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Freie Tribüne · 1920-12-30 · 46-47 (30.12.1920) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
46-47 (30.12.1920)
Date
1920-12-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 46 -47 rochow. B o r o c Ii <> \v i s i d o r orsto \ ü d i c h o. sozialistische T h e o r o t i k o r. Versuche, dns jüdische Leben in marxistischer Beleuchtung darzustellen, wurden;iueh Früher gemacht: es war ahor nicht schulgereehio Siiiekarheit. Borochmv versuchte als erster mit TCrfolg in ..Unsere Plat'.fonn" mit groBeia Wissenseliaftliehen Yerstüruhus und marxistischer Mcthode die jüdische Wirklichkeit zu analysieren. Seine Studien über „die nationalen Fragen und Kla.isonintercssen"". ..die jüdisch^ Wanderunu" und andere irr(")ßero oder kleinere A.hliandlungen enthalten viele wertvolle Ansätze und fruelitlKire (tedanken auf dorn Gebiete marxistischer Forschung und bilden überhaupt den Grundriß für eine neue iüdisclic sozialistische Ideologie. Tu diesen Sehriflcn sind oft fundarneat.iV Grundgedanken elmnfiseli mit polenuseliem Parteikt.im und zufälligen Nebengedanken vermengt. Die hundigste und marxistisch reifste unter seinen Schrifter. ist crewiß die Anhandfung über ..Die Klasseninleressoa und die nationale Fratre1-. Auf dem Gebiete der Sozio logio hat er aber keine größeren Werke geschaffen. Verschiedene Umstünde haben ihn daran gestört. Horn cliow war auch ein hervorragender Kon her der Philosophie. Auel] auf diesem flebieie bat er einige teils vollendete, teils noch in Vollendung begriffene, originelle Arbeiten hinterlassen. So ■/. R. ist in Moskau unlängst ein bisher unveröffentlichtes Manuskript unter dem Titel ..Virtunlismus'- ersebinnen. das nicht nur ein erstaunliches Wissen und genaue Kenntnis der Philosophie und Kulturgeschichte, sondern auch' eine Fülle seiner eigenen, sehr interessanten Dcnkmothodcn und originellen Gerhinkouroiehfum zeigt. Seine unerschöpfliche T-eistiingsfühigkejt und v/uuderb'are Arbeitskraft bewirf er durch seine philoloai - schon Untersuchungen, die im ..Pinlsiis" und anderen amerikanischen Ausgaben dargcleel wurden. Auch auf dem Gebiet ist der noeb unveröffentlichte und unvollendet gebliebene Teil größer und bedeutender als der schon erschienene. Uu'd doch Indien ihn die wenigen SehriftWi zum g r ö ß t o n . i ü d i s c h e n P h i 1 o 1 o -/ und S -n r u e h f o r s e h o r und zur höchsten Autorität auf diesem fiebiete erhoben. Ja. Boi-oehow sehiod dahin am Vorabende d "r* hellsten und fruchtbarsten Tage seines Sehaffens. Seine lichtvolle Zukunft, di" nur vm-einzelte Strahbai übiu* seine Gegenwart verstreut lud. ist mir ihm v.u Grabe getragen worden. Das ist das Tragische an seinem Tod: Das Siot-ben so vieler Uoffnuu.g'cu und Fnfwieklun'rsmönrriehkeit. das Verrohen einer so verh'^rßungsvollen Zukunft. Boroebow^ Ted ist nicht nur ein unersetzlicher Verlust für die -nonlo-zionistisehe Partei, sondern auch für Vir« "finviijrl'.s<"'l"i'< ni-ol,-.t,v"i- «ehe KuTlur, für die ganze, ü'idiscbc sozialistische Wissenschaft. "Roroohow ist nicht mehr. U ■ Drei Jahre schon, drei .Tnhrr vergingen-, seitdem ■ dies" schreckbebon'' vier Worte eine birehtbare WumVi'j Politik und Wirtschaft. Die Konsolidierung unserer Republik schreitet nun vorwärts. Immer in der Richtung nach rechts, immer auf dem Wege zur reinen ungeschminkten bürgerlichen Ordnung. Wohl ist die Konsolidierung auch .