Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 46-47 (30.12.1920)
- Date
- 1920-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ks iM eine alle Wahrheit, daß auch die geiu.iisLen Mensch ui das Produkt nirer Zeil sind, iure üejuaiitiii uesloiit in der Jvrait ihrer Intuition, vermöge der sitj imstande sind, du« horauszuLüJuen, was au; znikunit Dringt, was sonst anderen Aiensenen versagt ist., J hrc Intuition hegt auch in der leinen j^mplinuucn,- keit, mit der sio Irülier als alle anderen die Jiodüfi - nisso und Forderungen ihrer Epoche herausspüren und ihre Gedanken in klaren Wunen, iorinulicrcn können darüber, was schon dumpl und undeuthen ni der Seele der Massen daih abrittet. Die Masse fühlt,, w .mü aber noch nicht Idar was und kann es doshaiD auch nicht aussprechen. Das Genie ist das Sprachrohr der AI aase. Ks ist die Außensxnegelung der innersten, noch unbewußten 'und nicht gestalteten Erlebnisse der ni asso. Borochow. schul* nicht den „Poaie-Zionismus", er hat aber den wissenschaftlichen Ausdruck und die .Begründung daiür gefunden, was schon in der indischen. Arboilerinasso zu Leben begonnen hatte .. . .. Es war damals eine schwere Zeit. Der Poalo-Zionisujus erschien nicht lange vorher aui der polihsehou Arena. Von allen leiten, von den bürgerlichen und proletarischen Parteien wurden wir belallen. Vicie unserer besten Organisationen wurden durch unsere igencu Genossen zerstört, die uul einniai hi der uuudistisohon und sej mistischen Theorie die, nahende Erlösung erbückten.: Dazu noch erdrosselte die politische :lfcCHkti<;-i^^ :rieuB;ii>-öe^^;.. .i.^-^v-.r. _* ratiiK&afr '^ die^'gaUze Theorie bestand nur in mündlicher Ueberiielerung, die tu den Wäldern Jbiiiter der Stadt, oder in den Kellern Lind Schlupfwinkeln der, Stadt erteilt wurde. Und. dann begann sich die Bewegung auszubreien, immer noch unklar und ■ ohne prägnant ausge - sprecheues Programm, bis endlich von Poltawudie ersten, klaren Worte unseres Lehrers kamen. Wir selbst vVaren erstaunt und bezaubert von der Logik und daren .Folgerichtigkeit unseres'Pidgramins,, das Boro- •Iiow formulierte, .ßorochow hat in seinen „Klassen - nierossen; und die nationale Krage" als erster ' die Marxistische Analyse der nationalen Präge versucht. Vis erster gab er die ldare; Definition des Begriffes .Nation", die: noch bis höhte nicht überwunden wurde und die die, Möglichkeit gibt, die eiistehende jüdische sozialistische Bewegung zu verstehen. Alle die früheren Erklärungen, die den Begriff, „Nation" mit der „Sprache!"» Keligion" oder „Territorium" verbinden wollten,* genügten nicht. In Anlehnung an einige. Andeutungen von Marx und Engels führt, ßorochow einen neueren Begriff „die Produldionsbcdingungeu" ein, und bezeichnet somit als Nation, die^üge „Gruppe von Menschen, die auf, Grund geiheiifsamer. Proddk - tionsbedingungon, gleiche psychologische Momente aulweist. Unter Produktionsbedingungen ^ersteht ßorochow die Umgebung, in der sich der Produktionsprozeß vollzieht, die, Entwicklung der Produktivkrähe vonsiatlen geht. Die Produktionsbedingungon teilt ßorochow in zwei Gruppen: Natürliche, das sind die Bedingungen, die vor 'dem Ansetzen der menschliehen Produktion