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Freie Tribüne · 1920-11-20 · 40-41 (20.11.1920) · page 5

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
40-41 (20.11.1920)
Date
1920-11-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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NR. 40-41 sich nicht mit Oppositionen und Demonstrationen begnügt. , v : Der Friede mit Rußland ist schar, geschlossen; was aber noch nicht geschlossen wurde, das ist der Friede mit — der jüdischen Bevölkerung. Die „Verständigungskonferenzen" tagen gewöhnlich, wenn sich Polen in Nöten befindet und internationale Interventionen zu erwarten wären. Dieselbe Verständigungskomödie wurde ebenso zur Zeit des Versailler Friedensschlusses aufgeführt, wie später während der Tagung der Sitzungen des Obersten Rates in Spaa und jüngst bei den Rigaer Verhandlungen. Mögen iiire Regisseure, der Nationaldernokrat Grabski, oder der Sozialist Daszunski gewesen sein, das Wesen dieser. Verhandlungen und ihr Ergebnis blieb immer dasselbe. Reden, Reden, nichts als Reden und Augenauswischerei. Aufhetzende Aktionen gegen die Juden-Bolschcwiki werden nicht bloß von der offiziellen Polnischen Telegraphemagentur in ihren tendenziösen Meldungen, sowie auch vom Generalstab und Kriegsministerium mit Erfolg durchgeführt, sondern auch vom Bauern-, Antisemitenführer und Ministerpräsidenten Witos sanktioniert. Bis zur Sejmtagung war das Schlagwort vom „jüdischen Verrat" gang und gäbe. thirch die Interpellationen der jüd. Abgeordneten hatte jedoch dieser Tatbestand eine ganz andere Beleuchtung erfahren. An Stelle der „Judasse" traten nun die, „eingeborenen Patrioten", die mit dem Vorrücken der Bölschewiki unverhohlen ihre offenen (materialistischen) Sympathien für diese bezeugten. Das offizielle Material, das auf den bolschewistischen Einfall und ihre vorübergehende - Okkupationsherrschaft in den verschiedenen polnischen Provinzstädten Bezug nimmt, enthält sehr interessante, manchmal sogar groteske Dokumente: nicht bloß Organisationen ider „Sozialy Patrioten" traten geschlossen, wie z. B. in Bialystok, zu den Kommunisten über, sondern auch Ortsgruppen der kleinbäuerlichen Parteien haben sich dem Bolsche- ✓wismus gegenüber nicht allzu spröde gezeigt, ja sogar manche Sozialdemokraten haben „ihre guten Dienste" angeboten. Für diese allgemeinen „Verfechtungen" und „Verirrungen" mußte jedoch der Jude den Sündenbock abgeben. « Der Friedensschluß zwischen Petljura und Pilsudski hatte seine volle Berechtigung. Gleich und gleich gesellt sich gern. Lomscha, Rowno und Bialystok sind blvutige Beweise der angestrebten polnischukrainischen „Verständigung". Die Konzentrierungslager der jüdischen Soldaten in J a b 1 o n n a und Petrikau, dürfen,wohl den von Kitchener schön angewandten „Burenlagern" gleichgestellt werden. Hier hilft kein Grollen, noch Beschuldigen. Da können bloß die schärfsten Gewalt- und Sühnemittel angewendet werden, um das ganze, faule, regierende Schandgesindel, das die „Ethik', der westeuropäischen* Kultur so getreu versinnbildlicht, zu züchtigen und vertilgen. Friede mit Rußland. Das hindert aber die polnische Regierung nicht, auf ihrem Gebiete ein neues Nest konterrevolutionärer Umtriebe wohlwollend zu dulden. Boris Sawinkow und General Balachawier sind seine Organisatoren. Zwar hörten wir bis nun nur wenig von öftren Erfolgen gegen die; Bolschewiken, doch haben sie an den Juden manche „Ruhmesblätter" erworben. In dem engen Urnkreise ihres Betätigungsfeldes, in Wolhynien und Weißrußland ist fast keine jüdische Stadt dem Pogrom entgangen. Als nun, trotz der Wachsamkeit der. Zensur, die Wahrheit über die schrecklichren Pogrome in P i usk.i Kamin-Kaschirsk, bei Cholm . u,nd Kowel, von den\ neuen Opfern der Bntente-soldaleska von tausenden Toten und Verwundeten, von vergewaltigten Mädchen usW. in die Oefrentlichkeit drang, sah sich auch der ehemalige Terrorist, der Autor des .bleichen Rosses" zu einer