äußerlich ziemlich schwer angekommen — man denke doch an die Tragikomödie der Wahl eines Bundespräsidenten — immerhin sollten die antirepublikanischen Mächte langsam aber sicher die Gewalt in ihre Hände bekommen, während der Bundespräsident bloß ein Spielball der erzrcaktioniären bürgerlichen Panteien zu bleiben verurteilt ist. Die Behörden, eingesetzt zur Wahrung und Durchführung der Bundesverfassung, scheinen nun einer anderen Meinung über ihre Aufgaben und Funktionen zu sein. So erlaubt sich z. B. ein von der Bundesversammlung gewählter Volksbeauftragter — Bundesminister — im eigenen Wirkungskreise seine Vollmacht an einen Stellvertreter zu übertragen. Unser Bundesminister für Jnneres und für Heerwesen hat in den letzten Wochen zweimal die Bundesverfassung verletzt. Zunächst einmal wollte der Minister des Inneren Ordnimg" in Wien herstellen. In einer Stadt, in der die Proletarier im Arbeitsmantel und im Waffenrock trotz des Hungers der Leiden und des völligen Zusammenbruches, seit zwei Jahren unermüdlich und aufopferungsvoll die Ordnung zum Nutzen der Reichen aufrecht halten. Daß der Herr Bundesminister diese Ver'assungsverletzung nicht sehr geschickt angepackt und daher sehr bald zurückgewiesen wurde, ist ja nicht Schuld seines ..guten" Willens. Die Polizei erkennt auch langsam das wahre Wesen der bürgerlichen Republik und muß früher oder später notgedrungen in das Lager der Proletarier übergehen. Nicht die kommunistische auch nicht die sozialdemokratische Agitation ist es, die die Sicherheitswache und Kriminalbeamten der Polizei auf die Straße geführt hat; Die sonderbare wirtschaftliche Ordnung, die seit dem-17. Oktober — dem Siegestage des Bürgertums in Oesterreich unermüdlich wieder hergestellt wird, hat auch den in strenger Disziplin erzogenen Polizeiangestellten die Augen geöffnet.. Auch sie wußten sich keinen anderen Rat, als auf die Straße zu gehen und gemeinsam mit ihren Klasseribrüdern, den öffentlichen Angestellten, Abbau der Preise zu verlangen. Kein Wunder, daß das Bürgertum in Empörung aufwallt. Ein demonstrierender Polizist. Wer vonder lebenden Generation hat solches jemals in der österreichungarischen Monarchie geschaut. Auch auf anderem Gebiete, und zwar wieder einmal dank der Ungeschicklichkeit des Herrn Bundesministers auf demjenigen der, bewaffneten Macht, ifsoll die Verfassung nrrigiangen werden. Ein k. k.- im TTerzon sehlnrren - und rloeh ist. nie Wunde so /^pensionierter Offizier wird vom Kabinettsrat mit der frisch und blutend nls ob es erst M/.t rtesehehen >vn i-r .^Stellvertretung dßs Herrn Bundesministers für Heenr ' Nim ist pnirh>""obrweder d-«-Borochow der ^e-|^wesen betraut. Die Herren hatten nicht den Mut. nrpRort w;ir uu?7 yn Worte kn.m north inner, der ersÄder Bundesversammlung die Wahl dieses Offiziers' Wime,, sollte. Für uns. seine Freunde ist viel ^^vorzuschlagen und glaubten nun, Herrn Müller im ^■™»pifVf>nOll Ykl y findb'eher und ^elünerzlichor der Verlust eliOTr. iTor dn kommen sollte, der nah 7U e'-sebei^en, "der sehen die Seh well 'die Schwelle seines eierenen In ienes W.r (lnrnn wnr. betreten hnhV •liehen Wunderlandes. n. ch;. /^eigenen Wirkungskreise zum Bundesminister fürHeeri wesen bestellen zu können,, Die Arbeiteröffentlichkeit ist sowohl im als auch miß erha 1 b des Parlaments auf beide Versuche einer Verfassungsverletzung aufmerksam gemacht worden. Die wirtschaftliche Entwicklung des iüdischen Volkes. Von Beer Borochow, Mnnd in F*nd m;t der [>.r(c.;H,inn,r r|c.. n^vr, WpHwir^Hiait nnn?m I.^ui'e des Ipt-'C! 'u'-'-liunde'-^- be'ni iiid^hen Volk c'ne newaltioe F?evo'uriri des u'-rf ••.r,,inffi'chiin r.iebc,Tis e'n'her. Äus e-nem Händlerm-rl V t'"' vo'k warbst c«? «?!rh au« 7« c;iT>ur V-nlk nrod''k!;'v «•'•lr'remjer Arba'k'i-. Prorluk+'v's'eruna" der iüd'-seHee Arb^t b ldct d:e ■jn^iovprchenc Tendenz; der iüdis^'ien W:rfscli:fft. Zuerst wollen wir abe- ^t.