gegeben waren, die ohne Zutun der menschlichen Gesellschaft entstanden sind,, also die klimatischen und geographischen Verhptiüsso, die Flora und Fauna des gegebenen Landes.; Dann historisch-gesellschailliehe Bedingungen, die im. Laufe der Entwipklimgi der menschlichen Gesellschaft"t entstehen; iüeher gehören z. B. die Beziehungen 'zwischen /svei Nachbarstaaten usw. ■•■>.. Der Begriff der- Produktionsbedingungen. ermog - lichte es ßorochow, eine logische und-' -: tiefe- Avialyso des nationalen Problems zu-'machenf;Wnd': er konnte auoh die Ursachen der 'nationalen.:^onÄild»;a;a!deckoi\, analog den Ursachen, die nach Marx soziale Konflikte Heryöri'üfen.: Denn wie. soziale Konflikte dadurch ent- *i) lit den Spalten eines Zeitungsartikels ist es unmöglich, eine Viollständige Würdigung von Borochows Bedeutung' für die Theorie, und;Praktik der Poale-Zfonpeweaung zu geben. Bei einer anderen Gelegenheit werdeich .versuchen, dies zu tun. Momentan fehlt mir auch das nötige Material; ich zitiere aus dem Gedächtnis. stellen, daß bei einer gewissen Entwicklrrngsstufe des jrcsollschrililiehen. Lebens die existierenden P r o d i; ktionsbezic hu ngeii (d. h. : Beziehungen zwischen besonderen gesellschaftlichen Gruppen tKiasscnj während des Produktionsprozesses zueinander) nicht mehr der Entwicklung 'der Prodiiklionskrähc der gegebenen Gesellschaft entsprechen, genau so entsteht ein nationaler Konflikt dann, wenn die Produktionskräftc einer gegebenen Gruppe ihren P r o d u k t i o n s b e - VI i n g u n g o n nicht mehr entsprechen. Wie bei einem sozialen Konflikt die beledigte Gruppe die Produktionsbeziehungen zu ändern slrebj will auch die nationale Gruppe bei einem nationalen Konflikt ihre Produklionsbedingungen — selbstverständlich die historisch-gesellschaftlichen — ändern. Weil aber die nationale Gruppe nicht aus einem Guße besteht, sondern sich in Klassen teilt, und da eben jede Klasse von den Produklionsbedingungen auf andere Weise — ihren Klasseninteressen entsprechend — beschränkt wird, nimmt auch der nationale Kampf bei einer jeden Klasse besondere Form und Inhalt an. Auf Grund dieser Feststellungen gibt ßorochow jn „Unsere Plattform" eine genaue 'Analyse der nationalen Konflikte einer jeden Klasse im jüdischen Volk: clor Groß-, Mittel- und Kloinbourgeoisie, der proletarischen Massen und des Proletariats, ßorochow hat deutlich die Gegensätze aufgedeckt, die sich als zwei konträre Prozesse im jüdischen Leben abspielen: Die Zupassungs- und Isol.ierungstendenz, und ihre Bedeutung für die einzelnen Klassen. Die Großbourgeoisie ist kosmopolitisch gesinnt, da ja auch das Groükapi- -^aLkosnjonoljtisiJi.jinjcl, ven c,ejtiPin Xrägw-r^'^ .«nil^hir.lsfe Für sie existiert die nationale* Frflege* •dhi' "in dem Maße, als sie dem „armen Verwandten aus dem' Osten" hie und da" einen Groschen: zuwirft. (Z. M.