offiziellen Stellungnahme veranlaßt. Er hatte die Vertreter der jüdischen .'bürgerlichen Presse zu sich geladen und hatte Ihnen die schärfsten Maßnahmen „seiner Regierung" gegisn die Pogrome in Aussicht gestellt. Diese Komödie hatte -in einem Aufrufe „an die Gründer des neuen freien Rußland" ihre Bestätigung gefunden. Hiebe! fehlte auch nicht die wohlwollende Aufnahme bei der bürgerlichen jüdischen Presse, die zu diesem Zwecke einen leibhaftigen jüdischen „Bolschewikitötei", d2n Offizier Z eitlen erfand. Dieser soll sogar ein jüdisches Bataillon in der freiwilligen Armee gegründet haben. So hat auch die Verbrüderung zwischen den „Enterbten" der jüdischen Bourgeoisie und den ..Schwarzen Hundert" der Reaktion auf dem Hintergrunde der polnisch-jüdischen Verständigung stattgefunden. RUNDSCHAU- Bergarbeiterstrieik in England. Es ist bezeichnend tür die jetzige Katastrophe der kapitalistischen Weltwirtschaft, dass die ökonomischen Krisen in Perioden von.se hr kurzer Dauer auftreten und mit größler Genauigkeit, bis auf den Termin ihres Erscheinens fast, nach ihrer Verteilung auf die einzelnen Industriezweige sich bestimmen lassen. Ein Beispiel liierfür bieten die seit 1918 jährlich .(im Herbsti wiederkehrenden »Krisen der lebenswichtigsten Produktionsgebiete und des Transportwesens in den siegreichen Eiitenteländern. Uns allen haften noch.in frischer Erinnerung die großen Streiks in der Kohlen- und Eisenindustrie, die im Herbst vergangenen Jahres die beiden angjosächsischen Reiche diesseits und jenseits des Atlantischen Ozeans zu sprengen drohten. Wie damals der Bergarb^iterstreikiti Amerika seine unmittelbare Wirkung auf die Eisenindustrie ausübte und in motwendigeF Folge, die Arbeitseinstellung der Transportarbeiter, der Bisenbahner und' Hafenarbeiter, heraufbeschwor, so konnten wir auch, im Anschlüsse ^nj den großen Streik der Eisenbahn arbeite r im Oktober 1919 die Stockungen in der Textilindustrie, der Eisenindustrie und die teilweise Krise in den Kohlenbergwerken Englands (z. B. in Südwales) feststellen. , Es bedurfte keines Propheten bei der Schlichtung der damaligen Konflikte zwischen Kapital und Arbeit, um deren baldige Wiederkehr in schärferer Form voraussagen zu können. Daß aber diese Prognose heuer so buchstäblich in Erfüllung gehen wird, konnte auch der größte Schwarzseher kaum ahnen. Es scheint diesmal bloß d i e R ic h t u ng der Ausbreitung der Kohlenkrise und die R eih cnf olg c.'der von ihr betroffenen Länder zu wechseln. Hatte im vorigen Jahre, Amerika, welches-durch ein stets wachsendes Erlahmen der Kaufkraft des Kontinents, zunächst von der Krise cler Ueberproduktion und der darauffolgenden Arbeitslosigkeit betroffen wurde, den Reigen eröffnet, so wird im Herbst 1920 das siegreichze Britenreich t o n a n g e b e n d. Die unmittelbaren Wirkungen des englischen Köhlenarbeiferstreiks machen sich zunächst ^auf dem europäischen Kontinent bemerkbar. Daß die Kohlenarbeiter von Frankreich und die der Tschechoslowakei dem Beispiele ihrer englischen Genossen zu folgen bereit sind, findet darin seine Erklärung, daß die allgemeine Verteuerung der Lebensmittel sie am meisten trotz der gleitende nSka-- l a der" Löhne betroffen hatte. Nur mehr ein B.eweis für die Tatsache, daß die Hoffnungen auf die Welternte des Jahres 1920 auch diesmal sich' als trügerisch erwiesen haben und1 daß die Arbeitsmöglichkeit des Proletariats ebenso gesunken wie seine Kampflust gestiegen ist. - Die Forderungen, welche die englischen Bergarbeiter jetzt an, ihre „Arbeitgeber" gestellt haben, verdienen, eine besondere Beachtung. Denn sie sind ausdrücklich nicht bloß auf ein Lohnerhöhung (um zwei Schilling) gerichtet; sondern zielen gleichzeitig auf eine relative Ermäßigung" der Kohlenpreise ab. Hierdurch wird aber unverhohlen zum Ausdruck gebracht, daß das englische Proletariat seine gesellschaftliche Stellung der Lohnsklaverei nicht mehr als „gesetzlich und natürlich" anerkennt, wie es die bürgerliche