-tel'en. wodurrli swn d'is rkomornisehc Leben der hidev den?md^-;i Völkern f^'O'iüber aus^eiclinet worn d'e Ano'nii'y de-.;'"'d\s''tion W;rtsekaftsleben^ "be^ta>it Fs lohnt s:"h n-ch-, ev-^.qei ion sanrv- «5inn'"C-n Gn'usve'te'd'eer nx p-olem s'eren, d'^ di-n Abnormität der Lar,e njHit en-clic-i wollen Kehl •» Arnum?nte ^^crden A^enseben beke'uen. d;e dv^ sHn^t? und r'eut|;ch^l? Wirkllcihke'1; nicht ^chen unrl hören wol'en Abev d e Stnint? der G-olus-Ootimisten (lial schon nVe e'nst'ue Fcstinkeit verloren. Heute «"iht es keinen ernsten ßeok-w-fiter «-ff s iiidi^dun I ebens der niefit die A'mor'nität einsehe, die den öl<oro:ins.-nen Gnrndlagen der jüdis^pn E^istpn"; nidiafret. Worin d'esc ÄiKimali^e nedeh^, :st den Firsclu.'rn noch nicht klar qeworden Es knnnnt vir d iß e n AA.enseli iahrelann krank ist und Schmerzen 1i!it, ohne daß de Aeiv.tc nus- «findia machen könnten, wo die U'-;ic!-e de>- Kranklie'tscrschirnunaen lient. Es ist keim 7we:tel niöril eh. dnB w r e^ m'it einem Kranken zu tun hnoen Aber d e Kr-nikhe h ist n d.n- Enrwickluncj begriffen und der OruanVnius b'idst spoühn iene Lebenssäfte, die d ess Krankh? t b?kMiHpfcu ' sollen. So ändert sich 'ede^ lahr das Krankhet-bi'J, a wechseln die Stimptorne uJid keine Diagn-os-a vvi'll den Merkten cplirifjou. So steht es auch mit dem jüdischen Volksknmken -- er ist kejn pa<:s:ver, verzagter KraiiKer, der sieh v:>n der Krankheit venvehren läßt."Das jüdische Volk \rit, iiinqekehrt, iene inneren Kräfte entwickelt, die bestrebt sind, d e Krankhai; zu beseit;C]en und das organische Cde cheew chi w'edsrhfCrzustellen. DadurcJi erklärt'sich, daß de.s Kiarikhe'tsbüd sich ununterbrochen ändert und daß die sozialen „Herzte" unseres Volkes zu verschiedenen Z.-\l2\ so verschi-edeae Diagnosen gestellt haben." Vwr dreizehn, vierzehn Jahre i \v:<r bei den jdiiiscWin Sozialisten die sogejenarmte „Nicht-Pi-o.!etarisierii;]gs"-Tiieone die große Mode. Diese Theorie hat einen gesunden Wahr hie tskerri, doch war sie bei ihrem ersten Aultreten /ii primd'-v. Um sich lange halten zu können An längs h;eß e<: jüdische Prolclariat kann sich nicht proletarisiereu.' Der schreiende innere Widerspruch dieser Wörter brachte es bald dazu, daß dje Poale-Zionisten, die d ese TJieorie zuerst ausfindig (machten, sich auch zuerst von ihr abwandten. Von allen proletarisch-z'vonigtischcn Richtungen blieben die Zioniscnr Sozialisten (die „S.-S.'j am längsten bei d.eser unlogischen' Theorte, blieb auf deren Grundlage der beste Oekonomiist der S.-S., Jakob Leszczinsikl, der das Buch „Der Jüdische Arbeiter zu Rußland)' verfaßte. Dieses Buch wimmelt von wichtigen Gedanken und nicht weniger wichtigen Feh - lern*,'). s Zu sagen, daß der jüdische Arbeiter oder Proletarier „sieh nicht proletarisiert", ist ein Unsinn. Eniweder-oder: sind sie schon Arbeiter, so bedeutet d ei, daß sie schon proletaris;ert sind, aul'r.ehört haben, Eigentümer zu sein und nun iIne Arbeitskraft verlaufen; wenn s;c sich aber nicht prolelarisieteu, so können s.e doch nicht zu Lohnarbeitern werden. Ein weiterer Unsinn ist es, wenn eine jüdische und sozialistische und Arbeiierpartei erklärt, ihre eigenen Arbeiter können nicht Proletar er werden m richtigen sozialistischen Sinne dieses Wortes. D;c Anseht, daß seh d;e jüdische Arbeit nicht proletarisioren kenci, ist unrichtig. Derselbe im allgemeinen sehr ernst .ui nelnuende Natvonalöko-nom J. Leszcz.nski klagte;n seinem oben erwähnten Buch über den jüdischen Arbeiter (19066), daß: „es im Jahre 1897, vielleicht auch jetzt noch, in ganz Rußland kene einzige Fabrik gab, die tausend jüdische Arbeiter