< American Joint Distrib. Com.) Die mittlere Bourgeoisie sucht einen Ruheort, die sich proletarisierenden Massen einen, Arbeitsplatz. Die unnormale Lage' des jüdifchen Proletariats, seine unnormalen Produktionsbedingungen sind eine Folge der ungünstigen .strategischen Basis. „Die nationale Anomahe der strategischen Basis des jüdischen Proletariats enthält in sieh, viel mehr als die. „verengte" geistige Kultur, aui die der Bund sein nationales Programm stützt. Die Anomalie besteht auch nicht in der „berühmten" unnormalen Proietarisieruing und Emigration des jüdischen Volkes. Sie besteht vielmehr in. der a u i.! c r o r d e n 11 i e ü e u Schwierigkeit, den Klassenkampf 'zu füllten.und der a u ß e r.g e w ö Ji n J i o h e n Mühe und Not, den jüdischen Arbeiter zu organisiere n . und . zu disziplinieren, der in einzelnen'kleinen Handwerksbetrieben verstreut ist, was auch dem kleinen, ökonomischen und politischen Einfluß entspricht, den das unorganisierte jüdische Proletariat ausübt.", Auf diese Weise hat Borocbow eu passant die unrichtige, nicht wissenschaftliche und zweideutige These von der jüdischen „Nichtproletarisiei'ung" entschieden widerlegt. ^waihat man schon vor Borochow nicht 'wenig über-jüdische Emigration geschrieben, er aber hat als erster ihren Charakter, Gesetze und Tendenzen ihrer Juitwieldimg: vorgezeichnot. Er hat gezeigt, daß die jüdische Emigration von großkapilafistischen und groliagrarischen Staaten zurückgestoßen wird, „daß in der jüdischen Emigration, die neue Tendenz reif wird, in ein solches Land zuwandern, wo die jüdischen kleinen Kapitalien und die jüdisch1 Arbeit Beschäftigungfinden insolchen .Produktionszweigen, welche die Ucborgangsjtorm von Stadt — in Landwirtschaft von der Produktion der Konsuniptionsnuitol zur Erzeugung der Produktionsmittel bilden." Ein solches Land ist Pn. lüstina. Borochow hat auch festgestellt, daß nur durch den Palastinagedanken sowohl unserem, als auch den anderen-Parteiprogrammen nach, nur durch den Klassenkampf realisiert werden TTanu. Die Losung Klassen-' kämpf hat Borochow am H. ordentlichen Parteitag der rußländischen Partei (August 1917) selbst ausgegeben und verbreitet. Indem er zeigte, daß die Realisierung dos l'aläsfinisinus nur auf der Linie des Klassenkampfes liegt, wies er auch uns den Weg .zum Aufbau Palästinas. Seine Methode! die wir alle - av.ßer den Rechten — crutheißeji und befolgen, hrii.it: Klassen a k t i v i t h i u n d K I a s's o n k a m p f. K i r. Zu Borochovfrs dritten Todestag, Leber Borochov hal mau viel geschrieben und gesprochen, eine richtige, allseitige Würdigung jedoch ist bis jetzt nicht gegeben worden. Die Zeit ist noch nicht reif dazu. Der Erscheinungen Flucht ist so geschwind, des Kampfes Tosen so laut, die Gemüter so erregt. Es fehlt die nötige Zeit und h'uhe zum Nachdenken. An der Front baut man keine Ehrendenkmnier für gefallene Helden, es bleibt höchstens Zeit für ein Ehrenbegräbnis . . . Unsere Zeit schafft ihrem urtiefsten Wieseh nach das Kollektiv bewußtsei u. Die Masse, ertränkt, einem tobenden Meere gleich — den einsamen, großen Denker, der sich ihr entgegenstellt, in ihrer Flut und trägt denjenigen, der mit dem Strome schwimmt, mit unwiderstehlicher Kraft davon.