser innere Erfolg der Aktion. Während noch vor wenigen Monaten ein Führer der -tschechischen Liniken sagen mußte, das Proletariat sei psychologisch noch nicht reif zur internationalen orgunisativen Verschmelzung, es müsse erst gemeinsame Arbeit führen, um sich n'ahar zu kommen, stehen wir heute, d3_nk der Dezemberaktion vor neuer, vorgeschrittener Situation, Die Masse des revolutionären tschechischen und deutschen Proletariats hat den Nationalismus endgültig büerwunden. Zum ersten Male seit dem Historischwerden der tschechischen Nation hat sich das klassenbewußte tschechische Proletariat entschlossen gegen die eigene Bourgeoisie und deren Verbündete gewendet! Zum ersten Male haben sich überall in der Republik die klassenbewußten Proletarier alter Nationalitäten auf den errsten Ruf solidarisch ai sefare Seite qestellt. Die internationale kommunistische Partei in der tschechoslowakischen Republik, eine der stärksten Sektionen der III. Internationale, steht in Sicht! RUNDSCHAU. Schweiz. .GeSlfors Hut. Der Wahnsinn der kapitalistischen Wirtschaft tobt sich nunmehr auch im Lande der tyrannenstürzenden Grütlimütmer ohne Zwang und Schleier aus. Besagt ein romanisches Sprichwort, daß de ra-ndkaprigen Schweizer noch nichts Originelles oder Selbständiges geschalten haben — außer dem Kuhreigen — so wird es jetzt ohne Zweifel Lügen gestraft: denn Winkelrieds Söhne s'fld eben daran, der staunenden Welt und Geschichte etwas Neues, das noch nie dagewesen, zu zeigen. Das sich einst im weiser Voraussicht der kommenden Machtgelüste der stammverwandten, doch mit größerem kapitalistischen Ehrgeize begabten Nachbarstaaten in Neutralität und Bescheidenheit hüllende Kleinbürgertum der demokratischen Kantonländer — während des Weltkrieges durch das Blutgeld der von dem Imperialismus geschlachteten Proletarier'sich ausmästend und aufblähend — ist nun im Begriffe, an dem eigenen Reicht u in — arm und taliit zu werden. Nicht anders! Unter alten Staaten' Europas, die ihre „Neutralität" im Kriege wohl bewahrt und daran ihr „Glück gemacht" haben, ist es nun die Schweiz;, die m erster Linie an ihrem Glücke zugrunde geht. Ein wunderliches Schauspiel: Das Land der reichsten Währung in Europa, der Stegerm'ächte der Entente Gläubiger und Bankier, isr zu demselben Verhängnis des kapitalistischen Systems verurteilt und verdammt, wie sein schulden-beladener Nachbar, der Armen Aermster in Europa — Deut seligster reich. Wer bekennt sich da nicht Z'jm Fetischismus des Geldes, da es solche Wunder vollbringt; 2 100 im einfachen .. Recheaexempel der kapitalistischen Wertwähruna und -Vernichtung setzt. Dem außer Zweilei ist daß die Arbeitskrise, die jetzt den eidgenössischen Bund der Kantonländer betroffen hat, ihn bald an den Rand des Verderbens bpugen werden. Denn es fehlen ihm in erster Linie die Regulatoren und Auskunttsmittel, die den anderen von der UeberprodukM betroffenen Kapitalistenstaaten zur Verfügung stehen: die Kolonien und Absatzmärkte der „irejeri Einflußsphären". Die im Weltkriege von der Stufe des Kleinbürgertums zu der der Großbourgeoisie überspringende regierende Klasse der Schweiz sieht nun ihre Produktionsmögltchkeiten nicht bloß beerigt, sondern vielfach ganz in Frage gestellt. Denn die siegreichen Nachbarländer sind jetzt ebenso dem Import der Schweizer Friedenswaren abgeneigt, wie sie einst ihre Munitionskisten gern in Empfang nahmen. Die aufnanmsfähigen und -willigen Zentratmächte stöhlen vor den unüberwindlichen Hindernissen des Unterschiedes der Goldwährung, während, der Balkan- und Ueberseemarkt teilweise 'Surch Vereinoarungen mit der Entente, teilweise durch den Mangel der von der Schweiz benötigten Schiflstonnage — von ihr hermetisch abgesperrt ist. Unter diesen Umständen ist es erklärlich, daß die Wirtschaftskrise nicht bloß die einzelnen Wirtschaftszweige ergriffen hat, sondern bereits allgemein ist. Die für das' kleine Land der bürgerlichen Demokratie ungeheuerliche Zahl von 70.000 Arbeitslosen verteilt sich nicht bloß auf die Exportindustrie der Automobil-, Glas-, Schokolade- und Zellulosetabriken, sondern auch