beschäftigte"*). Diese Klage ist über taLächlich unbegründet: in demselben statistischen Samtr.elbueh der J. C. A., auf das s:ch Lesezcinski meistens beruft, kennte er (Bd. II, S. 77) eine jüdische Tabakfabrik in Grodno IVnden (cShereschewskis Fabrik), die im fahre 1898/99 159-'i jüdische Arbeiter zählte. Diese Fabrik hatte e.ne 36 Plerdekrätte starke Dampfmaschine. In der lejcken und weitverzweigten Literatur über die jüdische wie auch über die allgemein russische Arbeiterbewegung sind *[) Hier soll erwähnt werden, daß der erste Schöpfer der „Zichl-Proletarislerunggs'-Thteorie Dr. Ch. D. Hurwitz war (1902), der sich nachher von ihr abwandte. Lieber die Ausstoßung der Juden aus ihren ökonomischen Stellungen schrieb noch vor ihm F. Pewsner jn der „Buduschtschnostj'. Ich betone, daß ich zu d,e: er Thejrie gehalten habe. Das ging soweit, daß ich d.e Poalc-Z'iouistsvlie 'Pairtei verließ, als sich die Poale- Ziouislen •« kurze Zeit (1903—1905) mit dieser TheoriQ Siciumtrugen, trotzdem ich 1900—1902 an der Gründung der Partei Ic.j'nelhini. Jedenfalls hatte diese Theoria nie ein ofik eilen E^uenzrechr bei den Poalc-Zionistsn. ■*) Ich habe das Buch ircht bei der Hand und zitiere na h dem Ccdächn's, 'ch bürg« aber für die dam Sinuc nach ricut ge Wedergobe Allein die parlameiitnrische Opposition und die Preß' kampagne haben nicht die gewünschte Wirkung er1 zielt. Der Herr Polizeipräsident hat sein Schreiben, mit dem er die Polizeibeamten ihres Verfassungs^ rechtes berauben wollte, nicht zurückgezogen; der Herr Generaloberst ist seines Amtes nicht enthoben. Die Arbeiterschaft Deutschösterreichs darf sich derartige „kldnc" Verfassungsbrüche nicht gefallen lassen, wenn sie es sich ersparen will, gegen große Restaurationsversuche erkämpfen zu müssen. Hier sollte unserer Meinung nach der Arbeiterrat auf die politische Arena treten und den Willen der Proletarier durchsetzen. Wenn das bürgerliche Parlament nicht ernstlich bestrebt ist, die bürgerlichrepublikanische Verfassung genau einzuhalten, dann muß eben da Parlament der Arbeitenden — der Arbeiterrat — die republikanische Ordnung wieder herstellen. Wir gehen uns gewiß über die derzeitigen Machtmittel des Arbeiterrates keiner Täuschung hin, wir glauben jedoch, daß er auch heute noch über soviel Macht verfügt, daß er jegliches Attentat bürgerlicher Minister auf die bürgerliche Verfassung, abwehren kann. Aber nicht liur auf dem politischen, sondern auch auf dem wirtschaftlichen Gebiete erwachsen dem Arbeiterrat große und ernste Aufgaben. Wirtschaftlichen Aufstieg, bessere und billiger Lebensuuttclveisorguiig und Lösung der Wofmungs frage haben die bürgerlichen Parteien im Wahl' kämpfe den verelendeten Massen für den Fall versprochen, als es gelingen sollte, die Mitregierung der Arbeiterschaft für die Zukunft zu verhindern; Und nun, da der Wahlsieg der Bürgerlichen die proletarischen Vertrauensmänner aus der Regienung' verdrängt hat, gingen die Christlichsozialen daran,' ihre Verheißungen an die Wähler zu verwirklichen.; Aber welche Enttäuschung. Die Preise der Lebens-' mittel sind gerade in den letzten zwei Monaten derart gestiegen, daß der wirtschaftliche Aufbau durch eine Welle von Lohnstreiks gehemmt wurde. Sehr bald sollten die Volksmassen sich anschaulich überzeugen, daß es der bürgerlichen ParJamentsmehrheit nicht um einen Preisabbau, nicht um eine bessere Versorgung, auch nicht um den wirtschaftlichen Aufstieg, sondern lediglich um den freien Handel zu tun war. Und so sind die Bundesminister» eben daran., alle während dGs Krieges und der Nachkriegszeit dem ,,freien" profitgicrigen Handel gesetzten Schranken, wegzuräumen und