Verfassung vorzieht, sondern das.Recht auf die Kon-» tro IIe der Produktion und die Regelung des Wirtschaftslebens überhaupt beansprucht.' Eine neue Phase de? Arbeiterbewegung im Westen Europas wird dadurch gekennzeichnet. Sie ist eine Wiederholung der Kampfentwicklung des russischen , Proletariats von der März- bis zur Oktoberrevolution 1917, das in gleicher Weise cjie Kontrolle der Wirtschaft als sein ursprüngliches und eigenstes Ziel proklamiert. Unter diesen Voraussetzungen wird auch der Widerstand der englischen Regierung gegen die „Vergewaltigung des Volkes, durch eiiie Minderheit" recht verständlich. Stand doch die Beseitigung der „staatlichen Kontrolle der Wirtschaft" durch ein neues Prinzip, der proletarischen Kontrolle auf dem Spiele, sollte doch die „private Selbstkontrolle" der Kapi-- talisten in Sachen der Ausmütziing und des Preistreibens durch die der ganzen Gesellschaft ersetzt werden! — N » Wie Aktion der Massen über die Köpfe der Führer . hinweg wird zu einem K e n n>z eichen der letzten Zusammenstöße. zwischen . Kapital und Arbeit. Daß hierdurch äüch die konservativsten \ Arbeiterparteien aufgerüttelt werden, beweist die Revision des Programms der „Unabhängigen Labour-Partei", welche von einer „Revisionskommission" als Projekt feiner spe- , ziehen Konferenz zur Bestätigung vorgelegt wird. Die wesentlichsten Aenderiingen sind: Anerkennung der „direkten Aktion des Proletariats als eines außerordentlichen Mittels, das die;''organisierten Arbeiter anwenden dürfen.". „Die Zentralge>valt wird durch einen Generalrat, der sich zu gleichen Teilen aus Vertretern der Nationalversammlung, und Delegierten der Zentralkörperschaft der Produzenten, und Verbraucher zusammensetzt, ' ausgeübt, Um die Verwirklichung der verschiedenartigen Ziele zu erreichen, müssen die zeitgegebenen Methoden verbessert werden. Bei dem gegebenen Wahlsystem kommt es häufig vor, daß das Parlament nicht mehr t a t s ä c h I i c h1 d i e Nation vertritt und daß die Regierungen n a ch Beliebe n dem Vo 1 kswi 11 en zu wi der h andei n -körinenTl Soweit die Neuauflage des-Programms der „Unab* hängigen-Labourpartei". Doch soll dieses -Prpjekt auf den starken Widerstand . einiger „Führer", so auch Ramsqy Makdonalds, stoßen. Die revolutionäre Entwicklung wird diesen ohne Zweifel bald zum Bewußtsein bringen, daß ihre papierenen Revisionen „de jure" schon durch das „de facto" der' GeicSichJie längst überholt sind, * ( i Die „Fleischwerdudff de* Volkswlllsns." „H arding gewah 1t! Diese Freudennachricjft aus der „Neuen Welt" verbreitet sich mit Lichtgeschwindigkeit über die ganze Erdkugel und droht auch die feinsten Aeonen zu erschüttern. So wenigstens verkünden es die Verehrer und Bewunderer der kapitalistischen Weltenordniing, die die; Wleltgeschehnisse nach den „Notierungen" der „Börse" vorauszusehen gewohnt sind. Die Züricher Börse hatte auf das Ergebnis «der amerikanischen Präsidentenwahl mit stürmischem Senken aller europäischen Valuten geantwortet, — „die Börse hatte sich der größten Zurückhaltung befleißigt," — so und nicht anders jargonieren und jubeln allen voran die Schmöcke und Börsianer. Und sie haben volles Recht, doppeltes Recht dazu. Denn nicht bloß dies ist das bemerkenswerte und Großartige, 'daß ein Vertreter des republikanischen Finanzkapitals, ihres Abgottes, durch „den Willen eines iftillicnenvolkes zu seinem höchsten Herren und Gebieter erkoren wurde," nein, ein noch Gewaltigeres ist geschehen! Sage mir, Muse, den Ursprung des Sterblichen, dem solches geschah?" Ein Journalist ist es, (er allein und kein anderer),, so triumphiert die „Neue Freie Presse" in einem Leitartikel. Also einer von der „Branche —, dem die höchsten gesellschaftlichen Ehren zuteil wurden". — „Wir können stolz sein." Der „Volkswillc" ist Fleisch -geworden, die „De^ mokratie'1 hat sich inkarniert. Doch noch ,nie sind diese Schlagworte so sehr, „ad absurdum" geführt wrden, wie in den amerikanischen Präsidentenwahlen