auf die den einheimischen Bedarf dekkende B erbrauerei und Konfektionsindustrie. Auch dieWohrumgskrisc, die durch die aus dem Auslande heimkehrenden Arbeitslosen hervorgerufen wurde, nimmt allmählich schreckliche Formen an. Den SturmzeicShen des drohenden Ausbruches des Bürgerkrieges gegenüber trifft d e Bourgeoisie ihre Vorbereitungen mit einer'Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit, die ihren Stammverwandten jenseits der Grenzpfähle alle Ehre macht. Der Bundesrat hat. letztens den eidgenössischen Räten in einem Rundschreiben die Verschärfung des Strafrechtes anempfohlen, um seine Bestimmungen zur Aufrechterhaltunq der verfassungsmäßigen Ordnung den zu erwartenden Unruhen der revolutionären Massenaktion anzupassen. Daß die gelben Sozialisten der Bourgeoisie &i die Hand gehen, bedarf kaum .wohl der Erwähnung. Denn ihre Energie wird mit der KampfabstLmmung gegen die III. Internationale schon wesentlich in Anspruch genommen und erschöpft. . ' . Agranstiruhen in Ägypten. Der Korrespondent des „New York Herald" berichtet aus Kairo über die gereizte Stimmung der zehn Millionen Farmer und Fellachen in Aegypten gegen die englische Verwaltung. Diese hat die Preise der Lebensmittel künstlich hinaufgeschraubt und nimmt den Fellachen die Baumwolle vu n-edrigen Presen ab. Die Einwohner Aegyptens sind gegen dje englische Verwaltung von einem unglaublichen Hasse erfüllt, wollen von e;nem Kompromisse mit England nichts wissen und verlangen die vollkommene Auflösung der englischen Verwaltung. Der bürgerliche Korrespondent sieht •u "dieser Empörung nichts anderes als den Einfluß jener revolutionären Stimmung, welche die ganze Welt ergriffen hat. i (Rosta, Wjen.) Die Reaktion in Jugoslavien. Am 1. Jänner smd unsere sämtlichen Organisationen gesperrt worden, vor allem d;e Eisenbahner Organisation. Die ganze Tätigkeit unserer Partei mußte eingestellt werden. Verhaftungen svnd bei uns im nördlichen Jugoslawien (Slavouie.nl nicht vorgekommen, wohl aber wurden unsere Lokalorgan'sationen usw. sofort (geschlossen und unsere Zeitungen eingestellt. Nach Berichten unserer Abgeordneten, die in Belgrad waren, soll der weiße Terror am ärgsten in Mazedonien wüten. Dort sucht man die Wähler auf und fragt sie, warum sie kommunistisch gewählt haben. Diejenigen, die erklären, aus Uebcrzeugung kommunistisch' gewählt zu haben, werden verhaftet, geprügelt und gemartert; die Zähne werden ihnen ausgerissen usw. ijexzt hatten wir während drei Wochen einen Bergarbeiterstreik, der in Slavonien keine (besonderen Spurein hinterlassen hat. In Serbien und Bosnien hat man nach "Beendigung des Streiks d.e dort ansässigen Bergarbeiter, die an dem Streik teilgenommen hatten, aus ihren Wohnungen getrieben, sie geprügelt, die zertretenen Möh'i in Eisenbahnwaggons hineingeworfen und de Bergarbeiter in ihr« Keiimat abgeschoben. So sind vor fünf Tagen 22 FamUien nach Laibach gekommen, die 15 bis 20 Jahre in Hreka gelebt und gearbeitet tattern. Der Terror der weißen Regierung ist ungeheuer. Die Soziialpatrioten spielen jetzt mit allem Eifer die erbärmliche Rolle der Hyänen der Schlachtfelder. (Rosta, Wien.) anderen europäischen Länder mehr vom Handel, als von de Industrie leben, sind die russischen Juden, im .Gegenteil, schon mehr in. der Industrie beschäftigt. "Und trotz der schrecklichen Entrechtung, der „Tschesta'% trotz dem Verbot, in den Dürfern zu wohnen — sind sie doch bemüht, den Weg zur Natur, zu der Erde zu finden. Es geht ein gewaltiger Prozeß, eine langsame Wirtschaftliche Umwälzung vor sich --; der Uebergang unserer Massen zu einer produktiveren und naturnäherem Arbeit. Die vordersten Ankäufer dieses Prozesses sehen wir in der Auswanderung. Die amerikanischen Ziffern! '/eigen uns, daß liier die produktive Arbeit schon fast zur einzigen Grundlage des jüdischen Lebens geworden ist, daß' der Proletarier hier der richtige Vertreter des jüdischen Typus ist. Wir haben keine Zahlen aus Palästina und ArgenÜ - uien, aber es ist kein Zweifel möglich, daß dort, in deu jungen jüdischen Kolonien und in den mit diesen Kolonien verbundenen Städten., die jüdische Arbeit noch produktiver, noch bodenständiger, der Natur noch näher ist, als in den Vereinigten Staaten. Ferner ist es auch kein Zweifel, "daß die Stellung der Juden, in Palästina fester, natürlicher, hängt weniger vom Spiel dos Zufalls ab, als selbst in Argentinien mit seiner verderblichen und vielleicht schon bankerotten l.