den ungeschmälerten Nutzen den Ausbeutern und Wucherern zu sichern. Man lese doch nur aufmerksam die letzte Regierungsverordnung, mit der der freie Handel' mit einem Volksbekleidunnsgegeiiätand — mit den Schuhen — wieder hergestellt wird, und man greift sich an den Kopf. Die Preise dieses für das Volk so wichtigen Bedarfsgegenstandes will diese weise Regierung durch die freien Gesetze von „Angebot und Nachfrage" regulieren. Angebot: Jawohl in sämtlichen Schaufenstern der Wiener Schuhwarenhändler werden sehr viele, tausende Paar Schuhe jedermann angeboten. Aber sind die in den Schaufenstern prangenden Preise nicht geradezu geeignet, die Bedürfnisse der arbeitenden Massen zu verhöhnen. Welcher Arbeiter, welcher Angestellte, ja welcher Kleinbürger vom Mittelstande ist denn heute noch in der Lage, sich und seine Angelangc jalne hindurch ausführliche Korrespondenzen über unzählige Streiks jüdischer Arbeiter in der russischen „Tscherta" erschienen. Beim Studium dieser illegalen Literatur fndet m:;n dort j:i den Jahren 1900—1905 eine Menge großer jüdischer Fabriken, n;<cht unter 50 solche, die zutn.ndest 100 jüdische Arbeiter beschädigen. So sind d-ort verzeichnet: die eben erwähnte Grodnoer Tabakfabrik mit 2000 Ärbeilern, eine Galaciteriewarcnfabrik in Warschau mit 1500, zwei Strcichhölzerfabrjken zu 800, eine Tabakfabrik mit 500, e;ne Porzelianr'abrik (im Städtchen Polonnoje) mit J100 jüdischen Arbeitern und so weiter. II. Zweiiellos hat die Auswanderung nach Amerika für den jüdischen Arbeiter n mancher Beziehung noch größere Möglichkeiten eröffnet, als d e industrielle Entwicklung seiner all eHne;mal.Wir haben ke;ne Statistik über jüdische Fabriken der Ver.e.nigleu Stauten, encs ab-r wissen wir bestimmt: obgleich sich Ii;er d;e jüdische Arbeit viel cinssitiger entwickelt hat, als;n Rußland, obg'eich sie sich h.'er fast ausschließlich auf die ßekie.duugsndastrie konzentriert, während sie sich in Rußland gleichmäßiger auf ■verschiedene Industrien verteilt, so hat sie hier do:h einen deutlich großkapitalistischen Charakter angenommen. So g bt es z. B. in Peterson große Webereien mit jüdischen Arbeitern. Rossnwalds bekannte Riesenkfeideri'abrk in Chicago zählt einige tausend jüdische Arbeiter. Dessenungeachtet stimmt es aber, daß sich de jüdischen Industrien nicht so intensiv entwickeln, v/je die nichtjüdischen. Selbst den Umfang der größten jüdischen Fabrik kann man nicht mit" den ungeheuren D.rnensionen der nichtjüdiscnjen Unternehmungen vergleichen. Solche gewaltige Unterneh^ mungen, wie die Pulilow-Werke, wie ^Krupps und Skodas Eisengießereien, wie die Fabriken von Ford gibt es be'i den Juden nicht. Von etwas Derartigem können wir nicht einmal träumen. Zu d.esen Rieienuuternehuun haben d.e jüdisiclien Arbeiter nur e;uen sehr beschränkten Zutritt oder aiiLich gar keinen. i D;e jüdischen Massen werden „proletarisiert", d.;r jüdische Arbeiter „industrialisiert sich'', aber das Tempo ist bei uns langsamer und d;e Entwicklung beschränkt und einseitig. Außerdem läßt sich nicht leugnen, daß die jüdischen Unternehmenzur Verkleinerung und Zerbröckelung der Produktion neigen, eine Erscheinung, die der bekannte Nationalökonlom S.' O. Mafrgofn „Die Individualisierung" der Industrie genannt tut. Ein Jude entschließt sich selbständig zu werden mit so knappen Mitteln und mit so armen Aussichten, daß ein Christ es an meiner Stelle nie wagen würde. Mit einem w'u-/.ii,e;i , Kap'.M" eröffnet der Jude eine eigene Unternehmung und w.rd zum , Kapitalisten1', wäurend sein christlicher Arbeit:., der vitl'e'ciu mehr Ersparnisse hat als

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