von 1920. Zunächst die Persönlichkeit des Präsidenten. Es pfeifen drüben alle Spatzen auf den Dächern, daß das Weiße Haus ven Washington einen solchen Präsidenten noch nie in ihren Räumen hatte begrüßen können. Obwohl es schon manche Berühmtheiten gesehen. : „Er ist außer Stande, logisch zu denken und sich korrekt auszudrücken, er versäumt keine Gelegenheit, seine Dummheit zur Ausstellung zu bringen," so schreibt Hubert Langerok im „Populaire" über den neuen Präsidenten. Ein leibhaftiger Journalist, wahrlich. Ein würdiger Nachfolger des/hirnkranken Gründers der Völkerliga. Ein Millionenvolk jenseits des Ozeans hatte sich, wie oftmals schon, in einer erbärmlichen Wahlfarce dazu herbeigelassen,. den Willen eines Teiles der amerikanischen Plutokratie zum höchsten Gesetze zu erheben. Gomperz und die Gewerkschaften haben z]war die Losung für Cox ausgegeben. Doch schon einen Tag nach den Wahlen haben -sie, .ebenso wie Cöx selbst, den neuen Präsidenten begrüßt und gefeiert. Finita la com'edia. Wird sie nach vier Jahren wiederum beginnen? ' . Wir wissen, daß diese Frage im engsten' Zusammenhange mit der Entwicklung des revolutionären Spzialismus in Amerika steht. Bei diesen Wahlen hatte der Sozialistenführer Debs, der fast drei Jahre ,,im freiesten Lande der Welt'' bloß der pazifistischen Propaganda wegen im Kerker schmachtet, mehr als zwei Millior nen sozialistischer Stimmen vereinigt. Diese Anzahl hat sich seit 1916 also fast verzehnfacht. Die Frauen, die zum ersten Male an der Wahl teilgenommen, haben zu diesem Ergebnisse wesentlich beigetragen. Alle diese Anzeichen sprechen dafür, daß auch' die infamste Kommunistenhelze dem stetigen Wüchse des revolutionären Sozialismus keinen Abbruch tun Wird. Die ökonomische Krise, die durch die Ueberproduktion fast permanent geworden ist, wird zur Revolutioniierung der Massen und zur, Ausmerzung der k leinbürge r lic h en, n a p o Leo nis ch en Ideologie der amerikanischen Arbeiterschaft ihr Uebriges tun. Die Internationale 2%. (Man Kann zwar verschiedener Meinung über Zahlen, ihren Wert und ihre Symbolik sein,. Eins bleibt jedoch auch in unserer so zweifelsüchtigen Zeit ugbesrteitbar vund unleugbar: die Motive, die Handlung, und der Wille allein sind entscheitend, wenn auch die Kräfte fehlen! . . Diese Gedanken kamen mir unaufhaltsam in den Sinn, als ich den Aufruf der Sozialisten der Schweiz zur Bildung einer neuen In-te;rnationa 1 e gelesen hatte. Ja, weicht"^ eigentlich, fragt der Leser. Das ist die hämlet'sche Frage? Da ich nicht selbst in die Brüche gehen will, um die Fra.r,<: zu entscheiden, so beschränke ich mich hier, den „erwähnten Aiifruf zu zitieren: „B<4i Vollzugsausschuß und das Zentralkomitee sind beauftragt, mit allen Parteien des Auslandes, die der III. Internationale sich anschließen wollen, aber zugleich die Erklärung abgegeben haben, daß sie die 21 Bedingungen nicht annehmen können, in Verbindung zu treten." Somit ist Klar: der Wille ist zu loben, wienn auch der Schwäch'ezustand (des Nichtkönnens) sehr be~' dauerlich ist. Dies alles aber setzt die Ehrenwertigkeit der Urheber der Brüche internationale außer jeden Zweifel, wie-auch der nächste Passus des Aufrufes zeigt: „Infolge der Bitten, die uns aus Frankreich, Deutschland,-England und Amerika zugekommen sind, lädt der, Vollzugsausschuß der Sozialisten der Schweiz alle Parteien, die aus der II. Internationale ausgetreten sind und der III. sich anschließen wollen, ein, mit; zwei oder drei Delegaten die Konferenz, welche am 27. und 28, November in Bem stattfinden wird, zi} beschicken." "Also wiederum nach Bern. Der Genius loci scheint somit auch über die II. Internationale hin a u sgehen zu wollen; „Uns liegt daran zu betonen, daß-wir keine Absicht hab en, eine Organisation gegen die III. Internationale zu schaffen, wir wünschen bloß, imstande zu sein, einerseits üm Spaltungen, die den ganzen europäischen So-

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