- Für Trauer für die verlorene Einzelpevsöjüichkeit hat sie keinen Kaum. Kein noch so empfindlicher Verlust kanni die Generation ganz erschüttern, die doch soviel verliert, aber noch mehr gewinnt. Dieser Mangel an Trfiuergefühl ist umso vorstäudlieher, wenn wir bedenken, daßi Ber Borochow schon am Vorabende seiner schöpferischen Tätigkeit gestorben ist. Denn was er gegeben hat, ist ja nur dor kleinste Teil dessen, was er hätte geben können. Kaum hat er die Werkstatt vollendet, wo er seine großen, wissenschaftlichen Arbeiten auszuführen gedachte. . . Borochow kann überhaupt nicht bloß seinen t^ihrift^H cwth Väiirtalt -werden. DcilV. ui,ise (sliju »jfi. ,nür' Ideine "Teile sedner*' Gtsistcslöraf^' Blatter -seines ariol- iistigen gu'ihigol'deiienvLö'ben^D'aumes.', : 1 \' Er mußtei ■von* seinen nochlobenden, ^re'iinden. und -. Schülern gewürdigt 'werden, die mit*., -ihni unmitjtelbar in Berührung kamen.' Der von mündlicher Ueberlieferung her bekannte Borochow. ist viel reicher an "Wert,-, als der nur'hi den Schriften"• verborgene. Seine ganze große Geistoskraft müßte--im Lichte der persönlichen Finwirkiuig und Beeinflussung wiedergegeben werden — leider'ist aber - dazu unsere Zeit, am ..allerwenigsten geeignet.. 1 , . Borochow war Journalist, Politiker, Parteiführer .-: ,un(L Genosse zugleich, all'dies mit dem, bedeutend-., sten Erfolg. Vor allem war er aber ein hervorragender M a n n des ' W i s s e -n s. ' Borochow ist auch ohne Zweifel, dertüchtigsie Theoretiker — Theoretiker, in modern europäischer Bedeutung —- auf der jüdischen Gasse. Sogar in der jüdisch-bürgerlichen -Welt, die doch an geistigen Mitarbeitern reicher ist als die -proletarische, wird man 'schwerlich einen3finden,' "der ' an Boroelio\vs- Seite gestellt Averden könnfe. Die jüdische Publizistik hat .zwar sicherlich größere Geister, Männer mit besserer Form und Stilgewandtheit hervorgebracht' als ,'Boroehdw. Ideologen von wissenschaftlicher Kapazität jedoch, hat;sie,bis auf Borochow nicht gekannt. Die jüdische sozialistische Welt besitzt leider keinen Uebert'Uvü an echten Theoretikern. Mittelmäßigkeit ist; die Minderheit, weniger als mittelmäßig die Mehrzahl unter ihnen. Die iiiteste jüdische' Arbeiterpartei, der „Bund.--, hat -manche .gute, .geschickte jüdische Publizisten und Agitatoren hervorgebracht,' vielleicht auch zwei, drei fähige politische Führer. Jüdische Kaulskys, Plecha.nows, Lenins und sogar Martows sind in ihren l'f.ihen nicht, zu verzeichnen. Die ' nationalsoziale Weh hat schon Menschen höheron Stils und komplizierterer Lebensauffassung^ hoi'.angobüdot*. wie z. B. Syrkin und Schitlowsky. Trotz, alledem hat sie keinen Theoretiker des, jüdischen }'S9.ziaüsmds. /zutage gebracht. Dr. Syriern., ist. bei . seiner' nicht •alizuspreeheriden goirftigfui' Eigenartigkeit 'doch* kein. Manu von ^>vissenscha(tli('her Arbeit irnij Forscliung.'' |?r vgej Hört eher zu', jenen .^efischen^, j^t'.'clejioTi\n. sich; ^ohV; strahlende [-doc-nfi^nk-encu'wocken, 'abeA'N jao^Btt^cpÄ«^ ewigen nähtonden Feiieriergh'ihon.; » ., Dr. SciU.tlovsky ,wa.r|Cauch 'i£rsei|i4ji".'g^nV;en^t^|',:;; Ivpochefücht viel öiehr . als?dör 'Vorireffüe^e -^^uj^rif sator 'xuxd■' talentyölte.'- <X3eo&pü&tzefc1 fremder. ,t ^Qdaiäesi ' insj Jüdische^.'Er* wa^r iir^^ und \|erkünder' -eMer' Itleblogie,- ••'d]e»s^a^c^ayb"^jal^sl - mus'iaberVnie^t^ derv Tdeolog -einer neilfn ^üitujV -j , Der erste;;:3er ^die jüdisöHe nroletarisohe /Bewegung in modern,' wissensohäftüche-'-Bähneia '-:JeitcJtey?*War->..Bo^