-C.-A.-Kolonisation*). Auf hundert Erwerbstätige entfallen in Prozenten | Landwirtschaft \ | Induslrfc j Handel | und Verkehr j Pefsöniiche Dienstleistungen Freie Berufe, sozialer und Staatsdienst Rentier, unproduk-! tive und unbe-; stimmte Berufe \ Zusammen j In Judäa (Sladt und Land) In den 18 Kolonien von Judaa I 1 '!■! 17,4 | 26,6 i 15.6 6,5 ■■ 24,5 ) : 1 1 57.2 1 ,9 7,9 1,5 17,1 9,4 M 100,0 100,0 Tabelle 3 ) Anmerkung der Herausgeber:( Iiranischen wurde eine ausführliche Volkszählung in Palästina vom Palästinaauu in Jaffa im Jahre 1010 unternommen. Diese,, nachdem Tode des Verfassers veröffentlichte Statistik, die vorläufig nur die Judenheit in .Judäa umfaßt (Sefirat Jehude Erez- Israel. Band 1, Jehuda. Jaffa 5678) '^bestätigt voll und ganz Auf hundert Erwerbstätige entfallen in Prozente n Wirtschaftszweig Italien (1901) Deutschland (1907) Oesterreich (1900). Russisches Ansiedlungsgebiet (1897) Vereinigte Staaten (1900) Juden Insgesamt Juden Insgesamt Juden i lnsge- | samt Juden Insgesamt i,lden S" j......_ 1) Landwirtschaft 0,3 53,3 1,3 33,1 12,8 | 58,1 2,5 53,0 10,0 , 35/7 2) Industrie 8,7 22,4 21,9 37,4 27,5 j 22,3 :ic,2 14,6 48,4 \ 24,4 3 Handel und Verkehr 50,3 8,5 50,5 11,1 34,4 ■ L5i_. 34,6- :«:. 28,2 ' 16,4 4) Persönliche Dienstleistungen . 0,3 1,4 0,5 l,ü 5 2 2 2 11,9 11,2 11,8 19,2 5) Freie Berufe, sozialer und Staatsdienst 18,7 6,4 6,5 5,7 8,3 ' 4,5 7,2 8,2 j 6) Rentner, unproduktive und unbestimmte Berufe 21,7 8,2 ' IM " 11,1 11,8 J 7,8 7,0 5,0 Zusammen 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 J100.0 100,0 100,0 2. Tabelle Die Tabelle 2 zeigt uns, wie das jüdische V-nk bemüht ist, dem Leiden mil eigenen. Mitteln HeiKiikommeu. "Was sagt uns die Tabelle? Italien, das Land, das Land wo es so wenbi Juden gibt und wo die Juden ökonomisch, politisch und kultuic!) so gut stehen, besser vielleicht, als überall sonst in der Welt, das Land der jüdischen Minister und Professoren, der jüdischen Politiker, dieses selbe Italien weist die unproduktivste, ungleichmäßigste Berufseinteiluug der Juden auf. Mit der Landwirtschaft haben die Juden hier so gut wie gar nichts zu tun; von der Industrie leben; kaum 9 Prozent der Juden, und auch diese nicht als Arbeiter und Angestellte, sondern als reiche Unternehmer. Die Hälfte der italienischen Juden lebt vom Handel; tust alle Juden Italiens leben von der Ausbeutung fremder Arbeiter, die :4e noch dazu auf die unproduktivste Art und Weisse ausbeuten. Fast dasselbe sehen wir in Deutschlund. Die Juden smd hier fast zwölfmal zahlreicher als in Italien uud also auch unfreier, mit einer schlechteren Stellung im politischen Leben des Landes. Wir sehen aber, daß die deutschen Juden viel produktiver sind, als die italienischen: 22 Prozent deutsche Juden leben von der Industrie. l!nd doch ist die jüdische Rolle in Deutschland die Holle des ausbeutenden 'Kapitals. in Oesterreich gibt es doppelt so viel Juden, wie in Deutschland. In Gaiizien,. in der Bukowina und in Wien leben kompakte jüdische Massen. Und hier s^hen wir deutlich den Drang 'der Massen zur produktiven, naturnahen Arbeit. Schon mehr als der vierte Teil der Juden sind hier in der Industrie beschäftigt, es ist ein höherer Proy.ontsut/. als selbst bei der übrigen Bevölkerung. Und es sind ük-s meistens keine Kapitalisten, sondern kleine Handwerker und Lohnarbeiter. Ein Teil der österreichischen Juden arbeitet im Schweiße seines Angesichts. Fa.si, Li Prozent österreichischer Juden leben von der Landwirtschaft, mehr eis der zehnte Teil der Jude;, ist also in diesem Lande in die ersten, naturuächsten, bodeufestesten Stadien der Urproduktion eingedrungen. Auch in .Rußland merken wir das deutliche Stieben der Juden zur produktiven Arbeit: während die Juden aller